Jetzt hat die „Zauberflöte“-Kröte auch noch jede Menge Eier gelegt

Kultur / 24.07.2014 • 22:10 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Immer noch reizvoll und stimmig: Papageno findet seine Papagena. Foto: VN/Steurer
Immer noch reizvoll und stimmig: Papageno findet seine Papagena. Foto: VN/Steurer

Bei der Wiederaufnahme der Oper auf dem See brauchte nicht viel geändert zu werden.

Christa Dietrich

Bregenz. Bei vier Seebühnen-Produktionen hat David Pountney selbst Regie geführt. Insgesamt fünf hat er als Intendant der Bregenzer Festspiele verantwortet. Wer zwischen 1989 und 1996 (also in Zeiten, in denen das Kulturunternehmen für die Freiluftaufführungen noch zahlreiche technische Innovationen umsetzte) den „Fliegenden Holländer“ von Wagner, Verdis „Nabucco“ und Beethovens „Fidelio“ auf dem See so inszenierte, dass man heute noch davon spricht, weiß, was Sache ist. Dass ihm mit Mozarts „Zauberflöte“ eine Überraschung gelungen ist, war im letzten Jahr, als die Premiere stattfand, ebenso Thema wie die Streichungen bzw. Kürzungen, die auf der Seebühne zwar unumgänglich sind, aber Diskussionen auslösen. Nach dem Publikumszuspruch im Premierenjahr war abzusehen, dass die Nachfrage heuer anhält oder steigt, nicht anzunehmen brauchte man, dass Pountney in seiner Inszenierung große Änderungen vornimmt.

Bei der allerletzten Aufführung in diesem Jahr, wenn – je nach Witterung – noch einmal rund 200.000 Menschen die „Zauberflöte“ gesehen haben, könnte Bühnenbildner Johan Engels rein theoretisch seine Vision vom Schluss realisieren. Die Welt von Sarastro und der Königin der Nacht, die sich auf dem zentralen Krötenpanzer recht kriegerische Auseinandersetzungen liefern, sollte im See versinken. Das Vogelnest, in dem es sich Papageno und seine Papagena gemütlich gemacht haben, hat seine Schwimmfähigkeit schon zuvor bewiesen und jene leuchtenden Bälle, die die Gefolgschaft von Tamino und Pamina in eine friedlichere Welt tragen, sind ein reizvolles Symbol. Mancher möchte vielleicht meinen, dass die Kröte nun auch noch jede Menge Eier gelegt hat. Irgendwie, bzw. bezogen auf den Erfolg und die neuen Ideen, stimmt es ja.

Keine lichte Güte

Der bei Mozart und Schikaneder ohnehin nicht schlüssigen Aufteilung der Ebenen in Gut und Böse ist Pountney in seiner Version der 1791 uraufgeführten Märchenoper nicht gefolgt. Der dunklen Königin der Nacht steht keine lichte Güte eines Sarastro gegenüber, den Bewohner der „heil’gen Hallen“ leitet nämlich kein humaner Geist. Kindesmissbrauch, Prügelstrafe, eine strenge Hierarchie und eine widerliche Frauenfeindlichkeit, die etwa nicht hinzugedichtet, sondern in Urheber-Dokumenten vorgefunden wurde, kennzeichnen sein Reich, das Engels von jenen zähnefletschenden Drachenhunden bewachen lässt, die zwar zu den skurrilsten Elementen zählen, die je eine „Zauberflöten“-Produktion bevölkert haben, aber niemals störend wirken.

Sprühende Komödiantik

Die wichtigsten Eckpunkte der Produktion sind rasch aufgezählt. Sarastro (super: Alfred Reiter) bringt selbst – als dunklen Teil seiner Persönlichkeit – Monostatos hervor. Noch während der Ouvertüre erfahren wir vom Raub der Pamina. Die Königin der Nacht will ihre Tochter zurückgewinnen. Der edle Prinz Tamino duchschreitet Prüfungen und entscheidet sich gemeinsam mit Pamina für ein Leben in Freiheit, während Papageno, der Naturbursche, das findet, was ihm zum Leben genügt: ein Weibchen, Speis und Gesang. Markus Brück, von Marie-Jeanne Lecca dottergelb gekleidet, sprüht vor Komödiantik, Susanne Grosssteiner (Papagena) kontert mit guter Stimme. Tamino (Norman Reinhardt) sehnt sich seine bezaubernd präsente Pamina (Bernarda Bobro) mit  schöner Höhe herbei, Kathryn Leweks Königin der Nacht kommt ausdrucksstark und koloraturensicher, aber sprachlich vielleicht etwas unsauber aus luftiger Höhe. Zu den Besonderheiten der Inszenierung zählt ein ausfahrbares Podium, das die Königin quasi in den Nachthimmel trägt. Die Österreicherin Daniela Fally, die als Ensemble-Neuzugang groß angekündigt wurde, wird man erst in den nächsten Aufführungen in dieser Position erleben können. Der Monostatos kann noch etwas dünkler sein als jener von Alexander Kaimbacher, der dem vom Dirigenten Patrick Summers vorgegebenen Tempo aber tadellos folgt.

Beinahe alle Partien sind mehrfach besetzt. Und wer dem immer gerne zitierten „wienerischen“ Klang der Symphoniker nachspürt, wird ihn durchaus hören können. Die Bregenzer Festspiele haben ihr Akustik-System schon vor Jahren verfeinert und immer wieder gewartet. Die Erzeugung eines stabilen Ensembleklangs der Drei Damen und Drei Knaben bedingt allerdings, dass der Gesang ebenso wie der Orchesterklang vom Festspielhaus hinaus auf die Bühne übertragen wird. Dort agieren bekanntermaßen Vogel- und Kobold-Puppen, deren Beweglichkeit Mark Down und Nick Barnes weiter ausgebaut haben. Beinahe geräuschlos gedreht wird auch der erwähnte Krötenpanzer. Für die schwimmenden Objekte wurde eine Schiene unter dem Wasser verlegt. Die Feuerprobe ist im Vergleich zum Vorjahr etwas heißer geworden, Papageno erhält in einem Wiedehopf einen gewitzten Begleiter, der mit der Inszenierung begründete, kurze Playback-Einsatz am Schluss wurde  schon bei der ersten Premiere in Frage gestellt, dass sich Akrobaten über die Bühne schwingen, verleiht dem Märchen einen Comic-Touch, aber nicht zu viel an Spektakel. Es bleiben die Künstler, die (auch hoch oben agierend) alles im Lot halten.

Aufführungen von Mozarts „Die Zauberflöte“ stehen bis 25. August auf dem Programm der Bregenzer Festspiele.