Dann ist Schluss mit lustig

Kultur / 12.08.2014 • 19:48 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ulf Schirmer feierte mit den Wiener Symphonikern auch sein 25-Jahr-Jubiläum in Bregenz. Foto: BF/Mathis
Ulf Schirmer feierte mit den Wiener Symphonikern auch sein 25-Jahr-Jubiläum in Bregenz. Foto: BF/Mathis

Die Festspiele erreichen­ ihre Zuhörer auch mit unkonventionellem Programm.

BREGENZ. Zuvorderst ein Kompliment ans Publikum. In der Ära Pountney haben es sich die Leute abgewöhnt, ihre Karten nach der Anzahl der Ohrwürmer im Programm zu buchen. Sie vertrauen auf den Instinkt der Macher, sind zur Auseinandersetzung bereit – und wurden auch beim dritten Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker mit einer mutigen, aber stimmigen Auswahl nicht enttäuscht. Das Haus war voll, die Zuhörer begeistert.

Dabei handelt es sich um den Walzer „Geschichten aus dem Wienerwald“, der als Analogie zu Nali Grubers Oper im Original von Johann Strauß erklingt. Mit einer Einschränkung: Es ist eine Sünde wider den Geist, das kleine, aber für dieses Werk typische Zithersolo am Anfang und Schluss, mit dem Strauß die Nähe zum Ländler unterstreichen wollte, wegzulassen und einer Streichergruppe zu übertragen. Ulf Schirmer am Pult tut das einzig Richtige: Er lässt diese Erzmusikanten so spielen, wie es ihnen ihre wienerische Tradition aufgibt – noch ein Äuzerl „schlampiger“ in der Verzögerung des zweiten Walzerviertels, als es ihre philharmonischen Kollegen tun.

 Dokument einer Epoche

Doch dann ist Schluss mit lustig – und das ausgerechnet mit Musik von Franz Lehár, dem König der „silbernen“ Operette. Man hatte ja immer schon den Eindruck, dass er sich zu Höherem, auch zur Oper berufen fühlte. Aus diesem heute längst vergessenen Zwischenbereich stammen zwei seiner Werke, mit denen die Festspiele nach Brittens beeindruckendem „War Requiem“ noch einmal an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnern wollten. 1915 entstand Lehárs vaterländischer Liederzyklus „Aus eiserner Zeit“ nach einem Text von Erwin Weill, der 1942 im KZ ermordet wurde. Das finale „Fieber“ für Tenor und Orchester daraus ist ein zugegeben recht seltsames Stück Hurra-Patriotismus eines Soldaten zwischen wienerischen Reminiszenzen und Kriegssignalen, mit Zitaten von Radetzky- und Rakoczy-Marsch samt einer guten Portion Schwülstigkeit und fadenscheiniger Operetten-Sentimentalität. Aber es ist ein Dokument jener Epoche, das man aus seiner Entstehungszeit heraus begreifen muss, und das allein rechtfertigt den Einsatz in diesem Programm.

Der aus Graz stammende lyrische Tenor Nikolai Schukoff, derzeit als einer von drei Taminos am See engagiert, beweist mit Verständlichkeit und Präsenz gute Ansätze einer heldischen Gestaltung dieser Partie, kann aber letztlich nicht wirklich überzeugen. Abgesehen davon gehen Dirigent und Orchester hier mit viel Liebe ins Detail, geben auch diesem Werk in seiner Doppelbödigkeit das typisch wienerische Idiom mit auf den Weg. Etwas kauzig wirkt Lehárs Konzertwalzer „An der grauen Donau“, 1918 als melancholisch-parfümierter Abgesang auf das untergegangene Kaiserreich entstanden, mit einem Finale, das frappant an den kurz zuvor uraufgeführten „Rosenkavalier“-Walzer von Richard Strauss erinnert.

Zur Belohnung ein Märchen

Nach so viel Tristesse dann zum Schluss noch ein Märchen: Alexander von Zemlinskys Fantasie für Orchester nach Andersens „Die Seejungfrau“. Ein dreisätziges naturhaftes Werk von 1905, dessen rückwärtsgewandte spätromantische Klanglichkeit heute als bewusster Kontrapunkt zur damals aufkommenden Zwölftonmusik gilt. Unter der umsichtigen Führung von Ulf Schirmer erhält hier das mit allein 60-köpfiger Streicherbesetzung, zwei Harfen, großem Bläserapparat und Schlagwerk auftrumpfende Orchester Gelegenheit, einmal so richtig aus sich herauszugehen, aus dem Vollen zu schöpfen, in innerer Ausgewogenheit mit großer Wirkung im Tutti und in den vielen kleinen Soli zu brillieren, aus denen Konzertmeister Florian Zwiauer mit berückenden Einlagen in der Rolle der Seejungfrau herausragt. Da wird aufregend schön musiziert, das schillert und blüht und leuchtet in diesem genial instrumentierten „Tongemälde“ – im besten Sinn des Wortes einfach „märchenhaft“.

Schirmer bedankt sich am Schluss überraschend bei Publikum und Symphonikern für „25 Jahre Bregenz“ – ein Jubiläum, das für den Miterfinder der See-Akustik, dem man u. a. einen musikalisch traumhaften „André Chénier“ zu danken hat, offenbar übersehen wurde.

Hörfunk-Wiedergabe:
24. August, 11.03 Uhr, Österreich 1

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.