Wegträumen? Nein, sich damit konfrontieren

Kultur / 04.04.2014 • 23:05 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Der Junge im Baum“ mit Alexander Julian Meile, Hanno Dreher und dem Spielbodenchor. Foto: VN/Rhomberg  
„Der Junge im Baum“ mit Alexander Julian Meile, Hanno Dreher und dem Spielbodenchor. Foto: VN/Rhomberg  

Der Spielbodenchor und eine Gruppe von Schauspielern behandeln ein starkes Thema.

Christa Dietrich

Dornbirn. Ob es an der Zugkraft des Spielbodenchores liegt, an der Tatsache, dass bekannte Vertreter der Vorarlberger Amateurszene mit Schauspielern aus dem Profilager gemeinsam auf der Bühne stehen, am Umstand, dass der Vorarlberger Komponist und Bassist Rolf Aberer die (Klavier-)Musik für ein Bühnenstück geschrieben hat, am Interesse an einem Text von Annette Raschner, der bekannten ORF-Journalistin (und Theaterkritikerin), oder einfach am starken Thema – jedenfalls war der Dornbirner Spielboden gestern Abend bis zum letzten Platz besetzt. Ein neuer Theaterverein namens „Zwischentöne“ hatte die Uraufführung eines Stückes mit dem Titel „Der Junge im Baum“ angekündigt und dabei verlautbart, dass es nicht nur um Kindesmissbrauch geht, sondern auch um das Leben, das Erwachsenwerden und das Erwachsensein des Betroffenen.

Mitschuld

Der Blick richtet sich auf das Opfer, nicht auf den Täter, dieser tritt nicht konkret auf. Braucht auch nicht aufzutreten, denn die Mitschuld der Eltern und jene der Gesellschaft ist offensichtlich, auch wenn sie nicht ausgesprochen wird. Damit ist bereits auf den Hauptaspekt des Stücks verwiesen, das sich einer überhöhten, manchmal gekünstelten Sprache und vor allem an Bildern bedient, die das Publikum dann selbst zusammenzusetzen hat. Da ist die Mutter, die sich das Leben mit dem Kind anders vorgestellt hat, da ist der eher teilnahmslose Vater, da ist die Freundin des Opfers, die mit dem Verhalten des Mannes verständlicherweise nicht mehr zurechtkommt. Und da ist vor allem das Umfeld, die Gesellschaft. Hier wird nicht nur verdrängt, sondern gar nicht wahrgenommen. Doch weder vergeht sich die Autorin in Schwarz-Weiß-Malerei, noch die Regisseurin Dagmar Ullmann-Bautz, die die Dialoge auf dem erhöhten Podium gut zur Wirkung kommen lässt, bei der Bewegung des Chores allerdings etwas zu oft rein plakative Szenen zulässt.

Dazu kommt, dass dieser eigentümlich bieder, fast schon unfreiwillig komisch gekleidete  Chor (Kostüme: Aglaia Lang) gelegentlich Artikulationsdefizite aufweist und das Schlusslied („Allein sind wir im Werden, allein auch im Vergehn, es ist nicht immer leicht, den Sinn darin zu sehn“) – vorsichtig formuliert – wohl sehr banal ausfällt. Der Heftigkeit des Applauses tat das keinen Abbruch. Alexander Julian Meile zieht souverän die Aufmerksamkeit auf sich. Mithalten können Andrea Pörtsch und Hanno Dreher. Und im Ensemble kommt es zu kleinen, fein ausgearbeiteten Szenen und Gesten, die haften bleiben wie das Thema an sich, mit dem man sich zu konfrontieren hat.

Weitere Aufführungen von „Der Junge im Baum“ am 6. und 7. April, jeweils 20.30 Uhr, am Dornbirner Spielboden