Sie haben gemalt, was sie nur taten

Kultur / 27.06.2014 • 22:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Szene aus den „Letzten Tagen der Menschheit“ in der Umsetzung der Künstlerin Deborah Sengl.  Foto: VN/CD  
Szene aus den „Letzten Tagen der Menschheit“ in der Umsetzung der Künstlerin Deborah Sengl. Foto: VN/CD  

Ratten und Menschen oder Ein Abriss aus Veranstaltungen zum Weltkriegsgedenken.

Berlin, wien, Bregenz. „Tägliche Lüge, aus der Druckerschwärze floss, wie Blut zum großen Wasser des Wahnsinns.“ Karl Kraus muss zu diesem Schluss gekommen sein. Der Schriftsteller (1874–1936) las sie alle, die Blätter, die vor und nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschienen sind. Kriegshetze war in den Medien im damaligen Österreich bzw. Österreich-Ungarn nicht selten und vor allem kein folgenschweres Delikt. Höchstens für die Literatur. Während mehrerer Jahre brütete er über seinen „Letzten Tagen der Menschheit“, die von Zeitungsartikeln und Illustrationen inspiriert sind und auch die kriegstreibenden Protagonisten an der Spitze der gerade untergegangenen Monarchien Mitteleuropas zu Wort kommen lassen.

Notwendigkeit

Was mit über 200 Szenen als unaufführbar galt und vom Urheber selbst auch so beurteilt wurde, förderte schon in der Zwischenkriegszeit den Ehrgeiz Berliner und Wiener Theatermacher, die Auszüge realisierten. Kompakt gestraffte Versionen mit den zentralen Szenen folgten später. Vertreter jener Generation, die noch mit qualitätsvollen Rundfunk-Produktionen (sprich: Hörspielen) aufwachsen konnte, zitieren heute noch die von Kraus dokumentierten Aussagen, in denen der Krieg als Notwendigkeit für eine moralische Läuterung verteidigt wird. Manche Zitate bleiben in ihrer Abscheulichkeit ohnehin schwer fassbar.

Am heutigen 28. Juni, hundert Jahre nach dem Attentat in Sarajevo, liest Erwin Steinhauer im Wiener Josefstadt-Theater aus den Texten, das Volkstheater pausiert mit der neuen „Die letzten Tage der Menschheit“-Produktion, in der Thomas Schulte-Michels ob der Tatsache, dass das Grauen ohnehin nicht visualisierbar ist, lauter Männer – piff, paff, puff – Krieg spielen lässt. Der Blick richtet sich nun auf die Inszenierung des Wiener Burgtheaters, die im Rahmen der Salzburger Festspiele Premiere hat und im Herbst ins Haus am Ring kommt.

Vorbereitung erfuhr die Kraus-Serie auf den Bühnen heuer durch die österreichische Künstlerin Deborah Sengl. Mit ausgestopften Ratten hat sie im Essl-Museum Szenen akribisch nachgestellt. Auf Basis von Zeichnungen wurden an die 200 der possierlichen Nager gereiht und nehmen sich gar nicht mehr so harmlos aus. In Körperhaltung und Gestik der tierischen Szenen schimmert auch jene menschliche Unzulänglichkeit durch, die heute noch zur Katastrophe führen könnte. Er habe nachgemalt, was sie nur taten, meinte schon Karl Kraus.

Am 28. Juni 1914 erschoss Gavrilo Princip Österreichs Thronfolger und seine Ehefrau. In „Dieses Grab ist mir zu klein“ zeigt die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic die jungen Leute, die die Tat vorbereiten, als Menschen, die aus verschiedenen Gründen die Fähigkeit zur Reflexion verloren haben. Am Wiener Schauspielhaus und an der Berliner Schaubühne hat sich das Publikum mit Inszenierungen eines der wichtigsten Stücke zum Thema beschäftigt.

Nichts Abstraktes

Mit dem Grauen haben sich renommierte Künstler auseinandergesetzt. Während man in Vorarlberg noch ein, zwei Jahre auf eine Schau mit den Arbeiten von Rudolf Wacker wartet, empfiehlt sich die Auseinandersetzung mit Otto Dix. Das Museum im einstigen Atelier in Gaienhofen am Bodensee beherbergt Beispiele von Kriegsbildern, die nichts Abstraktes mehr haben. Dem Menschen in seinem entfesselten Zustand sei er begegnet, bekundet er seine auch ambivalente Haltung.

Princips Schüsse haben keinen Weltkrieg ausgelöst. Sie haben mich drangekriegt, oder ich habe es nicht gewollt, meinten die Auslöser. Einen Monat später war die Kriegserklärung unterzeichnet. Die Bregenzer Festspiele führen zum Gedenken an die Opfer am 28. Juli Brittens „War Requiem“ auf.

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