Die Kraft des Adrenalins

Kultur / 13.06.2014 • 19:34 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Scott Hendricks sang im „Troubadour“ auf dem See und in „Der Untergang des Hauses Usher“ im Festspielhaus.  Foto: VN
Scott Hendricks sang im „Troubadour“ auf dem See und in „Der Untergang des Hauses Usher“ im Festspielhaus. Foto: VN

Ich erinnere mich an mein Vorsingen für die Bregenzer Festspiele, als wäre es gestern gewesen. Ich flog nach Wien, fühlte mich an dem Tag jedoch ein bisschen krank. Ein erholsamer Nachtschlaf würde mich kurieren, dachte ich. Als ich abends landete, ging ich direkt ins Hotel und zu Bett. Am Morgen des Vorsingens wachte ich auf und fühlte mich schrecklich. Halsschmerzen, die Nase lief, die Augen zugequollen. Es war die Hölle und ich so wütend, den ganzen Weg von Amerika hergeflogen zu sein, um letztlich ein wichtiges Casting absagen zu müssen. Den Tag verbrachte ich im Hotel in der Hoffnung, später die Energie aufzubringen, auch nur eine Arie herauszupressen. Leider musste diese Arie ausgerechnet „Il balen del suo sorriso“ aus “Der Troubadour” sein – ein schwieriges Stück, auch ohne Halsschmerzen.

Eine Stunde vor Vorsingtermin erreichte ich das Theater, um mich einzusingen. Nichts, kein Ton. Ohne Übertreibung – nichts. Ich war so sauer. Dann holte ich mir eine Flasche Wasser und probierte weiter. Schließlich konnte ich genug Klang erzeugen, um durch die Arie zu kommen. Die Cabaletta versuchte ich gar nicht erst. Ich entschied mich, das Vorsingen durchzuziehen. Sollte es ganz schief gehen, würde ich meinen Agenten dazu bringen, meine Krankheit zu erklären und einen neuen Termin in naher Zukunft zu vereinbaren. Nicht der feinste Weg, aber ich war verzweifelt.

Ich betrat den Raum und alle waren so freundlich. Dirigent Fabio Luisi schüttelte mir die Hand und erlaubte mir, einen Vers der Cabaletta zu streichen. Operndirektorin Eva Kleinitz und ein ungewöhnlich gekleideter Mann mit Backenbart namens David Pountney begrüßten mich und dankten mir fürs Kommen. Ich sang die Arie inklusive Cabaletta und bis heute verstehe ich nicht, wie ich da durchkam. Unterschätze nie die Kraft des Adrenalins. Ich sang gut genug. Alle schienen angetan, und als ich den Raum verließ, hörte ich de Stimme von Mr. Pountney: „Haben Sie vielen Dank, Scott!“

Bregenz 2005, “Der Troubadour”. Vom ersten Probentag an fühlte ich mich in meinem Element. Am zweiten Probentag wurde ich gerügt vom technischen Abendspielleiter Alexander Balazs, der für die Sicherheit auf der Seebühne verantwortlich war. Ich war auf einer Reling gestanden. Wir spielten das Spiel „Zwei Schritte vor, einen zurück“ den ganzen Sommer. Ich mochte ihn sehr. Er zeigte mir Respekt, mochte meinen Enthusiasmus und meine Darbietung, aber scheute sich nicht, mir zu sagen: „Nein, du kannst nicht auf dem Zaun stehen.“ „Nein, du kannst nicht die Metalltreppe runterrutschen.“ „Nein, du kannst Dich nicht so weit über die Kante lehnen.“ Das Schönste an jenem Sommer war, den Bregenzer Festspielchor, die Statisten und die Stuntleute kennenzulernen. Wir grillten am See, spielten Fußball, Basketball, Darts und auch Billard. Oh, und natürlich tranken wir eine Menge Mohrenbräu. Die letzten drei Wochen des Festivals waren sehr intensiv. An der Welsh National Opera war der Bariton für die Neuproduktion von Verdis “Don Carlos” ausgefallen. Ich wurde gebeten, einzuspringen, doch nur unter der Voraussetzung, dass ich vor Ende des “Troubadour”-Engagements in Bregenz drei Proben in Cardiff beiwohnen konnte. Dies bedeutete hin- und herpendeln zwischen Österreich und Wales.

Der Sommer 2006 während der Proben für die Wiederaufnahme von “Der Troubadour” verlief relativ ruhig – bis zur abenteuerlichen Uraufführung von Debussys “Der Untergang des Hauses Usher” im Festspielhaus. Der ursprünglich vorgesehene Bariton musste drei Wochen vor der Premiere wegen Rückenproblemen absagen. Eva Kleinitz fragte mich, ob ich einspringen könnte. Zu der Zeit sang ich viel zeitgenössische Oper, und sie hatte mich im vorherigen Jahr in der Produktion von Robert Carsen, der Weltpremiere von Battistellis “Richard III.” in Antwerpen gesehen. Robert hatte mich Eva und David auch ursprünglich für Troubadour empfohlen. Phyllida Lloyd, die Regisseurin von “Usher”, war verständlicherweise besorgt. Sie hatte ihren Hauptdarsteller verloren und dann kam da ein Typ, der diese unbekannte Rolle dieses neuen Stücks auf Französisch in kürzester Zeit einstudieren und proben sollte, während er auf dem See im “Troubadour” auftrat. Leichte Übung, oder?

Jedenfalls lernte ich die Rolle in weniger als drei Wochen, wir gaben eine erfolgreiche Premiere und eine gefeierte DVD-Produktion. Ich werde nie vergessen, wie Eva nach der Premiere mit Tränen in den Augen vor mir stand und sagte: „Du hast es geschafft!“ Und dann kam David auf mich zu und sagte: „Scott, du warst groß!“ Und ich fühlte mich groß. Dank all meiner Freunde und Kollegen bei den Bregenzer Festspielen. Es war ein außergewöhnlicher Moment.

Das Buch enthält zahlreiche Beiträge von Künstlern und Mitgliedern der Festspielleitung und ist ab 18. Juni erhältlich.

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