Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Von der Trauer am langen Tag

Kultur / 20.06.2014 • 19:43 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Heute beginnt für mich wieder eine Problemzeit. Wie alle Jahre am 21. Juni, dem längsten Tag mit der kürzesten Nacht. Denn ab heute geht’s wieder bergab. Mit der Zeit, meine ich. Genauer: Mit dem Licht. Jeden Tag, bis zur Wintersonnwende am 21. Dezember, verkürzt sich nun der Tag, verlängert sich die Nacht. Das geht noch halbwegs bis zur Tag-und-Nacht-Gleiche am 23. September, denn bis dahin ist der Tag immerhin noch länger als die Nacht. Aber dann, ab diesem furchtbaren Tag, werden die Nächte länger als der Tag. Am Morgen glaubt man, dass es überhaupt nicht mehr hell wird, so lange braucht die Sonne, bis sie etwas Licht in die herbstliche Dämmerung bringt, und am Nachmittag kommt die Dunkelheit, bevor man überhaupt wahrgenommen hat, dass es Tag geworden ist.

Kurz gesagt: Es ist der alljährliche, sich immer wiederholende Schrecken, der ab heute praktisch vor der Tür steht. Die nächsten Tage geht es ja noch, da ist die Verkürzung des Tages noch nicht offensichtlich. Wenn man aber, etwa in Bregenz, am Bodensee stehend, genau beobachtet, an welcher Stelle hinter dem Pfänder die Sonne aufgeht, dann kann man ganz genau verfolgen, wie sich diese Stelle täglich um eine ganz kleine Distanz verschiebt. Unerbittlich tritt das ab dem heutigen Tag ein, womit selbst wunderbare, warme, sonnige Tage nicht ohne Wermutstropfen bleiben. Denn ich weiß, der Tag heute ist kürzer als der gestern, und der morgen wird wieder kürzer sein als der heute. Die Sonne wird sich immer weiter zurückziehen, wird uns Wärme und Licht immer weiter entziehen, bis wir ob der Trübsinnigkeit der drohenden dunklen Tage kaum mehr den Kopf zum ohnehin nur noch grau-düsteren Himmel heben werden.

All diese Dramatik beginnt mit heutigem Tag. Und all die Sonnenstunden, die uns in diesem Sommer noch beschieden sein werden, sind nur Tarnung der Natur, um uns von den Gedanken an das schreckliche, fast ewige, zumindest über den Herbst und den Winter währende Dunkel abzulenken. Und so wird es sein wie alle Jahre. In der schönen Sommerzeit werde ich der Traurigkeit über die kürzer werdenden Tage anheimfallen, einer Traurigkeit, die sich erst mit dem 21. Dezember wieder legen wird. Denn dann werde ich mich, in der Kälte des Winters, wieder über das ansteigende Licht des Tages freuen. Ziemlich bescheuert, nicht?

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.