Ein Mann mit Frauenstimme

Kultur / 01.06.2014 • 19:05 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Philippe Jaroussky gelang es, eine faszinierende Atmosphäre zu schaffen. Foto: Schubertiade  
Philippe Jaroussky gelang es, eine faszinierende Atmosphäre zu schaffen. Foto: Schubertiade  

Der fabelhafte Countertenor Philippe Jaroussky regte zu Vergleichen an.

Hohenems. Ein Mann, der mit Frauenstimme die Leute begeistert – das hatten wir doch eben höchst erfolgreich beim Song Contest. Der smarte Franzose Philippe Jaroussky hat als Countertenor und Star seines Fachs am Samstag bei der Schubertiade nichts anderes getan als Conchita Wurst, wenn auch ohne Bart und Frauenkleider. Freilich hinkt der Vergleich naturgemäß wegen unterschiedlicher Kategorien – der Jubel im Markus-Sittikus-Saal war dennoch fast eurovisionswürdig.

Das Thema „Schubert und Frankreich“ wurde trotz Absage von Veronique Gens eindrücklich zelebriert. Gerade Philippe Jaroussky schaffte es zum Finale mit seiner speziellen Kunst der Stimmtechnik und einem durchgehend französischen und kaum bekannten Liedprogramm, eine besondere, faszinierende Atmosphäre zu schaffen. Man sagt zwar, es gebe derzeit ein Überangebot an profilierten Countertenören. Da lob’ ich mir Herrn Jaroussky, der sich vom Gros dieses Angebotes abhebt, weil er nicht wie üblich in der Altus-Lage als männlicher Alt singt, sondern als Sopran, eigentlich Sopranist, der mit seiner winzigen männlichen Färbung stimmlich kaum mehr von einem „echten“ weiblichen Sopran zu unterscheiden ist.

Kultivierte Stimmführung

Dazu kommen seine in allen Lagen wunderbar ausgereifte, kultivierte Stimmführung, die mühelose Höhe und Leichtigkeit, mit der er jedem dieser leichtlebigen Lieder um die Liebe mit einem verhaltenen, mehr nach innen gekehrten Leuchten der Stimme ihre eigene Stimmung verleiht. Da bedarf es dann auch gar keiner großen Gesten mehr, um glaubhaft zu wirken, auch wenn viele dieser Lieder von insgesamt zehn Komponisten alle verdammt ähnlich klingen und die Gefahr einer Gleichförmigkeit gegeben ist. Mit Claude Debussy als Leitfigur sind eben auch ein Gabriel Fauré, Camille Saint-Saens, Ernest Chausson oder unbekanntere Namen wie Joseph Szulc, Reynaldo Hahn oder Déodat de Séverac in ihrer Klangsprache mehr oder weniger dem schillernd lautmalerischen französischen Impressionismus verfallen.

Ein besonderer Reiz ergibt sich dadurch, dass mehrere Lieder in unterschiedlichen Textvertonungen zum Vergleich anregen, etwa „Green“ oder das überschäumende „Mandoline“ nach Paul Verlaine, die gleich drei Mal erscheinen. Stets agiert Jaroussky konzentriert, elegant, angesichts der Textfülle verständlicherweise vor einem Notenpult. Vollends gefangen nimmt er mit seiner zweiten Zugabe, „Colombine“ des französischen Chansonniers Georges Brassens, in der er überraschend auch seine „normale“ Singstimme offenbart. Stammgäste des Festivals kennen Jaroussky von mehreren Auftritten mit dem Ensemble „L’Arpeggiata“, diesmal eröffnet sein fantastischer Klavierpartner Jérome Ducros neue klangliche Dimensionen. Er ist nicht nur ein präsenter, farbenreicher Begleiter des französischen Repertoires, sondern in Ausschnitten aus Debussys „Suite bergamasque“ auch ein veritabler Klaviersolist.

Philippe Jaroussky gelang es, eine faszinierende Atmosphäre zu schaffen.

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