Rührendes Langzeitprojekt über das Leben selbst

Kultur / 03.06.2014 • 19:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In „Boyhood“ nimmt US-Regisseur Linklater den Zuschauer mit auf eine unglaublich bewegende Zeitreise.

Drama.  Nach seiner umjubelten Aufführung im Wettbewerb der Berlinale galt Richard Linklaters „Boyhood“ als großer Favorit für den Goldenen Bären. Für viele Kritiker war das Porträt eines heranwachsenden texanischen Jungen das Ereignis der Filmfestspiele 2014. Immerhin arbeitete Linklater, bekannt durch seine Trilogie „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“, für die Langzeitstudie über zwölf Jahre hinweg mit den immer gleichen Darstellern, jedes Jahr für ein paar Drehtage. Das ungewöhnliche Projekt ist geglückt, bei der Berlinale aber gab es „nur“ den Silbernen Bären für die beste Regie. Besetzt hat Linklater die Hauptrolle des Mason mit Newcomer Ellar Coltrane, flankiert von den erfahrenen Mimen Ethan Hawke („Tödliche Entscheidung“) und Patricia Arquette („True Romance“) in der Rolle der Eltern.

Mason ist ein verträumter und doch aufgeweckter, recht normaler sechsjähriger Junge, der im Unterwäschekatalog blättert, der sich kabbelt mit seiner älteren Schwester Samantha, der bisweilen ­einfach nur versonnen in den ­texanischen Himmel blickt. All die Veränderungen aber und Probleme, die das Leben in der Kindheit und Jugend
so mit sich bringt, hinter­lassen auch bei Mason ihre Spuren: der Umzug nach Houston mit Mutter und Schwester, das plötzliche Wiederauftauchen seines leiblichen Vaters, die Brutalität des Stiefvaters, die Wirrnisse der Pubertät und der ersten Liebe, die Frage, wie es weitergeht nach der Schule. Linklater hat für uns Masons Jugend in viele kleine Episoden zerlegt; zwölf für seinen Protagonisten und dessen Erwachsenwerden immens wichtige Jahre.

Bester Film des Jahres

Das Miteinander der Darsteller ist so rührend wie von Anfang an überzeugend. So ist es großartig zu sehen, wie Ellar Coltrane als weitgehend unerfahrener sechsjähriger Schauspieler loslegt, um im Verlauf des Films nicht nur mit seiner Rolle mit-, sondern auch sukzessive in diese hineinzuwachsen. Ethan Hawke ist toll als zwar bemühter, dabei jedoch stets lässiger Teilzeit-Dad.

Dass es hierzu nur 39 über zwölf Jahre verteilter Drehtage bedurfte, macht das „Boyhood“-Wunder noch größer. Auch kann man den Mut des Regisseurs kaum genug hervorheben, angesichts der Tatsache, was über die Jahre alles hätte schiefgehen können. So handelt es sich bei „Boyhood“ bis auf Widerruf um den couragiertesten, den gelungensten und besten Film des Jahres.

„Boyhood“ läuft ab morgen in den österreichischen Kinos.

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