Idealer Nistplatz für das Besondere

Kultur / 04.07.2014 • 22:16 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Die Vögel“, eine musikalische Komödie von Gerold Amann nach Aristophanes, wurde gestern Abend in der Burgruine Jagdberg bei Schlins erstmals aufgeführt.  Foto: VN/Hartinger
„Die Vögel“, eine musikalische Komödie von Gerold Amann nach Aristophanes, wurde gestern Abend in der Burgruine Jagdberg bei Schlins erstmals aufgeführt. Foto: VN/Hartinger

Gerold Amanns „Die Vögel“ werden auf der Ruine zum speziellen Gemeinschaftsprojekt.

Christa Dietrich

Schlins. „Opop o-i djo-jo djo-jo!“ steht beispielsweise im Text, mit dem sich gut hundert Mitwirkende einige Monate lang beschäftigt haben. Dass und wie der bekannte Vorarlberger Komponist Gerold Amann (77) Erklärungen zu seinen Klangvorstellungen festhielt, mag an das Theater ohne Worte von Peter Handke erinnern. Während der Schriftsteller beispielsweise das Verfassen seines nur aus Regieanweisungen bestehenden Schauspiels „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ (das das Vorarlberger Landestheater im Vorjahr auf den Bregenzer Kornmarktplatz brachte) als Herausforderung im Wortwechsel mit einem Intendanten verstand, geht es Amann nicht um die Auslotung des Möglichen. „Die Vögel“, eine Komödie auf der Basis des gleichnamigen antiken Stückes von Aristophanes, markiert einen speziellen Punkt in seinem Schaffen, in dem die Auseinandersetzung mit der Phonetik einen großen Stellenwert hat.

Als Initiator von Spielen auf der Burgruine Jagdberg bei Schlins gilt für ihn der Grundsatz, dass dem Chor, also dem Kollektiv von mitwirkenden Amateuren, die Hauptrolle zukommt. Wie sich das mit der etwas anderen Situation in der griechischen Vorlage ausgeht, war die große Frage vor der Premiere des Stücks am gestrigen Abend. Aber schon nach wenigen Minuten war klar, dass das Spiel auf der Ruine anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, dass es sich diese allerdings auch selbst schafft, und ebenso konsequent wie kreativ einhält.

Ein Staunen abverlangt

Aristophanes zeichnet (rund 400 v. Chr.) bekanntermaßen nach (oder vor), wie Populisten, die eine Veränderung in der Machtkonstellation herbeiführen wollen, eine Masse dahingehend beeinflussen, dass sie sich ein System errichten, das für sie selbst zu einer Falle wird. Inwieweit das im Theater aus Lauten, Musik, Mimik und Gesten, aber weitgehend ohne Worte, auch von allen nachzuvollziehen ist, bleibt letztlich dahingestellt. Fest steht allerdings, dass mit den erwähnten Elementen eine Sogwirkung erzeugt werden kann, die den Zuschauer nicht nur mit sich zieht, sondern auch hellhörig und hellsichtig macht für Ereignisse und Zwischentöne. Welch großer Verdienst dabei nicht nur dem Komponisten zukommt, sondern auch der Regie (Brigitta Soraperra), der Choreografie (Ursula Sabatin), der musikalischen Leiterin (Isabella Fink) und den Choristen, das lässt sich kaum ausreichend kommentieren. Sich ein unaufgesetztes tierisches Bewegungsvokabular anzueignen und es ohne jeglichen Ausrutscher (der kläglich oder gar banal wäre) sensibel durchzuziehen, ist einem Amateurensemble an sich kaum zuzumuten. Die Schlinser Mitwirkenden schaffen das und haben den Zuschauern nicht nur Bewunderung, sondern auch ein Staunen abverlangt. Bühnenbildner Johannes Rauch hat plausible Spielebenen in den Ruinenhof eingezogen, Evelyn M. Fricker hat Kostüme geschaffen, die eines um das andere zu genießen sind und charakterliche Eigenschaften der geflügelten und beflügelnden Belegschaft unterstreichen.

Ins Gespräch gebracht

Überhaupt erweist sich diese Ruine wiederum als ein idealer Nistplatz für das Besondere. Dieses besteht im Übrigen auch darin, dass uns Gerold Amann neben seiner lautmalerischen Chor-Komposition mit Solopartien, Quartetten (unter anderem in Altgriechisch) und Instrumentalmusik (beispielsweise Flöten und Trommeln) das sozusagen verarbeitete Ergebnis einer umfangreichen Forschung im Bereich der Tierlaute, des antiken, mittelalterlichen und barocken Musikschaffens unterbreitet.

Es ist übrigens auch schön mitzuerleben, wie sich ein paar bekannte Personen aus der Amateur- und Profitheaterszene der Region sowie eine Akrobatin in solistischen Einsätzen profilieren und dem Konzept unterordnen. Ein paar kabarettistische Elemente in das „Wolkenkuckucksheim“-Theater eingebaut zu haben, ist ebenso legitim wie die von Amann gewünschte Reminiszenz an sein Volksstück „Goggalori“. Gesprochen wird also nicht viel, die Schlinser Spielgemeinde hat sich mit „Die Vögel“ aber ins Gespräch gebracht und Präsenz verschafft.

Die Choristen bewegen sich in ihrem Ausdruck an der Schnittstelle zwischen Tier- und Menschenlauten und bestehen diese Herausforderung.  Foto: Reinold Amann
Die Choristen bewegen sich in ihrem Ausdruck an der Schnittstelle zwischen Tier- und Menschenlauten und bestehen diese Herausforderung. Foto: Reinold Amann

Bis 13. Juli täglich Aufführungen ab 21.30 Uhr. (Gut 15 Minuten Fußweg sind einzukalkulieren) www.burgspieleschlins.at