Ein Spiegel der Gesellschaft

Kultur / 20.06.2014 • 17:54 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
   
   

Putin-Kritiker Michail Chodorkowski hat ein Buch über zehn Jahre Lagerhaft geschrieben.

Sachbuch. Michail Chodorkowski, der frühere Ölmilliardär und Oligarch, verbüßte zehn Jahre Haft in Gefängnissen und entlegenen russischen Straflagern. Großen Schriftstellern wie Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow verdankt die literarische Welt Berichte über die sowjetische Lagerhölle. Doch auch im 21. Jahrhundert haben diese Zonen der Willkür und Gewalt nichts von ihrer Grausamkeit verloren. Eine Beschreibung des aktuellen Zustands aus erster Hand ist das Verdienst des einst zu den reichsten Männern der Welt gehörenden Chodorkowski, aber auch der Frauen der Kreml-kritischen Punkband Pussy Riot.

Chodorkowski, der in zwei höchst umstrittenen Prozessen wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war, hat ein Buch über das russische Lagersystem geschrieben. Das Besondere daran ist, dass der 50-Jährige nicht einfach seine Lager-„Memoiren“ verfasst hat. Vielmehr porträtiert er in dem  Buch „Meine Mitgefangenen“ Häftlinge, deren Schicksale sonst wohl nie bekannt geworden wäre.

Chodorkowski ist kein Schriftsteller, sondern ein nach eigener Darstellung „durch und durch technokratischer Mensch“. Das merkt man den 20 Kurzporträts an. Und doch gehen seine Skizzen unter die Haut. Bedrückend ist seine Schlussfolgerung, das Lagersystem sei ein Abbild der russischen Gesellschaft. Er trifft auf junge Ermittlungsbeamte, die im Lageralltag lernen, das Recht zu verbiegen.

Michail Chodorkowski: „Meine Mitgefangenen“, Verlag Galiani, Berlin, 112 Seiten