Großer Schatz in klarer Schrift

Kultur / 03.06.2014 • 18:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Zeichnung entstand 1919 in Gefangenschaft. Im Bild ist Wacker beim Abmarsch 1915. Archiv Sagmeister  
Die Zeichnung entstand 1919 in Gefangenschaft. Im Bild ist Wacker beim Abmarsch 1915. Archiv Sagmeister  

Felder-Archiv konnte Briefe und Fotos von Wacker erwerben. ­Museum plant Schau.

Bregenz, Wien. Der Rufpreis betrug 2000 Euro, am Montagabend erzielte ein Paket mit nahezu 40 Briefen, zwei Postkarten und einer Reihe von Fotografien des Malers Rudolf Wacker (1893–1939) bei einer Versteigerung in Wien die Zuschlagssumme von 12.000 Euro. Die Dokumente stehen zwar unter Schutz und hätten nicht aus Österreich ausgeführt werden dürfen, Jürgen Thaler, Leiter des Felder-Archivs, zeigte sich gestern früh aber nicht nur erleichtert, sondern auch hoch erfreut, dass es ihm trotz einiger Mitbieter gelungen ist, die handschriftlichen Zeugnisse für das Land Vorarlberg zu sichern.

Allerdings

erhielt er den Zuschlag gerade noch innerhalb jenes Limits, das er sich setzen musste. Rudolf Wackers Bedeutung für die österreichische Kunst ist groß, der Wert seiner Arbeiten ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Großen Anteil daran haben auch die Forschungen von Rudolf und Kathleen Sagmeister. Dass es nun auch zahlreiche Interessenten für Autographen gibt, hat sich bei der letzten Auktion bestätigt. Bei den Stücken in klarer Schrift handelt es sich um Briefe, die Wacker in den Jahren zwischen 1924 und 1935 an Anton Reichel (1877–1945), den damaligen Leiter der Wiener Albertina, schrieb.

Inhaltsstarke Briefe

Wie bislang bekannt, tauschte er sich mit dem Fachmann bzw. Kunsthistoriker und Komponisten über seine Arbeit aus. Laut Jürgen Thaler versuchte sich der Künstler gegenüber Reichel zu positionieren, die Albertina hat letztlich ja auch Arbeiten von Wacker angekauft. Thaler: „Es war für mich klar, dass es inhaltsstarke Briefe sind, in denen einiges über den künstlerischen Werdegang, die Zukunftshoffnungen und Befürchtungen des Bregenzer Malers und Zeichners zu erfahren ist.“

Die Auswertung der Dokumente soll in Zusammenarbeit mit Rudolf Sagmeister erfolgen. Der

Kunsthistoriker zeigte sich erfreut, dass dem Fel-

der-Archiv

der Zuschlag gelungen ist, und dass diese Institution die Wa-

cker-Forschung

damit auch wesentlich unterstützt. Bei den Fotografien handelt es sich um Abbildungen von Arbeiten Wackers, die er Reichel zur Information übermittelte. Sagmeister geht davon aus, dass dabei auch Hinweise über die eine oder andere Arbeit auftauchen könnten, die für die Werkeinordnung von Bedeutung sind. Erst vor einiger Zeit hatte Rudolf Sagmeister in Kooperation mit dem Felder-Archiv Briefe herausgegeben, die Wacker an den Kunstfreund und Politiker Max Haller (1895–1971) richtete.

Der Briefwechsel stellt ein besonderes Zeitzeugnis dar. Der gebildete und politisch interessierte Wacker hatte unter anderem in Weimar studiert, später immer wieder Ausstellungen in verschiedenen deutschen Städten besucht, seine Eindrücke schriftlich festgehalten, und er war ein erklärter Gegner der Nationalsozialisten. Aus seinem Nachlass sind vor allem Schriftstücke, die an die Mutter oder die Ehefrau adressiert sind, sowie Tagebücher erhalten. Den Schriftverkehr mit Künstlern oder Politikern, der in seinem Besitz war, hatte Wacker fürsorglich vernichtet. Die Angst war nicht unbegründet. Im Jahr 1939 stürmte die Gestapo sein Haus, durchsuchte seine Unterlagen und befahl ihn zu Verhören. Wacker erlitt dabei einen Herzinfarkt, an dessen Folgen er starb.

Arbeiten in Gefangenschaft

Im Ersten Weltkrieg wurde Rudolf Wacker zum Militär eingezogen. Anfänglich zählte er zu jenen Zeitgenossen, die die Meinung vertraten, dass der Krieg positive gesellschaftliche Veränderungen – etwa die Beendigung der Leibeigenschaft in Russland – mit sich bringen könnte. An der Front hatten sich seine Ansichten geändert. Er sah das große Leid, erfuhr, was Töten heißt und hat seine Erschütterung in Briefen mitgeteilt. Mit diesen und den neuen Dokumenten soll in absehbarer Zeit eine Ausstellung im Vorarlberg Museum gestaltet werden. Sagmeister rechnet damit, dafür weitere, ausdrucksstarke Zeichnungen zu erhalten, die während Wackers Gefangenschaft in Sibirien entstanden sind, und die sich im Museum von Tomsk befinden.

Großer Schatz in klarer Schrift

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