Kurzer, heftig brausender Applaus, Vorhang zu und aus

Kultur / 10.08.2014 • 21:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Anna Netrebko als Leonora, Placido Domingo als Conte di Luna in Verdis Oper „Il Trovatore“ in Salzburg.  FOTO: APA
Anna Netrebko als Leonora, Placido Domingo als Conte di Luna in Verdis Oper „Il Trovatore“ in Salzburg. FOTO: APA

Ein besonderer Stimmenglanz macht noch keinen besonderen Opernabend.

Salzburg. Etwas verdattert sitzen zwei Besucherinnen beharrlich in meiner Reihe, während sich viele Zuschauer im Festspielhaus längst von den Sitzen erhoben haben und keine Chance mehr besteht, dass sich der Vorhang noch einmal hebt. Der Hysterie im Vorfeld der Premiere von „Il Trovatore“ mit Anna Netrebko und Placido Domingo ist kein überschäumender Jubel gefolgt, heftig aufbrausender Applaus, Vorhang zu und aus. Absolute Glanzpunkte eines Festivalsommers enden anders. Glanzlos war die Neuinszenierung von Verdis 1853 uraufgeführter Oper in Salzburg nicht, etwaigen internationalen Nachhall verdankt die Produktion aber in erster Linie der Stimme von Anna Netrebko, die bis ins feinste Piano edel strahlend nun bei jener Tiefe angelangt ist, die der Partie der Leonora gut tut. 

Kluge Rollengestalterin

Nachdem sie hier vor Jahren mit Donna Anna den Durchbruch schaffte, als Susanna nicht durchwegs überzeugte, als Violetta einen Hype sondergleichen entfachte und als Mimi künstlerische Ausdruckskraft klarstellte, ist eine weitere Schattierung des Timbres nicht nur gewiss, die kluge Rollengestalterin ist beim „Troubadour“ angekommen und verleiht der Leonora weiche Prägnanz, die in spezifischer Variierung nicht schöner über die Rampe kommen könnte.

Die Partner sind gut gewählt, auch wenn sie nicht mit vergleichbarem Potenzial punkten können. Francesco Meli (Manrico) ist über weitere Strecken eine Idealbesetzung mit starker Präsenz, aber eben nicht immer locker erreichter Höhe. Ob Placido Domingo wirklich mit routiniert ergreifendem Spiel wett- macht, dass die Baritonlage des einstigen Startenors nicht alles hergibt, was der Conte de Luna wirklich braucht, sei dahingestellt. Die Personenführung ist ein Fall für sich und erschöpft sich im Konzept von Alvis Hermanis, der das bekannte Schauerdrama um viel Leidenschaft und noch mehr Gewalt als Traum einer Museumswärterin angesichts eines Renaissance-Bildes von einem Troubadour ablaufen lässt, zuweilen in konventioneller Rampensteherei, die die Protagonisten mit Leben auszufüllen trachten.

Varianten des Purpurs

Selbst um die zentrale Figur der Azucena hat sich Hermanis dabei kaum gekümmert. Dem altbackenen Bild der Rächerin versucht Marie-Nicole Lemieux stimmlich bzw. farblich ungemein souverän zu entkommen und verdient dafür höchste Anerkennung. Dass Feuerrot ein vorherrschender Ton sein kann, wurde vor einigen Jahren bereits auf der Bregenzer Seebühne bewiesen, auf der Robert Carsen und Paul Steinberg den historischen Familienzwist in eine Ölraffinerie verlegten. Die gewagte Idee erhielt reichlich weitere Farbtupfer, während sich Hermanis, der auch für die Ausstattung auf Salzburgs Panoramabühne verantwortlich zeichnet, mit seiner Kostümbildnerin Eva Dessecker mit verschiedenen Varianten des Purpurs begnügt und in Kauf nimmt, dass sich nicht nur die Figuren auf der Bühne verlieren, sondern dass auch etwaige psychologische Zeichnungen neben der Hauptidee (dem Traum des Nachts im Museum) verblassen. Wer je versucht hat, Figuren aus alten Meisterwerken nachzustellen, weiß, wie rasch so ein Aufmarsch karnevalesk werden kann. Von derlei Peinlichkeiten bleibt „Il Trovatore“ in Salzburg nicht verschont. Riesige Herrscherporträts, die schönsten Madonnenbildnisse mit Kind, Krieger und Akte mögen auf den Inhalt des Werks weisen, wenn diese Gemälde dann zu tanzen beginnen, während der sängerfreundliche Feinzeichner Daniele Gatti mit den Wiener Philharmonikern die triviale Seite Verdis hochleben lässt, mischt sich zudem so viel Banales unter eine an sich einleuchtende Idee, dass sie sich erneut als wenig ausgegoren darstellt.

Aufführungen im Festspielhaus Salzburg bis 24. August, Fernsehausstrahlung am 15. August (ORF 2)

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