Spannender Reiseführer

Kultur / 04.04.2014 • 18:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neben ihrer Fabrik durften Arbeiter in Vorarlberg auch einmal Gemüse pflanzen.  Foto: Stadtarchiv Bregenz  
Neben ihrer Fabrik durften Arbeiter in Vorarlberg auch einmal Gemüse pflanzen. Foto: Stadtarchiv Bregenz  

So kompakt wurde die Vorarlberger Industriegeschichte noch nie zusammengefasst.

Sachbuch. Es ist schon über 20 Jahre her, seit Detlef Stender den Führer „Industriekultur am Bodensee“ veröffentlicht hat. Dort waren erstmals auch etliche Baudenkmäler aus der Zeit der frühen Industrialisierung in Vorarlberg beschrieben. Dass es in dieser Beziehung aber weit mehr zu zeigen und zu erinnern gibt, dokumentiert nun der neue Führer zu Industriedenkmälern in Vorarlberg. Die Historikerin Barbara Motter und die Kunsthistorikerin Barbara Grabherr-Schneider, fotografisch begleitet von Friedrich Böhringer, haben eine intensive Forschungsreise durch ganz Vorarlberg unternommen und sind mit reichen Funden an ihre Schreibtische zurückgekehrt.

Nun haben sie einen Führer vorgelegt, der nicht nur die Fundstellen zugänglich macht, sondern eine „raumbezogene Kulturgeschichte“ der Industrielandschaft Vorarlberg zum Ergebnis hat. Das Buch ruft in Wort und Bild in Erinnerung, wie ein Bauernland innerhalb von 100 Jahren durch Fabriken, Siedlungen,

Villen, Wasser-, Bahn- und ­Straßenbauten

sichtbar und grundlegend verändert wurde. Der dramatische soziale Wandel, der mit dem Bau der industriellen Infrastruktur einhergegangen ist, wird am Beispiel zahlreicher Objekte miterzählt. Überall ist auch von den Menschen die Rede, die als Unternehmer und Planer für die Bauten verantwortlich zeichneten, und auch von jenen anonymen Arbeitern und Arbeiterinnen, die in den Fabriken ihr Brot hart verdienen mussten.

Erinnerungsorte

An den Baugeschichten wird auch deutlich, wie sich die Vorarlberger Industrie im Laufe des beschriebenen Zeitraums verändert hat, wie an den einzelnen Standorten an- und umgebaut und auch abgerissen wurde, wie neue Energieträger und Maschinen bauliche Adaptierungen erforderten; und schließlich wie die ehemalige Vorarlberger Leitindustrie, nämlich die Textilproduktion, innerhalb von zwei Jahrzehnten fast völlig zusammenbrach.

Viele Industriekomplexe sind deshalb nur noch Erinnerungsorte: Dass hier aber keine Verklärung oder Romantisierung ehemals harter wirtschaftlicher Realitäten stattfindet, dafür sind die Autorinnen durchgehend besorgt.

Das Buch soll nach dem Wunsch der Autorinnen einen Teil „der bisherigen Forschungsergebnisse in kompakter Form dem Spaziergänger zugänglich machen“. Diese Absicht wird denn auch rundum eingelöst. Und nicht nur das: Selbst der Stubenhocker, der an anregenden Texten, einsichtigen Erklärungen und historischen und aktuellen Bildern interessiert ist, wird bestens bedient. So kompakt ist die Vorarlberger Industriegeschichte noch nie zusammengefasst und bildlich dargestellt worden. Das Buch ist ein spannender und kenntnisreicher Reiseführer durch die historische Vorarlberger Industrielandschaft mit hohem praktischen Gebrauchswert. Zugleich aber auch ein Geschichte(n)buch, das viel vom komplexen Werden und Vergehen der jeweiligen wirtschaftlichen Verhältnisse zu berichten weiß. Wer mit dieser historischen Sonde auf Spurensuche geht, wird bestens geführt; und wer nur nachschlagen will, wird von der eingefangenen Vielfalt überrascht sein und von der Systematik des Buches profitieren.

   
   

Barbara Motter/Barbara Grabherr-Schneider, „Orte – Fabriken – Geschichten. 188 historische Industriebauten in Vorarlberg“, Haymon Verlag, Innsbruck/Wien 2014, 335 Seiten