Ich will leben, sagte ich, weiterleben

Kultur / 08.08.2014 • 18:03 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
Die Novelle „Trans-Maghreb“ von Hans Platzgumer führt in die Wüste von Libyen. Sie bietet nun die Vorlage für eine Oper.  Foto: REUTERS
Die Novelle „Trans-Maghreb“ von Hans Platzgumer führt in die Wüste von Libyen. Sie bietet nun die Vorlage für eine Oper. Foto: REUTERS

Libysche Sahara, 2011

Kurz nach meiner Ankunft in Tripolis im November vorigen Jahres war ich binnen weniger Minuten auf dem Rücksitz eines Toyota Corolla überzeugt davon, dass ich dieses Land, dieses Auto, in dem ich hin- und hergeworfen wurde, nie wieder lebendig verlassen würde. Vor mir saß ein Geisteskranker am Lenkrad, ein Minderjähriger obendrein. Kurz zuvor hatte dieser Teenager noch seelenruhig am Empfangsterminal auf mich gewartet. Ein Schild in seiner Hand, auf dem Austrian Railway Corporation zu lesen war. Bedächtig führte er mich durch die Betonarchen des Flughafengebäudes, auf dessen spiegelnden Steinböden ich mir vorkam, als wäre ich geschrumpft und würde den Helm Darth Vaders durchschreiten. So modern hatte ich Libyen nicht erwartet. Ich staunte, und der Halbwüchsige vor mir schlurfte über den blank polierten Boden zu unserem Fahrzeug. Doch kaum hatte er den Zündschlüssel gedreht, glaubte auch er sich offensichtlich mitten in einer Star-Wars-Episode. Sein To­yota war jetzt ein X-Wing und er Luke Skywalker. Schon schoss er mit mir, seinem gefangenen Sith auf dem Rücksitz, davon, als wären ihm die gesamten imperialistischen Sturmtruppen auf den Fersen.

In Libyen scheint es weder eine Alters- noch Geschwindigkeitsbeschränkung beim Lenken eines Fahrzeugs zu geben. Kinder donnerten mit uns über die flachen Asphaltstraßen nach Ras Lanuf. Unsere Fahrer wetteiferten wohl miteinander, wer seinen Fahrgast in kürzester Zeit vom Flughafen zum Camp transportierte. Es gab auch Volljährige unter ihnen, sogar ältere Herren hin und wieder, aber sie alle hatten keine Führerscheinprüfung hinter sich, dessen bin ich mir sicher, und sie alle erfreuten sich am Geschwindigkeitsrausch, dem sie sich mit uns hingaben. Da half kein shwee, das ich vom Rücksitz brüllte – eines der wenigen arabischen Wörter, die ich gelernt hatte. Ich hoffte, dass es langsam bedeutete, aber es wirkte, als hätte ich yallah gerufen wie die arabischen Reiter, wenn sie in Kinofilmen ihren Pferden die Sporen geben. Mein shwee und meine Angst spornten Luke Skywalker zusätzlich an. Er schoss auf überfüllte, vielspurige Kreisverkehre zu. Alle anderen Verkehrsteilnehmer taten dasselbe. Sie rasten aufeinander zu, wichen in letzter Sekunde aus, lachten, pfiffen, schimpften aus dem Fenster. Der Stadtverkehr, ein einziges Wettrennen, teilweise wenigstens in verlangsamten Tempo, weil es an vielen Kreuzungen auch bei allem Drängen einfach kein Durchkommen gab. Die verlorene Zeit wurde dann auf den Autobahnen und Landstraßen wettgemacht, die sich durch beige Flecken auf der Landkarte eben und gerade in die Ewigkeit zogen: Aufforderungen an meinen Fahrer, das Äußerste aus seinem Auto herauszuholen. Die letzten Häuser verschwanden hinter uns. Mit ihnen verschwand der Gegenverkehr, verschwand sämtliches Leben und sämtliche Landschaft um uns herum. Keine Markierungen gab es mehr, an denen ich mich hätte festhalten können.

Atacamawüste, Chile, 1996

Das Zimmer, das ich in Antofagasta bewohnte, könnte ich als völlig schmucklos beschreiben. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch. Ein Ventilator und ein Vorhang. Durch das Fenster fiel trübes, gelbliches Licht, das sich sogleich mit den restlichen Farben meines Zimmers vermengte. Alles war in Gelb oder Brauntönen gehalten. Oder in irgendeiner Schlammfarbe dazwischen. Es gab keinerlei Verzierungen und nicht die schlichteste Dekoration. Mein Zimmer war karg und einfarbig wie die Landschaft, in die diese Wüstenstadt gesetzt, trocken wie das Klima, dem sie ausgesetzt war. Gleich hinter der Innenstadt bauten sich die ockerfarbenen Bergkuppen der Atacama auf und errichteten jene unbarmherzige Monotonie, die man je nach psychischer Verfassung als goldfarben oder grau bezeichnen konnte. Eigentlich hatte diese Stadt gar keinen Platz zwischen den steil ansteigenden Wüstenbergen an ihrer östlichen und der Felsküste an ihrer westlichen Flanke. Hineingezwängt in die Eintönigkeit war Antofagasta. Rechts der Horizont aus Stein und Schutt, links der von der Erdwölbung gedehnte Wasserhimmel. Ringsum war die Stadt von erbarmungslosen Weiten eingesperrt. Nur ein kleiner Fleck blieb ihr inmitten all des Nichts.

An der Avenida Balmaceda meldete ich mich im kleinen staubigen Büro des European Southern Observatory an und sagte, ich wäre bereit, jeden Job zu übernehmen. Der ungesprächige Angestellte, braungebrannt und ausgetrocknet wie die Furchen und Kuppen der Atacama selbst, kopierte meine Referenz, tätigte einige Telefonate in einem galloppierenden Spanisch, aus dem ich nicht schlau wurde, und fragte, ob ich schon einmal als Hilfskoch gearbeitet hätte.

– Ja, sagte ich ohne zu zögern.

Ein VW-Bus stand vor der Tür, der mehrere Arbeiter landeinwärts zum 130 Kilometer entfernten Paranal Camp transportieren sollte. Ich wurde angewiesen, im Auto Platz zu nehmen. Kurz darauf rasten wir los. Zuerst über asphaltierte Straßen aus der Stadt hinaus, über die Ruta 28 zur Panamericana, dann in unvermindertem Tempo über Schotterwege, weiter ins Landesinnere. Der Fahrer jagte das Auto den Pass bei La Negra hoch und durchkreuzte die Nebeldecke, die das Ende jeglicher Feuchtigkeit markiert. Dahinter waren wir auf dem Mond gelandet, in anthrazitfarbener, toter Steinwelt, auf einem vertrockneten Hochplateau, auf dem es nichts anderes zu sehen gab als den Wechsel zwischen größeren und kleineren Gesteinsbrocken. In der Ferne erhoben sich zu allen Richtungen dunkle, kahle Bergkuppen, die weiter in ein immerwährendes Nichts führten. Durch die dünne, klare Luft waren am Horizont in unerreichbarer Ferne die Gletscherspitzen der Andenkordilleren zu erkennen. Es war offensichtlich, dass es keinen Ausweg gab. Wir hatten die Erde und ihre Zivilisation verlassen.

Wie ein Trugbild tauchte nach zweistündiger Fahrt durch die Totenwelt das Basislager am Cerro Paranal auf. Drei Gebäude, einige Container, Lastwagen, Planierraupen, Bagger. Staubfahnen, die sich hoch in den Himmel zogen. Eine Asphaltstraße wand sich entlang einer Steinmauer um den Paranal-Berg, auf dessen abgetragenem Gipfel ein massiver Observatoriumskomplex errichtet wurde. Es sah aus wie das Skelett einer Raumstation, die auf einem fremden Planeten entrümpelt wurde. Kaum traute ich dem, was mir die Augen zu sehen gaben.

Sobald ich aus dem Auto stieg und den Fehler machte, durch den Mund einzuatmen, war mit einem Atemzug mein Rachen ausgedörrt. Die Lippen, die Zunge. Auch die Augen. Auf alles stürzte sich die Atacama. Allem entzog sie das Wasser. Nach ein paar Tagen hatte ich mich an diesen ausgetrockneten Zustand gewöhnt, hatte mich, so gut es ging, mit der Wüste arrangiert. Ich atmete nicht mehr unüberlegt und frei, sondern in kleinen Zügen durch die Nase und bewegte mich so wenig wie möglich im Freien. In der dünnen Luft des Camps, 2400 Meter über dem Meer, mit keinen fünf Prozent Luftfeuchtigkeit wurden schon wenige Schritte zum Mühsal.

In Paranal war ich völlig abgeschnitten von der Welt, wie ich sie kannte, vom Leben, wie ich es kannte. Sieben Stunden täglich saß ich an der Kasse des Supermercados und verkaufte den Arbeitern Zigaretten, Zeitschriften oder Bier. Der Rest des Tages stand zu meiner freien Verfügung, 17 Stunden täglich, in denen ich in meinem Wohncontainer am Rande des Camps der Welt entgleiten konnte. Lange, in der Leere zerfließende Stunden waren das, ohne Störungen von außen, gänzlich ohne dieses Außen, das es nicht mehr gab, denn draußen war nichts außer Gestein und Sand, tagsüber die Hitze, nachts die Kälte.

In meinem Wohncontainer surrte die Klimaanlage. Der Wüstenwind fegte über die Mondlandschaft. Ich lag auf dem Bett und hörte ihm zu, ließ Gedanken kommen und gehen mit ihm, ließ Erinnerungen zu, überlegte, wie auf einen Schritt in meinem Leben der nächste folgte. Wohin sie mich bislang gebracht hatte, diese Abfolge von Schritten. Ich dachte nach, träumte, redete mit mir selbst. Oft war ich mir nicht darüber bewusst, was ich tat. Ich ließ zu, wie ich vor dem erstarrten Steinhorizont aus dem Leben fiel. Ich blickte hinunter auf das Wolkenmeer, das Paranal nie erreichte, aber undurchlässig von unten her bedrängte, und meinte, die Drehung der Erde zu spüren. Ganz gab ich mich der Wüste hin. Alles war offen. Eine weite Ebene in alle Richtungen.

Wenn ich die Kraft dazu hatte, trat ich aus meinem Container ins Freie, hinein in die Ebene, tagsüber in die gleißende Sonne, nachts in das Licht der Myriaden von Galaxien. Die Luft jedesmal so scharf, dass sie mir fast das Gesicht zerschnitt. Ich wanderte durch die tote Landschaft, vorsichtig, fast demütig. Hatte ich mich nur einen Hügel vom Basislager entfernt, war ich bereits so allein, dass ich losschrie vor Einsamkeit. Die Wüste anschrie, weil ich ihr nichts anderes zu bieten hatte als meine unerwiderten Rufe. Schon nach kurzer Zeit sank ich nieder und musste erschöpft und heiser aufgeben. Die Atacama nahm keinerlei Notiz von mir. Für sie war ich nicht größer, nicht wichtiger als ein Staubkorn. Selbst wenn ich mit meinen Füßen kleine Steinrutsche auf den Abhängen lostrat, führte dies zu keiner bemerkbaren Veränderung ihrer Oberfläche. Sobald sich der Staub gelegt hatte, war alles wie zuvor. So, wie es seit 25 Millionen Jahren hier schon war. Tot und trocken. Nichts regte sich in dieser ältesten Landschaft unseres Planeten. Ihre Ruhe, ihre Schönheit war von einer anderen Welt. Sie kümmerte sich nicht um die Hässlichkeit, die uns Menschen auf der Erde zuweilen befiel.

Letzten Monat feierte ich Geburtstag. Allein für mich in meinem Container. Fünf Bierflaschen trank ich leer. Dann trat ich hinaus in die feindliche Welt und sah mir dabei zu, wie ich sogleich verdurstete. Die Wüste, der Wind und Alkohol dehydrierten mich von außen und innen her gleichermaßen. Ich ließ mich auf den Boden fallen. Ich spielte mit dem Gedanken, mich jetzt einfach nicht mehr zu bewegen. Mich von der Wüste aufnehmen zu lassen. Ich lag auf dem Geröll und wusste, wäre ich für wenige Stunden liegengeblieben, wäre nichts von mir übriggeblieben als verbrannte Materie. Staub, der sich zu Staub legt. Meine Knochen, die der Wind in alle Himmelsrichtungen verteilt, bis sie sich eingefügt hatten in das große Nichts. Der Wind war der einzige, der sich in dieser Landschaft frei bewegen konnte. Doch auch er irrte bloß sinnlos herum, transportierte Staubkörner von einem Teil der Wüste zu anderen Teilen, wo sie keinerlei Unterschied machten, denn wo immer sie hinfielen, war es gleich wie dort, wo sie hergekommen waren. Die Wüste war ein in sich geschlossener Ort. Ein Ort, der das Leben ausschloss.

Als ich mit ausgestreckten Armen auf dem Schotter lag und mir mit jedem Atemzug weiter Flüssigkeit entzogen wurde, merkte ich, dass ich das Leben mehr schätzte als den Tod. Mit letzter Kraft raffte ich mich auf und kroch in meine Behausung zurück. Ich stellte mich unter die Klimaanlage und trank in einem Zug eine ganze Flasche Wasser leer. Wie ein Schwamm sog mein Körper die Flüssigkeit auf. Ich spürte, wie das Wasser in meine Gliedmaßen schoss. Bis in die Zehenspitzen spürte ich es. Ich wollte ins Wasser springen, egal wie kalt es auch sei. Ich wollte tauchen und trinken. Schwimmen, tauchen, trinken.

– Ich will leben, sagte ich. Laut und deutlich sprach ich zu mir selbst.

– Weiterleben, sagte ich. Weiter.

Hans Platzgumer bei der Eröffnung der heurigen Bregenzer Festspiele.
Hans Platzgumer bei der Eröffnung der heurigen Bregenzer Festspiele.

Zur Person

Hans Platzgumer

Tätigkeit: Schriftsteller, Musiker

Geboren: 1969 in Innsbruck

Wohnort: Lochau, hat in vielen Teilen der Welt gelebt

Veröffentlichungen: Dutzende Alben, Theatermusiken, sechs Bücher, darunter „Trans-Maghreb“ und zwei Opern. „Korridorwelt“ ist kürzlich bei Nautilus/Hamburg erschienen

Die Oper „Trans-Maghreb“ nach der Novelle von Hans Platzgumer wird am 21. August im Rahmen der Bregenzer Festspiele uraufgeführt. Zweite Aufführung am 23. August. Platzgumer tritt im Rahmen von Musik & Poesie am 17. August als Autor und Sprecher auf