Ein klassisches Eigentor gekickt

Kultur / 23.06.2014 • 21:17 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Piotr Beczala und Kristin Okerlund.  Foto: Schubertiade  
Piotr Beczala und Kristin Okerlund. Foto: Schubertiade  

Warum Weltstar Piotr Beczala bei der Schubertiade an der „Dichterliebe“ scheiterte.

SCHWARZENBERG. Das hervorstechendste Ereignis am ersten Schubertiade-Wochenende war das Debüt des Polen Piotr Beczala. Ein weltweit gefeierter Sänger, ausgestattet mit allen Eigenschaften des lyrischen Opernfachs und einer Stimme, die locker ein Fußballstadion gefüllt hätte. Und dennoch schießt er sich hier gleich zu Beginn ein klassisches Eigentor.

Was war geschehen? Als Einspringer für Annette Dasch hatte Beczala geglaubt, dem Festival den Tribut eines romantischen Liederzyklus zu schulden. Und scheitert prompt an Schumanns „Dichterliebe“, die er, an den Noten klebend, mit ungezügeltem Stimmvolumen, überdeutlicher Diktion und nicht ganz akzentfreiem Deutsch verwegen in den Saal schmettert. Das wird zur Stilfrage. Diese kleinen, melancholischen Gebilde verzeihen solch selbstverliebte Behandlung durch einen Opernsänger nicht, der im Ausdruck immerhin etwas von seiner Bühnenroutine einbringt. Seine unsensible Klavierpartnerin Kristin Okerlund macht die Sache auch nicht besser.

Wirklich in Schwarzenberg angekommen ist der 47-Jährige dafür mit Gesängen in slawischen Sprachen, etwa von Mieczyslaw Karlowicz aus seiner polnischen Heimat, die in ihrer Operettenhaftigkeit strahlenden Tenorglanz und Schmelz geradezu herausfordern. Nach Russischem von Rachmaninow werden Dvoraks populäre, volksnahe „Zigeunermelodien“ in voller stimmlicher Schönheit zur überlegenen Spitzenleistung des Abends. Selten wurde die Kluft zwischen Opern- und Liedgesang so deutlich wie hier. Und ohne die erste Halbzeit (schon wieder dieser Fußball-Jargon!) wäre dieser Abend ein hinreißender Sieg nach Punkten.

Auf allen Linien überzeugend

Der deutsche Pianist Martin Helmchen (32) konnte auf allen Linien überzeugen. Dass er ein veritabler Schubert-Interpret ist, hat sich seit seinem Debüt 2007 mehrfach gezeigt. Diesmal überraschte er auch durch seine große Kompetenz bei Bach. Mit feinem Gespür wurde eine große Geschlossenheit des Programms erreicht, mit Schubert als Rahmen, dessen Schlussfuge der „Wandererfantasie“ wieder zu Bachs Kontrapunktik zurückführte.

Helmchens Spiel ist stets kontrolliert, technisch tadellos geerdet und trotzdem von entwaffnender Natürlichkeit. Wie er etwa die „Aria“ in Bachs Partita Nr. 4 frei, wie improvisierend und fast außerhalb des Metrums ausziert, ist ebenso zu bewundern wie die Farben, mit denen er am Beginn Schuberts Variationen über ein Thema von Hüttenbrenner ausstattet. Schumanns „Waldszenen“ sind so etwas wie der große, weit komplexere, weniger bekannte Bruder seiner „Kinderszenen“, gleichwohl rasch hingeworfene Charakterstücke, die Helmchen Gelegenheit zu versonnenen Augenblicken voll romantischer Lauterkeit geben. Die „Wandererfantasie“ wird zum Offenbarungseid seines gesamthaften pianistischen Könnens – immer ein Trapezakt ohne Netz, den dieser Künstler mit Brillanz, Leidenschaft und Tiefe meistert.

Schubertiade heute: 16Uhr Liederabend Sylvia Schwartz, 20 Uhr Orchesterkonzert „Cappella Andrea Barca“, Leitung András Schiff

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