Fremdgeher und Forschungsreisende

Kultur / 06.06.2014 • 20:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
A.S.A HarrisonDie stille Frau382 Seiten Bloomsbury Berlin
A.S.A Harrison
Die stille Frau
382 Seiten Bloomsbury Berlin

Menschliche Abgründe sind allemal ein guter Lesestoff.

Romane. Die 2013 verstorbene A.S.A. Harrison war Sachbuchautorin, mit „Die stille Frau“ legte sie erstmals einen Roman vor, der zwar viel gelobt wird, aber nur teilweise glückte. Die Geschichte ist simpel: Jodie und Todd sind ein erfolgreiches Paar, beruflich zumindest, sie ist Psychotherapeutin und er ist Architekt. Es läuft alles ganz gut, außer, dass der liebe Todd ein notorischer Fremdgänger ist. Er übertreibt es jedoch damit, dass er mit der Tochter eines Familienfreundes ein Verhältnis beginnt und die junge Dame dann auch noch schwängert.

Nach einigen Turbulenzen will Todd nun aus der Beziehung raus, doch seine Frau macht das böse Spiel nicht mit und plant, ihn zu ermorden. Wirklich gelungen ist die Art, wie die Autorin die Charaktere anlegt. Selten so ein unterschiedliches Paar gesehen, das aber doch noch einen Draht zueinander hat. Leider verlässt sich die Autorin zu sehr auf Stereotypen und so erschlafft das Interesse an den beiden relativ rasch.

Matte Übersetzungsarbeit

Hinzu kommt, dass die Szenen nicht die Geschwindigkeit haben, die die Geschichte verdienen würden. Wäre jedoch halb so schlimm, wenn die Übersetzung gelungener wäre: Englisch ist eine einfache Sprache, aber hier wurde so uninspiriert übersetzt, dass es dem Leser wehtut. Fazit: An einem verregneten Wochenende taugt der Roman noch allemal, jedoch sollte der Leser gleich von Anfang an seine Erwartungshaltung herunterschrauben.

Der zweite Roman ist ein anderes Kaliber. T.C. Boyles „Wassermusik“ wurde nach rund 25 Jahren neu aufgelegt. Boyle erzählt darin die Geschichte des schottischen Forschers Mungo Park, der am Ende des 18. Jahrhunderts als erster Europäer den Verlauf des Niger erkundete und von der zweiten Forschungsreise, die ihn zum Fluss trieb, nie mehr in seine Heimat zurückkehrte. Begleitet in den Tod wird dieser von sehr ausdrucksstarken Weggefährten, wie zum Beispiel von seinem Diener Johnson, ein Kosmopolit mit dunkler Hautfarbe, oder von der äußerst opulenten Königin Fatima.

Krasse Bilder

„Wassermusik“ ist eine Geschichte, die fast schon provozierend altmodisch ist. Sie ist vom Strukturaufbau wirklich an die großen Romane des 19. Jahrhunderts à la Charles Dickens angelehnt. Nicht falsch, denn bis heute wurde keine eindringlichere Form des Erzählens gefunden. Neu waren jedoch Boyles fast schon unheimliche Metaphern. Dazu gehörte sicher auch großer Mut, denn eine Rinderherde als einen „wogenden Wald“ zu beschreiben, dazu braucht es nicht nur Kreativität, sondern auch ein kluges Lektorat, das dem Autor seine Freiheiten lässt. Hinzu kommt Boyles provozierende Gedankenwelt, die aufgrund der literarischen Raffinesse jedoch den Weg zum Herzen des Lesers findet. Mit jedem Absatz provozierte Boyle und schuf so ein großes, magisches Epos, das er bis heute nicht wiederholen konnte.

T.C. BoyleWassermusik569 SeitenHanser
T.C. Boyle
Wassermusik
569 Seiten
Hanser

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