Grenzen bestens weggespielt

Kultur / 06.07.2014 • 19:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Anspruchsvolle Literatur in höchster Qualität, diese Kombination ist Markenzeichen des Sinfonischen Blasorchesters Vorarlberg.  Foto: Sprenger 
Anspruchsvolle Literatur in höchster Qualität, diese Kombination ist Markenzeichen des Sinfonischen Blasorchesters Vorarlberg. Foto: Sprenger 

Dass Fordern viel mit Fördern zu tun hat, stellt das Sinfonische Blasorchester klar.

Götzis. Dass er seine Musiker fordert, das entspricht absolut der Linie, mit der Thomas Ludescher sein Sinfonisches Blasorchester Vorarlberg (SBV) leitet. Anspruchsvolle Literatur in höchster Qualität, diese Kombination hat sich längst zum Markenzeichen des Klangkörpers entwickelt. Das, und zwar genau das, gab es auch in der Kulturbühne AMBACH in Götzis zu hören, und dennoch war das Konzert, das eigentlich eine Gala war, auf seine ganz besondere Weise speziell.

Verantwortlich für den Abend war unter anderem die Gemeinschaftsstiftung Rheintal. Durch die 2010 gegründete Stiftung werden Projekte in den Bereichen der Kultur, des Sozialen und auch der Ökologie unterstützt. Ziel ist es, zu vernetzen und zusammenzuführen, was ähnliche Stoßrichtungen verfolgt, und so Grenzen zu überwinden. Es ist also nur logisch, wenn das Konzert des Sinfonischen Blasorchesters dieses Programm bereits im Namen trägt – „Musik grenzenlos“.

Das allein aber genügt natürlich noch nicht. Viel mehr sind es die Menschen, die hinter dem Programm stehen und die durch die Musik zueinander gefunden haben. Musiker des Orchesters besuchten nämlich in den vergangenen Monaten die ARTeliers der Lebenshilfe Vorarlberg, erarbeiteten gemeinsam mit den Menschen mit Behinderungen u. a. Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“, erlebten die Musik, entdeckten Neues, und schließlich setzten sich die Künstler der Lebenshilfe ARTeliers daran, die Bilder der Musik wieder auf die Leinwand zu zaubern. Das will heißen, dass es in der Kulturbühne AMBACH neben der Musik im Saal auch noch eine Ausstellung mit Arbeiten der Lebenshilfe-Künstler im Foyer zu bewundern gab. Eine absolut gelungene Kombination von Fordern und Fördern.

Uraufführungen

Das Konzert selbst hatte dann so gut wie alles, was es brauchte, um zum Fan der sinfonischen Blasmusik zu werden, sollte man nicht schon längst einer sein. Ein Orchester, das es versteht, präzise zu musizieren, Spannung aufzubauen und zu halten, das auf Dynamik nicht vergisst und das vor allem äußerst konzentriert seinem Dirigenten Thomas Ludescher folgt. Herausfordernd, wie Ludescher auf eine Intrada von Pablo Bruna, ein Werk das für Orgel entstanden war, russische Weihnachtsmusik von Alfred Reed, Amouröses aus dem 14. Jahrhundert und schließlich Avantgardistisches mit Tradition von Cristobal Halffter folgen ließ. Mit der Intrada von Bruna und dem erotischen Lied „Tres morillas m’enamoran“, das ein anonym gebliebener Dichter um 1300 notierte, kam man übrigens in den Genuss zweier Uraufführungen, hatten doch David Hänsenberger (Intrada) und Katrin Berchtold (Tres morillas m’enamoran) die Werke erstmals für Blasorchester transkribiert. Beide Werke geizten nicht mit ihren Reizen und überzeugten mit Klanggemälden, die zwischen Arabisch-Spanischem und Mitteleuropäischem spielerisch wechselten und so immer neue Facetten der Blasmusik preisgaben.

Aus dem Vollen schöpfen

Nach der Pause dann Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in der Transkription von José Schyns. Ein Werk also, das zurecht in den Kanon der Musikgeschichte eingegangen ist. Mussorgski schreitet darin die „Bilder einer Ausstellung“ ab, begegnet dabei u. a. einem Gnom, spielenden Kindern, ausgeschlüpften Küken, dem geschäftigen Treiben auf dem Marktplatz von Limoges, bis er – vorbei an der Hütte der sagenumwobenen Baba-Jaga – auf das große Tor von Kiew und damit auf das imposante Finale zusteuert. Eindrucksvoll, wenn ein Orchester wie das Sinfonische Blasorchester dabei aus dem Vollen schöpfen kann.

Auch hier erlebte man eine Premiere, war es doch das erste Mal, dass Ludescher Mussorgskis Werk auf das Konzertprogramm seines SBV setzte. Vielleicht hätte man sich noch eine Prise mehr an Eleganz gewünscht, die sich zwischen die Bilder mischt, was aber ja beim nächsten Mal, wenn das Stück auf dem Programm steht, spielend nachgeholt werden kann. So blieb am Schluss nach einem anspruchsvollen Konzertabend, zwei Zugaben, einem begeisterten Publikum und einem kaum enden wollenden Applaus nur ein mögliches Fazit: Herzliche Gratulation an die Musiker und die Künstler.

Vom 17. bis 19. Oktober veranstaltet das SBV in Tschagguns ein Orchestercamp für junge Musiker. Anmeldung und Infos unter: sbv.co.at