Dafür muss man Zeit haben

Kultur / 22.06.2014 • 20:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Rund 80 junge Leute und deren Lehrer begeistern in der Harder Kammgarn mit dem Musiktheaterprojekt „HARDly time“. Fotos: CD  
Rund 80 junge Leute und deren Lehrer begeistern in der Harder Kammgarn mit dem Musiktheaterprojekt „HARDly time“. Fotos: CD  

„HARDly time“ ist mit rund 80 Mitwirkenden mehr als ein Schüler-Projekt geworden.

Hard. Kaum noch Zeit dafür zu haben, lautet die übliche Begründung, wenn Schulen über längere Zeiträume auf die Realisierung von Bühnenprojekten mit Musik verzichten. Man verübelt es den Verantwortlichen nicht, denn der Aufwand dafür ist enorm. In Vorarlberg gibt es dennoch einige löbliche Initiativen. Beim Musical „Ritter Rudis Raubzüge“ war vor einigen Wochen ganz Wolfurt mitsamt seinen Schülern, unterstützt vom Blasmusikverband und dem interkulturellen Verein Motif, auf den Beinen, in Dornbirn formierten sich jüngst etwa 120 junge Leute mit ihren Pädagogen, um das so witzige wie fantastische und anspruchsvolle Stück „Schockorange“ umzusetzen, an den letzten Tagen trafen sich, wie ebenfalls berichtet, beim Festival „Boje“ in Bregenz jede Menge Kinder und Jugendliche aus Deutschland, Liechtenstein und Vorarlberg, die sich neben der Ausbildung für ein regelmäßiges Schauspieltraining Zeit schaffen, in Hard sind es nun rund 80 Schüler, die an einem Projekt beteiligt sind, das zudem nur funktionieren konnte, weil sich mehrere Schulen und Einrichtungen zusammentaten.

Der Titel „HARDly time“ erweist sich als witziges Wortspiel mit der Thematik und dem Aufführungsort, kaum Zeit (so eine mögliche Übersetzung), diese Ausrede gilt in diesem Fall allerdings nicht. Weil man sich sogar viel Zeit nahm, stand das Publikum am sonnigen Samstagabend nicht nur parat, um bei der Premiere bzw. Uraufführung den Veranstaltungssaal in der Kammgarn zu füllen, es hatte auch noch sehr lange Lust, die jungen Akteure und die Musiker ausgiebig zu feiern.

Präsenz und Stimme

Der eine oder andere, man merkte es wohl, hatte zwischendurch trocken geschluckt: „HARDly time“ basiert auf dem Buch „Momo“ von Michael Ende. Als harmlos-heitere Geschichte kommt das Musiktheaterstück allerdings nicht daher. Das liegt nicht nur daran, dass hier aufgezeigt wird, wie fahrlässig Menschen mit ihrem Zeitkonto verfahren bzw. wie eingeengt sie sich ob der befristeten Lebenszeit fühlen.

Die Verantwortlichen – für Konzept und Regie zeichnet Iris Biatel-Lerbscher – haben die Sprech- und Liedtexte offenbar gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen erarbeitet, Sch…- und F…-Wörter (und zwar nicht nur „fear“) wurden nicht eliminiert. Was auf dem Schulhof stattfindet, darf auch auf der Bühne gezeigt werden, man muss es dort ja nicht gutheißen. Tut man auch nicht. Löblicherweise kommt „HARDly time“ dennoch ohne erhobenen Zeigefinger aus. Man weiß, was man von Biatel-Lerbscher erwarten darf. Dass die Jugendlichen so viel Bühnenpräsenz zeigen und vor allem so viel Stimme haben, davon war nicht auszugehen, das hat erstaunt und überzeugt.

In Michael Endes „Momo“ kämpft ein Mädchen bekanntermaßen gegen graue Herren, die die Menschen zur effizienten Planung antreiben. Dieser Aspekt wird hier in bunte, nicht immer stringente, sondern gerne auch völlig überraschend verlaufende Szenen übertragen, in denen sich die Leute Freiräume schaffen und diese verteidigen. So weit der grobe Umriss einer Aufführung, die in Gruppen-, Solo- und Tanz-Auftritten Drive erhält und in der es kaum noch Schwellen zwischen Orchester, Akteuren und Publikum gibt. Theresia Natter hat eine rockige Musik beigesteuert, Herwig Hammerl hat sie souverän arrangiert und immer wieder ist herauszuhören, dass an der Musikschule und an den Mittelschulen Markt und Mittelweiherburg erfolgreich Stimmbildung betrieben wird. Die Töne sitzen, jeder Auftritt hat Gewicht. Es sind viele kleine Details, die in dieser großen Team-Arbeit begeistern.

Dafür muss man Zeit haben

Weitere Aufführung von „HARDly time“ am 27. Juni, 20 Uhr in der Kammgarn Hard.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.