Traumlandung für ein sehr waches Bühnenduo

Kultur / 07.04.2014 • 21:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Strindbergs „Ein Traumspiel“ erhält unter Ramallah Aubrecht und Philipp Preuss performativen Charakter. Foto: Birgit Hupfeld/Schauspiel Frankfurt 
Strindbergs „Ein Traumspiel“ erhält unter Ramallah Aubrecht und Philipp Preuss performativen Charakter. Foto: Birgit Hupfeld/Schauspiel Frankfurt 

Philipp Preuss und Ramallah Aubrecht widmen sich August Strindberg.

Christa Dietrich

Bregenz, Frankfurt. Viel Jubel am Ende, zwischendrin knarzt einmal der Boden während des leisen Spiels in konzentrierter Atmosphäre. Ein oder zwei Besucher stehlen sich raus. Auch in Frankfurts Schauspielhaus verirren sich gelegentlich Menschen, die an kluger Dekonstruktion von Klassikern ebenso vorbeisehen wie an deren treffenden Ankündigungen. Dabei hätte man angesichts des Urhebers und dessen Interpreten wissen oder zumindest ahnen können, was kommt. Träume folgen keiner Struktur, Schauplätze wechseln rasch und das Tempo obliegt keinerlei Gesetzen.

Und so versteht sich  „Ein Traumspiel“ auch als souveräne Fortsetzung jenes „Käthchens von Heilbronn“, das das Bregenzer Team Philipp Preuss (Regie) und Ramallah Aubrecht (Bühnenbild) vor rund eineinhalb Jahren an dieser Bühne umsetzte. Kurz nachdem Heinrich von Kleists 1810 uraufgeführtes Ritterdrama abgespielt wurde, in dem der Graf vom Strahl und das Käthchen einander in zauberhafter Manier begegnen bzw. in dem die somnambulen Szenen betont wurden, folgt nun Strindbergs „Ein Traumspiel“ aus dem Jahr 1907. Die Themen sind unterschiedlich. Dort war es die Entlarvung überholter Konventionen und die Macht der Liebe, und hier sind es nun das Absurde, aber auch die konkrete Klage über das Leben. Die Ästhetik ist jedoch vergleichbar.

Musikalische Struktur

Alte Hasen erkunden gern, wie der berühmte Ingmar Bergman das Stück des Dichters aus dem Norden sah, Barry Kosky hatte – um einen weiteren Vergleich zu bemühen – vor nicht allzu langer Zeit die musikalische Struktur herausgearbeitet. Preuss vertraut seinem Musiker Kornelius Heidebrecht, der melodiöse Loops schafft, sie dahinklimpert, summen lässt oder gleich die ganze Schauspielertruppe an die Tasten setzt, über die Ramallah Aubrecht einen Revuehimmel mit lauter Lämpchen spannt. So viel Künstlichkeit braucht es, denn das Erdenleben, das Göttertochter Agnes mit den Menschen teilen will, hat sonst nicht viel Angenehmes. Die Verliebtheit wird nicht erwidert, Ehen werden geschieden anstatt geschlossen und die tapferen Kinderseelchen verletzt. Ein reines Jammertal hat Strindberg freilich nicht gezeichnet, Freuds Analysen waren schon bekannt, und so gibt es eine Fülle von Regungen und Erregungen, die Preuss jenseits des althergebrachten Kreisch- und Stammeltheaters hoch poetisch auflädt und in einer grandiosen Zeitlupensequenz zusammenführt. Da hat also ein Team – das bekanntermaßen auch in der bildenden Kunst zu Hause ist – die Performance wieder bühnentauglich gemacht und Strindberg, mit dem man angeblich nie fertig wird, bewältigt.

Zuletzt war das Duo übrigens für „Der Reigen oder Vivre sa vie“, einer Überlappung von Schnitzler und Godard, in Leipzig im Einsatz. Ob beide wieder einmal in Bregenz sind? Die letzte Arbeit für das Theater Kosmos liegt jedenfalls schon viel zu lange zurück.

Bei Strindberg fragt man ohnehin, ob man je fertig wird.

Philipp Preuss

Nächste Aufführung am 12. April und zahlreiche weitere:
www.schauspielfrankfurt.de
Dauer: knapp 2 Stunden