“Wenn sich Vögel wie Götter fühlen, dann singen sie”

Kultur / 27.06.2014 • 22:02 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Auf der Schlinser Burg wird mit zahlreichen Mitwirkenden für die Uraufführung des Stückes am 4. Juli geprobt.  Foto: ST  
Auf der Schlinser Burg wird mit zahlreichen Mitwirkenden für die Uraufführung des Stückes am 4. Juli geprobt. Foto: ST  

Gerold Amann wird als Initiator, Komponist der Burgspiele Schlins hoch geschätzt.

Schlins. In bester Erinnerung sind seine Laienspiele „Goggalori“, „Spektakel“, „Apokalypse“, „Formicula“ oder auch „Triungulus“ im Steinbruch in Hohenems. Mit seiner individuellen Art, Musiktheater zu schaffen, fand Gerold Amann auch über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung. Anfang Juli feiert die Spielgemeinde Schlins die Premiere seines neuesten Stückes „Die Vögel“.

Welche Bedeutung hatten und haben die Burgspiele für Sie?

Amann: Für mich selbst sind die Burgspiele immer sehr stark erlebnisorientiert. Es ist ein besonderes Ereignis, mit vielen Menschen zusammenzuarbeiten und die Entwicklung eines Stückes mitzuverfolgen. Alle Produktionen, bei denen viele Leute mitgewirkt haben, waren für mich emotional wichtig. Ein schönes Erlebnis ist es immer, wenn die Spieler und die Zuschauer eine Freude und auch eine Gaudi damit haben. Es ist bereits die siebente oder achte Produktion eines Freilichtspiels
und jedes Mal ist es wieder eine spannende Gratwanderung.

Welchen Platz nehmen die Musiktheaterkompositionen in Ihrem Schaffen ein?

Amann: Ich sehe die Musik, die ich für die Laienspiele komponiert habe, als eine Art „Gebrauchsmusik“ im positiven Sinn. Mit diesen Werken verfolge ich keine abgehobenen Ideen, schon gar nicht will ich mich an eine Elite wenden, sondern sie sollen eine gesellschaftliche Relevanz haben und gute Unterhaltung bieten, ohne sich anzubiedern oder sich einem Mainstream anzuschließen.

War es bereits früher Ihre Absicht, Musiktheater speziell für die Burgruine zu schreiben oder waren zuerst die Stücke da, die anschließend in der Ruine Jagdberg realisiert worden sind?

Amann: So eindeutig kann ich das nicht beantworten. Von früher habe ich die Burgruine als Veranstaltungsort für Theateraufführungen gekannt. Schon als Kind habe ich in Schnifis gerne mit anderen Kindern Theateraufführungen gemacht. Ich war nie ein guter Schauspieler, aber selbst Theaterstücke entwickeln und komponieren, das war schon damals eine Lieblingsbeschäftigung von mir. Weil mich die Burg fasziniert hat, hat sich das später dann so ergeben.

Eine Besonderheit und ein Qualitätsmerkmal der Burgspiele besteht darin, dass hier Laien und Profis gleichberechtigt zusammenwirken. Wie wichtig ist dieser Aspekt?

Amann: Das war von Anfang an sehr wichtig. Ich wollte nie ein Laienspiel machen, bei dem die Laien wie die Profis Theater spielen, denn das kann nur ein schlechteres Profitheater werden. Deswegen habe ich Wege gesucht, wie man nicht Einzelpersonen, sondern große Gruppen wirklich glaubwürdig einsetzen könnte. In meinen Stücken sind die Gruppen die echten Träger der Handlung. Theater dieser Art gibt es eigentlich nicht.

Wahrscheinlich braucht man für die Realisierung so großer Laienspiele auch ein psychologisches Geschick. Was meinen Sie, warum sind Sie gerade in diesem Metier so erfolgreich?

Amann: Es ist schwer zu sagen. Ganz sicher liegt der Grund nicht darin, dass ich Psychologie studiert habe. Ich bin das achte Kind einer Familie und war es schon immer gewohnt, mit anderen zusammenzusein und mit anderen auskommen zu müssen. Vielleicht spielt das eine Rolle. Zwar bin ich kein Witzeerzähler, aber ich kann manches locker sehen. Im Grunde bin ich ein humorvoller Mensch und ich fühle mich überhaupt nicht als Künstler.

Die Musiktheaterstücke für die Burgspiele sind stets auch so etwas wie ein Destillat aus kompositorischen Ideen, die bereits in anderen Werken verarbeitet worden sind. Ist das ein natürlicher oder ein bewusst gestalteter Prozess?

Amann: Klar, diese Musiktheaterstücke hängen mit dem zusammen, was ich auch sonst mache. Ich hatte sehr viel mit Schülern zu tun und habe jahrelang den Schlinser Kirchenchor geleitet. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite wollte ich sogenannte zeitgenössische Musik machen. Das ist für mich wichtig und das ist eigentlich das, bei dem ich das Gefühl habe, das bin ich.

Die Idee der Burgspiele hat auch außerhalb der Landesgrenzen Anklang gefunden. In Hannover haben Sie beispielsweise bereits drei große Produktionen realisiert.

Amann: Ein großer Erfolg war im Jahr 2005 die Bespielung des „Hauses der Regionen“ in Hannover, wo ich mit über hundert Sängern und Musikanten eine Aktion gemacht habe. Im Jahr 2004 habe ich in Völksen, nahe Hannover, das Freiluftspiel „Höllenfahrt im Freiballon“ aufgeführt und die erste Version der musikalischen Komödie „Die Vögel“, wurde dort vor zwei Jahren uraufgeführt.

Bei dieser Produktion leitet Isabella Fink den Chor. Wie ist es für Sie, nun aus der Beobachterrolle heraus zu sehen, wie das Stück Gestalt annimmt?

Amann: Schon bei „Formicula“ habe ich mit dem Komponisten Gerald Futscher zusammengearbeitet. Ich traue mir nicht mehr zu, wirklich alle Proben selbst zu leiten. Deshalb habe ich diesmal die Chorleitung an Isabella Fink übergeben und ich bin sehr froh darüber, weil ich sehe, dass es gut funktioniert.

Wo liegen die Wurzeln zur musikalischen Komödie „Die Vögel“?

Amann: Manche hätten mich gerne als „Vogelstimmen-Komponisten“ reduziert und mit Olivier Messiaen in Zusammenhang gebracht, das ist natürlich Unfug. Aber ich habe mich sehr viel mit
Vogelstimmen beschäftigt und neben vielem anderen haben auch die Gibbongesänge meine Kompositionsart weiter beeinflusst. Vor fast vierzig Jahren habe ich das Hörspiel „Die Fabel. Die letzten Tage der Vögel“ gemacht. Alle Sprechpassagen wurden von Vogelstimmen übernommen und wie bei einem Hörspiel wurden Hintergrundgeräusche wie Wasser, Türknarren und Schritte eingefügt. Die Idee ist also schon jahrelang irgendwo herumgeschwirrt.

Traditionen, mythische Geschichten und die Antike faszinieren Sie. Haben Sie auf diesem Weg Aristophanes’ „Die Vögel“ entdeckt?

Amann: Ja, eine Liebe zur klassischen Antike hatte ich immer schon, so ist mir das Stück von Aristophanes in den Sinn gekommen. Götter, Vögel und die Menschen passen sehr gut in mein Konzept der großen Gruppen als Hauptakteure. Damit lässt sich gut spielen. Wenn sich die Vögel wie Götter fühlen, dann singen sie. Mit Vogelgesang hat das jedoch nichts zu tun.

Zur Person

Gerold Amann

Geboren: 1937 in Schnifis

Studium: Musik und Psychologie in Graz; bis 1997 Lehrer am Gymnasium in Bludenz

Werke: für Kammermusik, Orchester, Chor, Musiktheater.

Aufführungen: u.a. an vielen Orten in Vorarlberg, in Wien, Salzburg, Rostok, Breslau, Krakau, Riga, Helsinki, Malmö, Chios, New York, Indianapolis, Boston, Shanghai, Peking

„Die Vögel“, Premiere, 4. Juli,
21.30 Uhr, Burgruine bei Schlins. Weitere Aufführungen täglich
vom 5. bis 13. Juli, jeweils 21.30 Uhr. www.burgspieleschlins.at

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