So kann auch ein trüber Klassiker zu strahlen beginnen

Kultur / 06.04.2014 • 21:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Kostüme für das Stück entwarf die Vorarlbergerin Natascha Maraval. Foto: Theater St. Gallen/Tine Edel
Die Kostüme für das Stück entwarf die Vorarlbergerin Natascha Maraval. Foto: Theater St. Gallen/Tine Edel

„Drei Schwestern“ als dichtes, buntes und immerhin stets spannendes Dreistundendrama.

Christa Dietrich

St. Gallen. Regisseur Tim Kramer sprach im Vorfeld von einer enormen Herausforderung, der er sich erst nach einer mehrjährigen Vorbereitungszeit stellen wollte. Für das Schauspielerensemble des Dreispartenhauses in St. Gallen ist es mehr als das. Letztendlich verlieh man dem 1901 uraufgeführten und in der Machart absolut revolutionären Stück „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow jedenfalls eine enorme Dichte. Dass die Spannung auch einer speziellen Buntheit zu danken ist, steht dabei außer Frage, verantwortlich dafür sind die beiden Österreicher Gernot Sommerfeld (Bühne) und Natascha Maraval (Kostüme). Maraval, die aus Lustenau stammt, ist an mehreren Bühnen in Deutschland und Österreich tätig, hat bereits bei den Bregenzer Festspielen gearbeitet und inzwischen schon einige Produktionen gemeinsam mit Kramer, der in St. Gallen  als Schauspieldirektor fungiert, realisiert. Ein ungemein klug aktualisierter „Nathan der Weise“ zählt beispielsweise dazu.

Sehnsuchtsvoll

Nun also „Drei Schwestern“, dieses Anti-Drama ohne Höhepunkt und Hauptfigur, über dessen Realisierungen im deutschsprachigen Raum sich im Allgemeinen ein Hauch von Melancholie legt. Schließlich sind Olga, Mascha und Irina ja auch nicht glücklich in der Provinzstadt, in die sie die Karriere des Vaters einst verschlagen hatte. Sie wollen zurück nach Moskau, bringen aber (privat in den Beziehungen sowie beruflich) nicht annähernd so viel Entschlusskraft auf wie Sehnsucht – nach einem interessanteren Leben, nach Erfolg und nach Liebe.

Mit nicht viel mehr als mit ein paar Säulen haben viele Tschechow-Interpreten schon die Bühne ausgestattet. Auf dem großen Podium in St. Gallen, wo mehrere Teppiche und bunte Stühle einzelne Spielfelder kennzeichnen, bleibt am Ende auch davon nichts mehr übrig. Das Reise-nach-Jerusalem-Spiel vor Beginn mag plakativ wirken, letztendlich schließt sich aber der Kreis.

Pointiert

Eine stringente Choreografie, pointierte Farbauswahl bei den Kostümen, perfekt eingestreute Musik (von Mozart bis Lehár) und ein sehr gutes Männerensemble machen wett, dass ausgerechnet die Schwestern-Besetzung etwas durchhängt. Diana Dengler (Olga) und Wendy Güntens­perger (Irina) haben durchaus starke Szenen, während Andrea Haller (Mascha) so oft outriert, dass auch die Verzweiflung ob des Liebhabers, der sie verlässt, unfreiwillig komisch wirkt. Wie aber Kramer Melancholisches eliminiert und den Alltag insgesamt zum Strahlen bringt, enthält Tiefe und Spannung.

Nächste Aufführung am 9. April und zahlreiche weitere: www.theatersg.ch Dauer: 3 Stunden