Volkstheater im besten Sinn

Kultur / 15.06.2014 • 20:20 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Volkstheater im besten Sinn

Wer traut sich, ein Freilufttheater mit Amateuren zu zeigen, in dem kein verständliches Wort vorkommt?

Schlins. (VN) Der Komponist Gerold Amann sowie die Regisseurin Brigitta Soraperra und mit ihnen gemeinsam etwa hundert mitwirkende Sängerinnen und Schauspieler stellen die musikalische Komödie „Die Vögel“ nach Aristophanes auf die Bühne in der Burgruine Jagdberg. Die Proben beginnen.

Welche Beziehung haben Sie zur Burgruine Jagdberg und was fasziniert Sie an diesem Aufführungsort?

Soraperra: Meine Beziehung zum Jagdberg hängt mit meiner Jugend und vor allem mit Gerold Amann zusammen. Ich bin in Nenzing aufgewachsen und war im Gymnasium mit seiner Tochter befreundet. Durch Gerold habe ich von den damals schon legendären Burgspielen gehört und wollte dann, als ich in Wien Theaterwissenschaft studiert habe, unbedingt bei der „Apokalypse“-Produktion im Jahr 1990 als Assistentin dabei sein. In dieser Zeit hat mich das sogenannte Jagdbergfieber gepackt. Nicht nur die Kulisse der Burgruine ist sagenhaft schön, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl unter den Mitwirkenden bei diesen Spielen.

Nach der Regieassistenz bei der „Apokalypse“ haben Sie bei der folgenden Produktion „Formicula“ selbst Regie geführt. Inwiefern haben die Burgspiele Ihre Künstlerinbiografie geprägt?

Soraperra: Sie haben mich insofern geprägt, als es ja doch ein völlig anderes Arbeiten ist, ob ich ein Kammerspiel oder eine Freiluftaufführung mit über hundert Personen umsetze. Bei Letzterem muss man das Regiekonzept fast gänzlich am Schreibtisch entwickeln, da während der Proben nicht allzu viel Zeit zum Improvisieren bleibt. Spannend war für mich auch die Erfahrung, dass ein Chor als Hauptprotagonist eine ganze Aufführung tragen kann. Diese Arbeiten bei den Burgspielen haben mein Repertoire ganz schön erweitert und mich gelehrt, groß zu denken.

Sie haben eine führende Rolle bei der Festlegung gespielt, dass Gerold Amann „Die Vögel“ nach der Uraufführung nahe Hannover für den Jagdberg adaptiert hat und die Produktion nun auch hier gezeigt wird. Was gefällt Ihnen besonders an diesem Stück?

Soraperra: Es war zum einen das Stück, das mir gefällt. Zum anderen wollte ich auch unbedingt erreichen, dass Gerold und die Spielgemeinde wieder einmal auf der Ruine aktiv werden. Ich finde, dass diese Art des qualitativ hochstehenden Musiktheaters, das gleichzeitig Volkstheater im besten Sinne des Wortes ist, eine Region bereichert und überregionale Strahlkraft erzeugt. Wenn Gerold ein Stück für den Jagdberg schreibt, dann weiß man, dass man so etwas noch nie gesehen hat. Das ist auch bei den „Vögeln“ der Fall. Wer traut sich schon, ein Freilufttheater mit Laien zu zeigen, in dem kein verständliches Wort vorkommt und das trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – einen so hohen Spaßfaktor hat?

Welche inhaltlichen Linien werden Sie nachzeichnen?

Soraperra: Ich werde vor allem daran arbeiten, dass die Geschichte von den „Vögeln“, die sich aufgrund ihrer Eitelkeit, ihrer Naivität und ihrer Machtgeilheit verführen lassen und damit ins eigene Verderben stürzen, leicht verfolgt werden kann, auch wenn Wörter und Laute vermeintlich nicht zu verstehen sind. Außerdem geht es darum, starke und hoffentlich spektakuläre Bilder für die einzelnen Szenen zu finden, die einer so großen Kulisse wie der Ruine Jagdberg gerecht werden. Und dann gilt mein zentrales Interesse natürlich dem Komödiantischen, das ich vor allem in der körperlichen, sprachlichen und natürlich musikalischen Ausdrucksweise der Figuren und des Chores sehe. Um dies zu erreichen, gibt es eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen der Choreografin Ursula Sabatin und der Chorleiterin Isabella Fink.

Wie werden Sie die unterschiedlichen Welten der Götter, Vögel und Menschen gewichten?

Soraperra: Zentral sind natürlich die „Vögel“, der Chor, bestehend aus etwa sechzig Personen, und der eigentliche Hauptprotagonist, der als solcher beinahe durchgehend auf der Bühne agieren wird. Die Götter repräsentieren bei uns vor allem Relikte aus einem alten System und sind deshalb eher ein statisches Element. Die sie darstellenden vier Sängerinnen und Sänger vom Konservatorium singen alles in altgriechischer Sprache und sind die einzigen Profis auf der Bühne. Die einzelnen menschlichen Figuren, die im Stück vorkommen und sich unter die Vögel mischen, sind allesamt Schleimer und Eigennutzer, die sich im neuen Staat vor allem einen eigenen Vorteil erhoffen. Dementsprechend grotesk sollen sie auch rüberkommen.

Welchen Stellenwert wird der Humor einnehmen?

Soraperra: Einen zentralen. Wobei ich den Humor weniger in der Geschichte selber sehe als in den einzelnen Szenen, in denen es zu wirklich witzigen Begegnungen und Konstellationen kommt. Eine große Portion zusätzlicher Komik ergibt sich zwangsläufig auch aus den von Gerold Amann vorgegebenen Ausdruckweisen mittels Interjektionen, Wortfetzen und Lautmalerei. Sätze wie diese: „Ui – aha – a gee! – du du du“ wirken für sich schon komisch. Und sie haben eine universell gültige Verständlichkeit. Es gefällt mir, dass wir also ein sehr internationales Stück zeigen werden.

Zur Person

Brigitta Soraperra

Geboren: 1968 in Bludenz

Ausbildung: Studium der Theaterwissenschaften, Germanistik, Psychologie und Philosophie in Innsbruck und Wien

Tätigkeit: Freischaffende
Regisseurin

Projekte: Zahlreiche Projekte in der Schweiz und in Vorarlberg, darunter „Liebesdienste“, „Der alte König in seinem Exil“

„Die Vögel“ von Gerold Amann. Premiere: 4. Juli, 21.30 Uhr, Burgruine Jagdberg. Aufführungen bis 13. Juli, jeweils 21.30 Uhr: www.burgspieleschlins.at

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