Über den See und dann einfach nur abtauchen

Kultur / 04.04.2014 • 21:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Matisse: „Femme assise“ (Sitzende Frau) aus dem Jahr 1938, Kohle auf Papier, Privatsammlung Deutschland. Fotos: Stadtmuseum Lindau  
Matisse: „Femme assise“ (Sitzende Frau) aus dem Jahr 1938, Kohle auf Papier, Privatsammlung Deutschland. Fotos: Stadtmuseum Lindau  

Lindau hat erneut einen Magnet aktiviert: Dieses Mal heißt er Henri Matisse.

Christa Dietrich

Lindau. Es gibt ein paar Orte auf der Welt, an denen jeder, der sich für die Kunstgeschichte interessiert, einmal gewesen sein möchte. Was die Alten Meister und vor allem die Kunst der Jahrhundertwende oder die aufkeimende Moderne betrifft, hat Wien einiges zu bieten; vor Walter De Marias „Earth Room“ in New York mag man auch einmal gestanden sein, abseits der ganz großen Museen in Paris und neben dem Verweilen vor Monets Seerosen (von denen es auch in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen ein schönes Beispiel gibt) will man sich aber unbedingt auch eine Zeit lang vor der „La Danse“-Reihe von Henri Matisse im Musée d’art moderne de la ville, dem Palais de Tokyo, aufhalten. Etwas von der Auseinandersetzung bzw. dem In-sich-Aufnehmen von Linie und Form bietet nun das Stadtmuseum Lindau im Haus zum Cavazzen auf der Bodenseeinsel. Viel Aufwand bedarf es nicht – über den See und dann einfach nur abtauchen.

Obwohl die Ausstellungsserie, die vor wenigen Jahren mit Zeichnungen von Picasso begonnen wurde, das kleine Format nicht nur berücksichtigt, sondern ihm im Ausmaß der Präsentation auch entspricht, zählen die Projekte längst zu den großen Unternehmungen in der Bodenseeregion, die jeweils mehr als 50.000 Besucher anziehen. Mit dem Kurator Roland Doschka hat man sich allerdings auch nicht nur einen mächtigen Fisch geangelt, seine Kenntnisse auf dem Gebiet der klassischen Moderne und ein beachtliches, hochprofessionell gepflegtes Netzwerk ermöglicht es der Stadt Lindau, im Gewölbe des historischen Gebäudes am Marktplatz jeweils eine Auswahl von Meisterwerken zu zeigen, die man, da sie sich zumeist in Privatbesitz befinden, anderswo nicht bzw. kaum zu Gesicht bekommt.

Exklusiv und beispielhaft

Bei Picasso, dessen Œuvre mit den einzelnen Kapiteln sich im Kleinformat nachvollziehen ließ, verhielt es sich so, bei Chagall konzentrierte man sich auf einen speziellen Schwerpunkt, Miró war wiederum in seiner Vielseitigkeit präsent, und bei Matisse ist es einerseits ein hervorragendes, exklusives Beispiel aus dem Alterswerk, das von einzelnen Werken so umrahmt wird, dass man das Schaffen im Großen und Ganzen zu fassen bekommt. Über die Jahre ermöglicht man es somit den Besuchern, sich neben dem schönen Erlebnis Basiswissen (auch zum besseren Verständnis des Zeitgenössischen) anzueigenen, selbiges zu vertiefen oder es zurechtzurücken.

Knapp 40 Werke von ­Henri Matisse (1869–1954) sind es nun, die den Einfluss der prägenden Künstlerpersönlichkeit verdeutlichen. Die Mappe mit den 20 Blättern, die den in den späten 1940er-Jahren entstandenen Zyklus „Jazz“ ausmachen, steht im Mittelpunkt. Die Motive konfrontieren die Betrachter mit den Themen, die für die Maler des frühen 20. Jahrhunderts entscheidend waren, waren sie doch im Begriff, von Auftraggebern unabhängige freie Künstler zu werden.

Der Zirkus oder der Clown als Identifikationsfaktor ist so ein Beispiel. Nicht verwunderlich, dass er hier in den Motiven breiten Raum einnimmt. Das Selbstbewusstsein im Ausdruck oder die Befreiung der Farbe sind weitere. An den Fauvismus mag man denken, wenn man sich mit Matisse auseinandersetzt, auch an die Tatsache, dass und wie es möglich wurde, Farben unabhängig vom Vorkommen in der Natur zu wählen. Franz Marcs Pferde mag man in Erinnerung haben, wenn man das violette Tier von Matisse sieht. Und was die Form betrifft, ist zu erläutern, dass der damals bereits erkrankte Künstler zur Schere griff, die den Zeichenstift ersetzte.

Poesievoll

Die Fertigkeit mit dem Stift bewundern wir immer wieder in den Porträts und Akten, in denen sich die klassische Manier (etwa in der Haltung der Frauen) sowie der Aus- und Aufbruch spiegeln. Ob es nun der sichere Strich ist, mit dem florale Gebilde oder ein Gesicht aufs Blatt kamen, oder die Poesie, die den Werken innewohnt – gefangen nehmen sie eines nach dem anderen. Eine größere Anzahl muss dazu gar nicht vorhanden sein.

  „Chapeau de paille“ (Lydia), 1936.
  „Chapeau de paille“ (Lydia), 1936.
„Das Pferd, die Kunstreiterin und der Clown“, 1947.  

Die Ausstellung ist im Stadtmuseum Lindau (Marktplatz 6) bis 31. August geöffnet, Montag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr