Sieben Frauen legen sich mit Zeus an

Kultur / 14.05.2014 • 19:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Pension Europa“ wird vom Aktionstheater im Rahmen des Festivals „Bregenzer Frühling“ uraufgeführt.  Foto: VN/Hofmeister
„Pension Europa“ wird vom Aktionstheater im Rahmen des Festivals „Bregenzer Frühling“ uraufgeführt. Foto: VN/Hofmeister

In „Pension Europa“ des Aktionstheaters spielt auch ein Stier eine Rolle.

Christa Dietrich

Bregenz. Wie viel Zufall und wie viel Kalkulation dahinter stecken, das lässt Martin Gruber offen. Als Leiter des Aktionstheaters ist der aus Dornbirn stammende und in Wien lebende Künstler nun in Bregenz angekommen und absolviert die letzten Proben zur Uraufführung des Stücks „Pension Europa“, die am kommenden Wochenende, wenige Tage vor der Europa-Wahl, stattfindet. Wie war das jetzt mit Europa und dem Stier in der antiken Mythologie? „Ich habe geglaubt, dass Europa sich in eine Kuh verwandelt, um sich vor den Nachstellungen von Zeus zu schützen. Deshalb ist Europa quasi ein geschützter Rahmen mit dem besten Sozialsystem, alle sind abgesichert, auch die Umwelt wird geschützt“, heißt es im Text. Die Bühnenfigur hat nicht ganz recht, denn Zeus soll sich in einen Stier verwandelt haben, um sich inmitten einer Kuhherde an die begehrte Europa heranzupirschen. Und das mit dem Sozialsystem ist letztlich auch fraglich. Aber das wissen die Handelnden und das weiß auch die junge Wiener Autorin Claudia Tondl, die erneut mit Martin Gruber zusammenarbeitet und vor dem Verfassen des Stückes das Gespräch mit den Ensemblemitgliedern suchte.

Grenzen innen und außen

Während man den Begriff „Pension“ quasi reflexartig mit einem Haus assoziiert, in das viele wollen, in dem sich auch einige gefangen fühlen, in das nicht alle hinein dürfen und in dem auch das Geld eine Rolle spielt, landeten Tondl und die sechs Schauspielerinnen Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Aisha Eisa, Alev Irmak, Isabella Jeschke und Kirstin Schwab interessanterweise bald beim Thema Wasser als das, was den Kontinent umgibt und – bis auf einige Ausnahmen selbstverständlich – die Grenzen bildet. Wie rasch der Begriff Europa somit die persönliche, auch sehr private und alltägliche Befindlichkeit beeinflusst oder beeinträchtigt, das vermittelt sie höchst beeindruckend in überraschenden und doppelbödigen Bildern.

„Dass man es schaffen kann, die Körperlichkeit in diesem Text direkt in der Ins­zenierung zu berücksichtigen, hätte ich gar nicht gedacht“, macht sie im Gespräch mit den VN klar, dass Martin Gruber da eine Künstlerin gefunden hat, die mit ihm sozusagen auf der gleichen Welle schwimmt, und mit der er im letzten Jahr die „Werktagsrevolution“ realisierte. Dass die eigens geschaffene Komposition des bekannten Jazzmusikers Peter Herbert flüssig daherkommt, davon kann man wohl ausgehen.

 Authentizität

„Wir stehen also vor unserem 25-Jahre-Jubiläum und versuchen dem Thema ,Europa‘ mit Relevanz und Authentizität beizukommen. Doch Finanzjongleure und politisch Verantwortliche haben wir keine im Ensemble. Bettler und junge Prostituierte, die es in die Festung Europa geschafft haben, um sich in eine neue Abhängigkeit zu begeben, auch nicht“, erklärt Gruber. Geschichten habe man trotzdem zu erzählen.

Claudia Tondl stellt die Attraktivität des Themas und des Zeitpunkts der Uraufführung auch durchaus in Frage. Mit einem Bedauern freilich. „Wir werden dann anhand der Wahlbeteiligung sehen, wie viele Menschen die Chance überhaupt wahrnehmen. Es wäre schön, wenn wir in Europa auch bei den Gesetzen noch ein bisschen einheitlicher wären“, bemerkt sie, denn „gemeinsam im Sinne des Freiseins zu agieren, lautet die Chance.“

Gemeinsam im Sinne des Freiseins zu agieren, lautet die Chance.

Claudia Tondl

„Pension Europa“, Aktionstheater im Rahmen des „Bregenzer Frühlings“, 16. und 17 Mai jeweils
20 Uhr im Festspielhaus