Weil Innehalten das Mindeste ist

Kultur / 13.06.2014 • 19:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Clara Heimann  
Clara Heimann  

Gedenksteine sollen in Hohenems an die von hier deportierten Holocaust-Opfer erinnern.

Hohenems. Die einzelnen Geschichten sind schmerzhaft und die Vehemenz, mit der in Hohenems die Deportation der letzten jüdischen Mitbürger in die Vernichtungslager betrieben wurde, macht immer wieder fassungslos. An neun Mitbürger, denen die Flucht vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr gelang, sollen demnächst Gedenksteine erinnern. Es handelt sich dabei um jenes Projekt, das der Künstler Gunter Demnis schon in verschiedenen Städten realisiert hat.

Als Berlin-Besucher hat man schon vor geraumer Zeit innegehalten, um die Inschriften auf den kleinen Tafeln zu lesen, die golden glänzend am Boden vor einzelnen Hauseingängen eingelassen wurden. Man liest dann beispielsweise, dass von hier aus eine ganze Familie mit einem Baby in ein Vernichtungslager deportiert und ermordet wurde. Name, Geburtsdatum, Todesdatum – manchmal sind es jüngere Leute, manchmal ältere, sehr oft auch Kleinkinder. Helene Blumenthal, Henriette Arnhold oder Karl Bukofzer steht da beispielsweise, sie wurden in Auschwitz ermordet oder in Theresienstadt. Man versucht sich den Menschen vorzustellen. In einigen der Durchgänge zu Höfen und weiteren Wohnungen sind sehr viele Tafeln angebracht.

Neun Tafeln oder sogenannte „Stolpersteine“ werden es demnächst in Hohen­ems sein. Sie tragen die Namen Frieda Nagelberg, Gisela Figdor, Markus Silberstein, Clara Heimann, Sophie Steingraber-Hauser, Alois Weil, Theodor Elkan, Helene Elkan oder Hans David Elkan. Schüler der Klasse 4c der Mittelschule Markt haben gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Hohenems die Biographien erarbeitet. Am 30. Juni wird der Künstler Gunter Demnig die Steine vor jenen Häusern verlegen, in denen die Menschen zuletzt vor der Deportation gelebt haben.

Das Projekt mit Steinen am Boden, die die Größe eines Pflastersteines haben, ist gelegentlich in Diskussion geraten. Man könnte drauf treten, lautete ein Kritikpunkt. Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums, bewertet die Aktion grundsätzlich positiv, erinnert an Gedenksteine oder -sterne mit Künstlernamen, wie sie beispielsweise auf Wiener Gehsteigen anzutreffen sind. Und er erzählt eine sehr persönliche Geschichte: Als vor dem Haus seiner Mutter in dem kleinen Ort Müllheim in Süddeutschland zwei Steine mit den Namen seines Großvaters und seiner Tante verlegt wurden, habe das seiner Mutter und ihm sehr gut getan.

Sie mussten gehen

Clara Heimann, geborene Rosenthal, kam im November 1866 in Hohenems zur Welt. Nach Aufenthalten in verschiedenen Ländern hatte sie nicht gedacht, dass sie als alte Dame in Hohenems in Gefahr schwebte. Im Mai 1940 wurde sie nach Wien zwangsumgesiedelt, zwei Jahre später ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo ihr Todesdatum mit dem 20. November 1942 dokumentiert ist.

Mit welchem Nachdruck man in Hohenems die Deportation der letzten dort verbliebenen Juden betrieb, beweist das Schicksal von Frieda Nagelberg (1889–1942). Sie stammte aus ärmeren Verhältnissen, war als Näherin, Wäscherin oder Küchenhelferin tätig und stand nicht auf den Aussiedlungslisten, weil sie sich 1930 der Glaubensgemeinschaft der Adventisten anschloss. Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Wolfgang erwirkte, dass sie nach Wien und dann in ein Lager kam: „Wie bereits berichtet, lege ich größten Wert darauf, dass auch diese letzte Jüdin das Land Vorarlberg verlässt und wenn ihre Übersiedlung nach Wien an der Tragung der Fahrtkosten scheitern sollte, wäre ich bereit, dieselben zu übernehmen“, heißt es in einem Schreiben von Wolfgang. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Frieda Nagelberg das Lager Izbica in Polen lebend verlassen hat.

Alois Weil (1878–1938) arbeitet unter anderem als Bibliothekar in Hohenems. Er wurde im Konzentrationslager Dachau ermordet, seine Tochter Ilse floh mit ihrem Mann noch rechtzeitig in die Vereinigten Staaten. Theodor Elkan, dessen Geburtstag sich heuer zum 150. Mal jährt, hatte vergeblich versucht, die Thora-Rollen aus der Hohen­emser Synagoge nach St. Gallen zu retten. Er wurde mit seiner Familie nach Wien „umgesiedelt“ und ins Todeslager Theresienstadt deportiert. Nach seinem Vater und seiner Mutter Helene starb dort auch Hans David Elkan im Alter von 43 Jahren, nach vielen Versuchen vor den Nazis zu fliehen.

Weil Innehalten das Mindeste ist
 Frieda Nagelberg  
 Frieda Nagelberg  
 Gisela Figdor  
 Gisela Figdor  
Hans David Elkan
Hans David Elkan
Markus Silberstein  
Markus Silberstein  
Sophie Steingraber-Hauser
Sophie Steingraber-Hauser
 Helene und Theodor Elkan. Fotos: JMH  
 Helene und Theodor Elkan. Fotos: JMH  

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