Gut, das Buch nun zu lesen

Kultur / 16.05.2014 • 19:17 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Szene aus „Matto regiert“ nach Friedrich Glauser am Zürcher Schauspielhaus.  Foto: Matthias Horn  
Szene aus „Matto regiert“ nach Friedrich Glauser am Zürcher Schauspielhaus. Foto: Matthias Horn  

Glauser hat seiner Pechvogel-Existenz ein erhebliches Werk abgerungen.

Zürich (VN-tb) Offene, halboffene und geschlossene Anstalten aller Art, darunter „Irrenhäuser“ und Gefängnisse: Das Leben des seelisch verwundeten, rauschgiftsüchtigen und fallweise auch delinquenten Schweizers Friedrich Glauser (1896–1938) war ein einziger Schleuderkurs. Und zwar vom Tod der (österreichischen) Mutter im Alter von vier Jahren über eine Entmündigung durch den korsettstarr-harten Vater mit 20 bis zum frühen eigenen Hinschied just am Vorabend der Trauung. Aber derselbe Glauser hat seiner Pechvogel-Existenz auch ein erhebliches literarisches Werk abgerungen, darunter fünf Romane mit dem Fahndungswachtmeister Jakob Studer, einer Art von schweizerischem Kommissar Maigret.

In Zürich ist jetzt der zweite davon, „Matto regiert“ von 1936, in einer Textfassung von Andreas Karlaganis und Sebastian Nübling auf die Pfauenbühne gebracht worden. In Nüblings Regie zeigt Michael Neuenschwander auf der von Muriel Gerstner sparsam (vor allem mit „Landi-Stühlen“ der Roman­entstehungszeit) bestückten Bühne mit Portal zwar eine profilierte Leistung, aber neigt zum Overacting als Studer, der in der fiktiven psychiatrischen Anstalt Randlingen ermittelt. Der Direktor ist hier verschwunden und wird später tot aufgefunden (ein auf der Bühne dauergegenwärtiger Michael Ragazzi), und ein Patient ist geflohen.

Kollektiv und Karikatur

Nübling zeigt die vielen weiteren Figuren, darunter Anstaltsinsassen und Pfleger, häufig gruppenweise, lässt sie teilweise karikaturesk übersteigerte Solo-Performances vorführen, ist bemüht, die Szene variantenreich zu beleben oder aber einen kontraststarken Quasi-Stillstand zu etablieren, und lässt auch den Zuschauerbereich bespielen.

Verlustrechnung geöffnet

Wer war’s? Selber hingehen! Oder, noch besser, lesen! Denn herausgekommen ist kein Theater, das eine heimliche oder gar offenkundige Bühnentauglichkeit des Roman-Originals freilegen würde: Glauser hat das Anstaltsleben, das er aus eigener Anschauung kannte, in einer Mischung von Milieustudie, Systemkritik und Whodunit-Krimi atmosphärisch derart meisterlich, zugleich so nuanciert und kernig-präzise, geschildert, dass auf der Bühne notwendigerweise eine Verlustrechnung aufgehen muss.

Und zu sehen und zu hören ist auch kaum etwas von der Art, dass man sagen dürfte, es sei hier „nach dem Roman“ von Glauser auf dem Theater etwas Neuartiges von ganz eigener Dringlichkeit entstanden.

Weitere Aufführungen bis 15. Juni. Aufführungsdauer: zweieinhalb Stunden. www.schauspielhaus.ch