Tausende opferten sich, um uns einst zu befreien

Kultur / 05.06.2014 • 22:38 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Die wenigen Nazi-Gegner in Vorarlberg hatten zudem die Denun­zianten zum Feind.

Bregenz. Im Grunde genommen hat man in Vorarlberg gewusst, dass Radio Beromünster zuverlässige Informationen darüber bot, was man den Menschen im Dritten Reich vorenthielt. Viel technisches Geschick war nicht einmal vonnöten, um den sogenannten Volksempfänger so einzustellen, dass man im Juni 1944 erfahren konnte, dass die Alliierten in der Normandie gelandet waren. Ein Problem stellten eher die Nachbarn dar. Vor allem dann, wenn es sich um fanatische Nationalsozialisten handelte oder wenn das weit verbreitete Denunziantentum von niederen Instinkten motiviert war.

Als am 6. Juni 1944, also heute vor 70 Jahren, der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs begann, versorgten die zugelassenen Medien die Menschen in Vorarlberg weiterhin mit Durchhalteparolen oder, so der Historiker Meinrad Pichler, mit der Ansage, dass sich für die Nationalsozialisten eine weitere Front auftat, die die Möglichkeit bietet, dem Endsieg näher zu rücken. Pichler: „Wer keinen Feindsender hörte, weil es selbstverständlich streng verboten war, der erfuhr von der Landung der Alliierten und ihrem Vorrücken in Frankreich später über die enormen Gefallenenlisten. Man kann sogar davon ausgehen, dass Vorarlberger an beiden Seiten der Fronten standen. Inzwischen weiß man nämlich, dass einige Nachfahren von Vorarlberger Auswanderern, die sich in den USA niederließen, in den US-Truppen gegen die Nazis gekämpft haben.“ Erkenntnisse ergaben sich für die Vorarlberger auch aus der Tatsache, dass regionale Baufirmen an der Errichtung des Atlantikwalls und des Westwalls beteiligt waren.

Der Feindsender

Meinrad Pichler, der unter anderem vor zwei Jahren das Buch „Nationalsozialismus in Vorarlberg. Opfer – Täter – Gegner“ herausbrachte, hat so gut wie keine Hinweise darauf gefunden, dass das Feindsender-Hören sozusagen bei Hausdurchsuchungen überprüft worden wäre. Diesen Aufwand konnten sich die Machthaber sparen, weil ohnehin zahlreiche Anzeigen aus der Bevölkerung eingingen. Als sich beispielsweise eine Familie gegen eine solche Anzeige zur Wehr setzte, kam der Denunziant nicht umhin, seine Vorgehensweise zu begründen und gab an, dass er die größere Wohnung der Nachbarn haben wollte.

Führertreue

Drastisch und bezeichnend für die fanatische Führertreue ist ein Fall aus Altach. Während seines Fronturlaubs im Herbst 1944 wurde ein junger Soldat angezeigt, weil er angeblich bemerkt haben soll, dass er nicht mehr zurück will, weil der Krieg ohnehin verloren sei. Er wurde inhaftiert und hatte später den Mut, gegen diese Anzeige vorzugehen, womit wir heute die Möglichkeit haben, die Vorgänge nachzuvollziehen.  Es stellte sich heraus, dass ihn eine Frau beim Ortsgruppenleiter als Wehrkraftzersetzer meldete. Dieser wollte der Sache an sich gar nicht nachgehen und schickte die Frau wieder mit dem Vermerk nach Hause, dass sie daraus doch keinen Wind machen soll. Daraufhin meldete sie den Vorfall bei einem Gendarmen in Götzis. Als sie damit ebenfalls nicht den erwünschten Erfolg hatte, setzte sie sich eigens in den Zug und fuhr zur Kreisleitung, die die Verurteilung des jungen Kerls in Angriff nahm. Stellt sich die Frage, welche Konsequenzen die Tat der Frau nach Kriegsende hatte. Sie musste ja damit rechnen, dass der junge Mensch auf ihr Betreiben hin eventuell mit dem Tode bestraft wird. „Ein bisschen hat sie wohl ausgefasst“, erklärt Meinrad Pichler. Verstehen darf man darunter eine kurze Inhaftierung in einem Entnazifizierungslager.

Bekanntermaßen wurde auch die Bregenzer Geschäftsfrau Karoline Redler angezeigt, nachdem sie im Wartezimmer eines Arztes bekundete, nicht an einen Endsieg zu glauben. Sie wurde verurteilt und im November 1944 mit dem Fallbeil hingerichtet.

In der Normandie wird heute der Landung der Alliierten gedacht. Tausende Opfer gab es auf beiden Seiten. Dass die Beendigung der Nazi-Herrschaft von außen kam, dass sich die Soldaten der Alliierten, die dem Kugelhagel entgegenliefen, für unsere Befreiung geopfert haben, daran gibt es, wie der Historiker Meinrad Pichler bestätigt, keinen Zweifel.

Es steht fest, dass die Beendigung der Diktatur von außen kam.

Meinrad Pichler

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