Mit viel Zwirn schrumpft das Hirn

Kultur / 06.06.2014 • 22:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Beate Luger-Goyer ist Professorin an der Kunstuniversität Linz und hat sich mit den gestickten Sprüchen eingehend beschäftigt. Fotos: VN/Hartinger, Dietrich
Beate Luger-Goyer ist Professorin an der Kunstuniversität Linz und hat sich mit den gestickten Sprüchen eingehend beschäftigt. Fotos: VN/Hartinger, Dietrich

„Gestickte Moral“ war so allgegenwärtig, dass sich die Beschäftigung damit sehr lohnt.

Hittisau. Ein paar hundert Spruchtücher sind es auf jeden Fall, die das Frauenmuseum Hittisau in den letzten Monaten gesammelt sowie ausgewertet hat und nun in der Ausstellung „Gestickte Moral“ präsentiert, die heute eröffnet wird. Bis Februar nächsten Jahres werden zudem zahlreiche Rahmenveranstaltungen stattfinden, denn Slogans wie „Der beste Schatz für einen Mann, ist eine Frau, die kochen kann“ oder „Ohne Fleiß kein Preis“ sowie „Reinlichkeit ist meine Freude“ und gar „Kräht die Henne vor dem Hahn, ist die Wirtschaft übel dran“ geben reichlich Anlass, über die Entstehung von Rollenbildern sowie deren Akzeptanz und Verbreitung zu diskutieren.

Den Titel dieses Beitrags findet man übrigens nirgends im Frauenmuseum, nach dem Abschreiten der Sammelstücke, die oft schmunzeln lassen, selten, aber immerhin auch Ironie aufweisen und mitunter nicht nur plump daher kommen, sondern einen gefährlichen Untertanengeist beschwören, muss man aber zu diesem Schluss kommen.

Im späten 19. Jahrhundert sind die Spruchtücher aufgetaucht, umgrenzt Stefania Pitscheider Soraperra, die Leiterin des Frauenmuseums, den zeitlichen Rahmen. Bis in die 1970er-Jahre waren die Präsenz in den Haushalten sowie die Herstellung noch durchaus üblich. Im bäuerlichen Umfeld haben sie sich noch etwas länger gehalten, in Bänderform angebracht, zierten sie oft die Kanten hölzerner Regale. Im Großen und Ganzen handelte es sich um Sprüche, die die Frauen auf einen Platz im Haus verweisen, in dem ihnen die Aufgabe zukommt, sich fleißig in Genügsamkeit zu üben oder Fertigkeiten im Kochen und Putzen zu schulen. Oder eben im Sticken.

Aus der allgemeinen Schulordnung unter Kaiserin Maria Theresia aus dem Jahr 1774 geht hervor, dass der Umgang mit Nadel und Faden dem weiblichen Geschlecht angemessen ist. Auch Jean Jacques Rousseau ging noch davon aus, dass sich die Erziehung von Frauen auf die Männer zu beziehen hat. Ihnen sollten sie gefallen und nützlich sein. Ein knappes Jahrhundert später meinte Viktor Luithlen noch, dass bei den Knaben der Verstand zu wecken sei, bei den Mädchen aber die Frömmigkeit und der Schönheitssinn.

Verhaltensregeln

In der eigenen Familie und auch bei den Töchtern hatte die erwähnte Herrscherin bekanntermaßen andere Bildungsziele angepeilt, bis sich ein Lehrplan ohne geschlechtsspezifische Inhalte durchsetzte, war es aber ein weiter Weg. Die Omnipräsenz von Verhaltensregeln dürfte somit wohl ihre Wirkung gehabt haben. Der Spaß hört sich außerdem auch dann auf, wenn Sprüche wie „Bist du Amboß, dann sei geduldig. Bist du Hammer, dann schlage zu“ auftauchen. Da mag man „Die Ehe ist ein Übel. Ein bittersüßes Joch. Sie gleicht fürwahr der Zwiebel. Man weint und isst sie doch“ eher noch als schlechten Witz abtun und über „Ohne Glück und Gunst ist Kunst umsunst“ mehr als nur schmunzeln. Einige Tücher erhielt Stefania Pitscheider Soraperra auch aus Ländern wie Ungarn und Kroatien. Abgesehen davon, dass die Verzierungen an die Trachten des Landes erinnern, sind die Sprüche entweder ähnlich oder mitunter etwas blumiger.

Gestickt wurden selbstverständlich auch Liebesgrüße, und dass die sogenannten Hergottswinkel in den Stuben mit einfachen Glaubenssätzen verziert waren, ist noch bekannter als die Tatsache, dass auf solchen Tüchern mitunter auch Mitglieder der Kaiserfamilie oder gar Diktatoren auftauchten.

Kunst und Wissenschaft

Eingehende Forschungen gibt es, so Beate Luger-Goyer, Professorin an der Kunstuniversität Linz, noch nicht. In zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten wird jedoch auf die Ästhetik der Spruchtücher Bezug genommen. Ein lustvolles Eintauchen in eine Sammlung voller Nostalgie mag jedem gegönnt sein, letztlich ist die Schau aber auch deshalb so erträglich, weil sie mit großartigen Arbeiten von Künstlerinnen angereichert wurde, die sich zum Teil auch als Kommentierung des Ganzen verstehen. Vor allem Renate Hinterkörner ist eine solche gelungen. Sie hat karierte Geschirrtücher mit den „Pflichten“ einer Ehefrau bestickt, die da sind: Kindererziehung, selbstlose Unterstützung des Gatten, Krankenpflege und Geschlechtsverkehr. Christine Lederer hält allen diesen Versen eine gegenteilige Botschaft entgegen, Zsofi Pittmann bringt die Trivialität der Tücher mit Vertretern von Pop-Musik und Pop-Kultur in Verbindung, hat eine Aktfotografie von John Lennon und Yoko Ono nachgestickt oder Cicciolina in die Wanne verfrachtet. Reinlichkeit lässt sich eben auch anders interpretieren. Einem Diktat der Schönheitsindustrie allerdings hält Carmen Pfanner beispielsweise einen installativen Bauplan entgegen.

Um die Handarbeit selbst geht es nur selten. Und das ist auch gut so. Kreuz- oder andere Sticktechniken, Farb- und Schablonenwahl will man gar nicht diskutieren. Beate Luger-Goyer erwähnt beim ersten Rundgang aber immerhin, dass sie in Vorarlberg kaum schlampig gearbeitete Deckchen und Tücher vorgefunden hat. In Oberösterreich sei das anders gewesen, da war mitunter offenkundig, dass die Stickerin ihre Tätigkeit wohl eher als lästige Pflicht absolvierte. Ob das etwas zu bedeuten hat?

Solche Spruchtücher sind Belege für das Frauenbild bzw. die Rollenbilder in der Entstehungszeit.

Stefania Pitscheider                                                     Soraperra
Mit viel Zwirn schrumpft das Hirn

Mit viel Zwirn schrumpft das Hirn

   
   
Neueu Austellung Frauenmuseum - gestickte moral
Neueu Austellung Frauenmuseum – gestickte moral
Mit viel Zwirn schrumpft das Hirn

Mit viel Zwirn schrumpft das Hirn

Mit viel Zwirn schrumpft das Hirn

Mit viel Zwirn schrumpft das Hirn

Neueu Austellung Frauenmuseum - gestickte moral
Neueu Austellung Frauenmuseum – gestickte moral
Mit viel Zwirn schrumpft das Hirn

   
   

Die Ausstellung wird am 7. Juni, 17 Uhr, eröffnet und ist bis 8. Februar 2015 im Frauenmuseum Hittisau zu besichtigen.

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