„Ein Meisterwerk des 19. Jahrhunderts“

Kultur / 01.08.2014 • 18:32 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Die Ausstellung „Ich, Felder. Dichter und Rebell“ läuft im Vorarlberg Museum in Bregenz noch bis 16. November.  Fotos: VN/Hartinger, privat  
Die Ausstellung „Ich, Felder. Dichter und Rebell“ läuft im Vorarlberg Museum in Bregenz noch bis 16. November. Fotos: VN/Hartinger, privat  

Felders „Aus meinem Leben“ ist erstmals in französischer Übersetzung erschienen.

Bregenz. In der Wiener Zeitschrift „Falter“ hat Armin Thurnher gerade eine Hommage an Felder veröffentlicht, in der es heißt: „Franz Michael Felder ist der größte unbekannte Dichter Österreichs.“ Dass das nicht so bleibt, dazu trägt nicht nur die Ausstellung im Vorarlberg Museum bei: Im Februar ist eine Übersetzung von Felders Autobiografie „Aus meinem Leben“ ins Französische erschienen, die erste Übersetzung dieses Buches überhaupt. Felders Romane waren schon zu Lebzeiten des Autors oder kurz danach ins Holländische übertragen worden. Übersetzungen ins Englische und Französische waren im Gespräch, kamen aber durch den frühen Tod des Autors nicht mehr zustande.

Umso erfreulicher ist nun dieser erste Felder in französischer Sprache. Der Titel „Scènes de ma vie“ (Szenen meines Lebens) folgt dem Titel von Goethes Autobiografie „Dichtung und Wahrheit. Aus meinem Leben“, die auf Französisch ebenfalls „Scènes de ma vie“ heißt und an deren Anfang sich Felders „Aus meinem Leben“ fast wörtlich anlehnt. Übersetzt wurde das Werk von Olivier Le Lay, dem französischen Handke-Übersetzer. Peter Handke, der für die Neuausgabe von „Aus meinem Leben“ 1985 im Residenz-Verlag (und später als Suhrkamp-Taschenbuch) ein Vorwort geschrieben hat, wollte für die französischen Leser ein neues Vorwort schreiben, das aber leider nicht zustande gekommen ist. Erschienen ist das Buch im Verlag Editions Verdier in der Reihe „Der Doppelgänger“, die von Jean-Yves Masson betreut wird, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Sorbonne; er hat auch ein kundiges Nachwort beigesteuert. In dieser Reihe sind deutschsprachige Autoren wie Celan, Döblin, Handke, Jelinek, Jonke, Rilke oder Hofmannsthal publiziert worden.

Die bisherigen Kritiken sind alle positiv bis enthusiastisch. In der linksliberalen Tageszeitung „Libération“, neben „Le Monde“ und „Le Figaro“ eine der wichtigsten Frankreichs, zitiert Mathieu Lindon in seiner Besprechung bereits am 13. Februar 2014 ausführlich aus Handkes Vorwort. Er kommt zu dem Schluss, dass Felders Text, obwohl er keine sensationellen Fakten schildert, die einen modernen Leser begeistern könnten (die Rezension trägt den Untertitel: „Einige Wahrheiten über die Käsemacher“), wegen seiner Wahrhaftigkeit „faszinierend“ sei und fast gegen seine Absicht von den ersten Seiten an fessle. Lindon weist darauf hin, dass Felder auch Sozialreformer war und dass es in Schoppernau ein Museum zu seinen Ehren gibt. Seine Besprechung schließt mit den Worten, dass Felder vor allem „ein Schriftsteller von einer distanzierten Großzügigkeit sei, der eine Art diskreten Enthusiasmus hervorrufe“.

Ebenfalls bereits am 13. Februar erschien in der Wochenzeitschrift „Politis“ eine ausführliche Besprechung von Christoph Kantcheff, dem Chefredakteur der Zeitschrift und einem renommierten Literatur- und Filmkritiker. Sie beginnt mit den Worten: „‘Aus meinem Leben‘ des Österreichers Franz Michael Felder ist ein Meisterwerk der Literatur des 19. Jahrhunderts, das erst jetzt zu uns gelangt.“ Felders Satz „Überall sah ich die Selbstsucht des einzelnen roh und künstlich genährt“ könnte von einem revolutionären Theoretiker oder einem Moralisten unserer Zeit stammen. Das Buch erzähle vor allem die Geschichte eines sozialen Ausbruchs und einer „Eroberung“. Dass Felder sich aus seinem Ursprungsmilieu gelöst hat, sei keine willentliche Entscheidung gewesen, denn er war nicht ehrgeizig, sondern eine Notwendigkeit, die durch das Lesen entstanden sei. Man könnte „Aus meinem Leben“ einen „Bildungsroman“ im Plural nennen, in dem es um viele „Bildungen“ gehe: Die Wichtigste ist die Fähigkeit, sich selbst zu sein. Kantcheff betont die Wichtigkeit der Lektüre für Felder und die Bedeutung seiner Beziehung zu Nanni. Am Schluss fragt er, was aus Felder geworden wäre, wenn er nicht so früh gestorben wäre: „Zweifellos ein beachtlicher Schriftsteller. Mit nicht einmal 30 Jahren und obwohl er im Dialekt seiner Region erzogen wurde, hatte er bereits seine Sprache gefunden, eine schlanke, klassizistische, stimmungsvolle Sprache, die in dieser Übersetzung sehr gut wiedergegeben ist. Er zeigt darin auch einen humanistischen und um Gerechtigkeit bemühten Standpunkt. ‚Aus meinem Leben‘ ist ein sehr großes Buch über die Liebe und die Emanzipation.“

In der Aprilnummer der Literaturzeitschrift „La Matricule des Anges“, die in einer Auflage von 7000 Exemplaren erscheint und in Frankreich, Belgien, der französischen Schweiz und Kanada gelesen wird, schrieb Sophie Deltin unter dem Titel „Freund Felder“ über die „beharrliche Suche eines jungen österreichischen Bauern nach der Erweiterung seiner Selbsterkenntnis und der Erkenntnis der Welt“. Die Rezensentin betont das Gleichförmige der bäuerlichen Welt, aus der Felder stammt. Deltin hebt Felders Stellung als Außenseiter in der Gemeinschaft hervor, in die er durch seinen Hang zur Einsamkeit und seinen Lese- und Wissensdurst geraten ist. Gegen die engen und kleinlichen Vorurteile seiner Umgebung nährt Felder die Vision einer besseren Welt, die auf Gerechtigkeit, Toleranz und dem lebendigen Verkehr der Ideen beruht. Besonders bemerkenswert findet Deltin, dass Felder immer wohlwollend und aus einer objektivierenden Distanz heraus erzählt und niemals die Welt verrät, aus der er hervorgegangen ist, sondern im Gegenteil fruchtbare Verbindungen zu den anderen sucht. Auch Deltin betont besonders die Qualität von Felders Sprache: Obwohl sie „elegant und klassisch“ sei, bleibe sie doch „zutiefst den rohen Farben des volkstümlichen Sprechens verbunden“. Nur die große Kunst des Übersetzers Olivier Le Lay sei imstande gewesen, das Aroma und den inneren Schwung dieser Sprache wiederzugeben, die in der Materialität der Dinge gründe. Die Rezension schließt mit den Sätzen: „‘Aus meinem Leben‘ gehört zu jenen Büchern, die – wenn man sie der Vergessenheit entrissen hat – eine eigenartige Strahlkraft entwickeln […] Der Leser des 21. Jahrhunderts wird den Freund aus Schoppernau nicht vergessen.“

In „Le Monde“ schließlich, der wichtigsten französischen Tageszeitung, war Felders „Scènes de ma vie“ am 4. April 2014 fast eine ganze Seite gewidmet. Die Rezension stammt von der Germanistin und Kritikerin Christine Lecerf, einer der besten Kennerinnen österreichischer Literatur in Frankreich, die u. a. ein langes Interview mit Elfriede Jelinek in Buchform veröffentlicht hat („L’Entretien“, 2007). Lecerf gibt einen kurzen Überblick über die Biografie Felders, der „die Mistgabel genauso gut handhabte wie die Sprache von Goethe“. Sie erwähnt, dass „Aus meinem Leben“ erst 1904 im Druck erschienen sei und dass Arthur Schnitzler am 15. Mai 1915 in seinem Tagebuch vermerkt habe, dass er darin gelesen habe. Danach sei das Buch in Vergessenheit geraten (was nicht ganz stimmt) und erst mehr als 70 Jahre später habe es Peter Handke auch in seinen Tagebüchern erwähnt. Für die Neuausgabe in Österreich habe Handke dann ein Vorwort geschrieben, das Epoche machen sollte und aus dem sie ausführlich zitiert. Dann hätten jüngere Schriftsteller wie Arno Geiger an der Wiederentdeckung von Felder gearbeitet. Sie hat Geiger eigens für diesen Artikel interviewt und zitiert einige seiner Aussagen, etwa dass Felder in mehrfacher Hinsicht ein Original sei: als Sozialreformer, in seiner Sprache und dadurch, dass er am Ende seines Lebens für einen kurzen Moment zu einem großen Schriftsteller wurde. Lecerf sieht an Felder nichts von einem Biedermeierheimatschriftsteller. Als Zeitgenosse der Emanzipationsbewegungen von 1848 habe er mit allen Mitteln versucht, die Aufklärung in sein abgelegenes Tal zu bringen, was ihm die Verfolgung durch den Klerus und die Käsgrafen eingetragen habe. Auch die Nazis hätten versucht, ihn zu vereinnahmen, wogegen Arno Geiger heftigen Protest erhebt, da Felders antiautoritärer Geist, der immer auf Seiten der Schwachen stand, vollkommen konträr zu den Nazis gewesen sei. Christine Lecerf fasst ihr Urteil so zusammen: „,Aus meinem Leben‘ ist ein großes Gründungsbuch, das eine neue Beziehung zwischen der ländlichen Welt und der des Geistes einläutet. In dieser Hinsicht stellt es einen Wendepunkt in der österreichischen Literatur dar.“

In „Télérama“ schließlich, der in 300.000 Exemplaren verbreiteten Rundfunk- und Fernsehzeitschrift, erhält Felder in der Ausgabe vom 11. Juni zwei von drei möglichen Sternen („Mag man sehr“). Der lange Artikel von Nathalie Crom zeigt als Illustration den Stich Felders, der erstmals 1869 anläßlich seines Todes in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ erschienen ist. Crom betont das Ungewöhnliche von Felders literarischer Berufung in seiner bäuerlichen Umgebung: Er habe sich, wie Jean-Yves Masson in seinem Nachwort schreibt; „wie der Baron von Münchhausen an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpfloch gezogen“, das heißt, sich selbst zum Schriftsteller gemacht. „Aus meinem Leben“ erzähle diesen Prozess des Zum-Schriftsteller-Werdens. Die Rezensentin betont Felders Gefühl, in seiner Umgebung ein Fremdkörper zu sein und seine Weigerung, sich in den Lauf der Dinge zu fügen. Felder habe diesen Zwängen einen ebenso festen wie zurückhaltenden Widerstand entgegengesetzt. Crom erwähnt Felders Reformbestrebungen und lobt Le Lays Übersetzung. Das Wichtigste an dem Buch sei aber die Geschichte der individuellen Emanzipation Felders, „seiner intimen und unwiderruflichen samtenen Revolution“.

Hoffentlich werden die französischen Leser dem Urteil ihrer Rezensenten folgen und den Schriftsteller Felder als Freund entdecken. Ob das Buch nun auch in andere Sprachen übersetzt wird und so endlich den Platz als Klassiker der Weltliteratur erringt, der ihm schon lange gebührt?

Felders „Scènes de ma vie“ im Schaufenster einer Pariser Buchhandlung.  
Felders „Scènes de ma vie“ im Schaufenster einer Pariser Buchhandlung.  

Franz Michael Felder: Scènes de ma vie. Vorwort von Peter Handke, Nachwort von Jean-Yves Masson. Editions Verdier

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