Von Dankbarkeit, Recht und Freiheit

Kultur / 15.08.2014 • 18:57 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
Der neue Roman von Michael Köhlmeier handelt von Charlie Chaplin und Winston Churchill.  Fotos: dpa, EPA
Der neue Roman von Michael Köhlmeier handelt von Charlie Chaplin und Winston Churchill. Fotos: dpa, EPA

Dass Chaplin und Churchill niemandem, auch nicht den engsten Freunden, von ihren Spazierganggesprächen erzählten („talk-walks“, wie der geschmeidige Chaplin sagte, „duck-walk-talks“, wie der korpulente Churchill selbstironisch verdrehte und ergänzte), hatte einen Grund, nämlich das Thema derselben: der Freitod.

Mit anderen Dingen hielten sie sich nicht auf. Sie hatten wenig gemeinsame Interessen und zu viele trennende Ansichten. Sie verzichteten auf Höflichkeitsfloskeln, kürzten ab, indem sie Persönliches, das sich nicht auf die Sache bezog, übersprangen, und schlossen dort an, wo sie ihren Gedankenaustausch vor Monaten, manchmal vor Jahren unterbrochen hatten. Sie besprachen Motive und Techniken, sich das Leben zu nehmen, diskutierten Peristase und Ambiente der letzten Tage und Stunden berühmter Selbstmörder – Vincent van Gogh, Seneca, Ludwig II. von Bayern, Lord Lyttelton, Hannibal oder Jack London (dem Chaplin noch persönlich begegnet war und der ihm die Idee zu The Gold Rush geliefert hatte) und analysierten ihre eigenen aktuellen Befindlichkeiten, indem sie die genannten Beispiele dazu in Vergleich brachten. Sie waren sich jederzeit gewärtig, dass sie des Trostes bedurften; klagten vor ihren Nächsten gern, dass sie – beide hatten einen Hang zu Pathos und Weinerlichkeit – ihr ganzes Leben des Trostes bedurft hatten. (Zu ihrem beiderseitigen Erstaunen stellten sie fest, dass sie, längst bevor sie sich kennen gelernt hatten, jeder einen kleinen Essay zu diesem Begriff hatten schreiben wollen. Ohne voneinander zu wissen, waren sie von T. S. Eliot dazu aufgefordert worden. Der berühmte englische Dichter, selbst geplagt von Depressionen, hatte für seine Zeitschrift The Criterion ein ABC des Trostes geplant, Chaplins und Churchills Beiträge wären aufeinanderfolgend erschienen. Aus irgendwelchen Gründen war nichts daraus geworden.)

Schon nach ihrem ersten Treffen hatten sie sich vorgenommen, einander wenigstens einmal im Jahr zu sehen und dann mindestens zwei Stunden zu gehen. Beide waren sie keine großen Spaziergänger, und die Natur mit ihren Vögeln, Blumen, Gerüchen und Farben beachteten sie erst, sobald sie sich ihrem Formwillen fügte – Chaplin, wenn er ihre Wirkung vor der Kamera im Gesicht des Tramps spiegelte, Churchill, wenn er in Chartwell den Garten gestaltete, als wäre er ein dreidimensionales, allen Sinnen zugängliches Gemälde, also ein Ding aus seiner Hand. Bei ihren Spaziergängen zwangen sie sich dazu, auf die Natur zu achten und sie gelten zu lassen als einen Zustand, der weder ihres Zutuns noch ihrer Beurteilung bedurfte; wobei – das gestanden sie sich, halb amüsiert, halb bestürzt, ein – sie nicht zu artikulieren vermochten, was sie unter Natur eigentlich verstanden. Einmal, es war bei einer Wanderung über einen schmalen, steilen Weg durch die Malibu Hills, blieben sie vor einem Busch stehen, der über und über mit kleinen blutroten Früchten behangen war. Als nach Minuten keiner von ihnen etwas gesagt hatte, fragte Chaplin, was der Grund für ihr andächtiges Schweigen sei. Churchill antwortete, Verlegenheit. Chaplin sinnierte, sie hätten wohl noch einen weiten Weg vor sich. Worauf sich Churchill umdrehte und über die mit dürrem Gras bestandenen Hügel blickte, abermals den Kopf wandte und vorausblickte und nickte und Blick und Nicken sogleich kommentierte: „Dies ist unser Weg! Dies! Nur so viel, um Ihre Metapher abzuschwächen.“ – Metaphern könne man sich nur leisten, wo es nicht ums Ganze geht.

Trost, sagten sie sich, sollte er wirken und vorhalten, musste geplant sein – nicht anders als ein Antrag im House of Commons oder der Bau eines Schwimmbeckens, nicht anders als die Vorbereitung eines Films. Die Qualität eines Plans aber hänge ab von der Methode seiner Erstellung. Sie befahlen – ja, befahlen! – sich eine Methode, die alles Pathetische, Sentimentale, Moralische, das Weinerliche, Erpresserische, Fatalistische und die nutzlosen Gottverwünschungen und Weltempörungen eliminierte. Tatsächlich gelang es ihnen, über sich selbst und eine mögliche Selbstauslöschung zu sprechen, als würde über eine dritte Person verhandelt, die nicht anwesend war und deren Gedanken und Schicksal mehr ihr wissenschaftliches oder ästhetisches Interesse weckte, als dass Mitleid für sie empfunden wurde. Churchill bemerkte später rückblickend, dass in ihren Gesprächen die Passivkonstruktionen dominierten – nicht er und sein Freund verhandelten, sondern „es wurde verhandelt“, nicht sie hatten ein wissenschaftliches Interesse, sondern „es wurde geweckt“, nicht sie empfanden Mitleid, sondern „Mitleid wurde empfunden“. Chaplin brachte ihre Gesprächshaltung auf die Formel: „Nüchtern bis zur Erleuchtung.“

Diese Gespräche waren oft lustig, sehr lustig. Aber sie waren nicht lustig gemeint. Manchmal trugen sie Früchte: Die Szene aus City Lights, in der sich der reiche Mann die Schlinge eines Seils um den Hals legt, dessen Ende an einem schweren Stein befestigt ist, den er ins Wasser stoßen will, wovon ihn der Tramp verzweifelt abzuhalten versucht, was damit endet, dass der Tramp selbst ins Wasser fällt – diese Szene hatten sie sich gemeinsam ausgedacht, da kannten sie einander gerade einmal ein paar Stunden.

Chaplin wusste also Bescheid über Churchills immer wiederkehrenden Gemütszustand finsterer Ausweglosigkeit – den „schwarzen Hund“, wie Samuel Johnson diesen Bastard aus fehlgeleiteten Impulsen und verpantschter Gehirnchemie genannt hatte. Er wusste, dass Churchill, der Inbegriff britischen Draufgängertums, immer wieder in den Zwinger der Bestie hineingeriet, ohne dass er vermocht hätte, dagegen Vorkehrungen zu treffen; dass ihn das Tier hinterrücks anfiel und ihn, den Inbegriff des Rhetorikers, innerhalb weniger Stunden zu einem ängstlichen Stammler werden ließ, der bald nur mehr einen Begriff denken und nur noch in einsilbigen Worten sprechen konnte. Mit niemandem, auch nicht mit seinen Ärzten, hatte Churchill je ausführlicher und ehrlicher über dieses Leiden gesprochen. Churchill wiederum war unterrichtet über die Angstzustände, die dem größten aller Leinwandkünstler in den Tagen und Wochen nach Fertigstellung eines Films zusetzten, ihn knechteten, ihn manchmal bis zur Sprachlosigkeit lähmten und mit dem Gefühl völligen Vernichtetseins allein ließen. Beide hielten sie nicht viel von der Philosophie, schon gar nicht von der deutschen, aber Nietzsches Meinung, dass der Gedanke an Selbstmord ein starkes Trostmittel sei, mit dem man über manch böse Nacht hinwegkomme, teilten sie; obwohl keiner von ihnen die Stelle benennen konnte, wo das geschrieben stand.

Damit dieses radikalste Trostmittel nicht irgendwann als einziges übrig bliebe, darum hatten Churchill und Chaplin beschlossen, einander immer wieder zu treffen; denn wenn es einen gäbe, der den anderen von diesem Weg abhalten könne, dann er oder er.

Ihr erstes Zusammentreffen hatte in Chaplin ein starkes Gefühl der Dankbarkeit hinterlassen; und weil Dankbarkeit – wie Gerechtigkeit, Freiheit, Höflichkeit und ein paar weitere -heit- und -keit-Wörter – zur Grundausstattung des Tramps gehörte, hielt er sehr viel von ihr.

Die Begegnung hatte im sogenannten „Ocean House“ oder „Beach House“ der Schauspielerin Marion Davies in Santa Monica stattgefunden. Miss Davies war die Geliebte des Verlegers und Medien-Tycoons William Randolph Hearst und dies schon seit vielen Jahren. Zur Einweihung des Strandhauses mit seinen einhundert Zimmern waren zweihundert Personen eingeladen worden, lauter Berühmtheiten aus Politik, Film, Wirtschaft, Wissenschaft. Chaplin wollte eigentlich nicht kommen. Douglas Fairbanks und Mary Pickford, seine loyalsten Freunde in Hollywood, hatten ihn schließlich überredet.

Das war im Frühjahr 1927 gewesen – für Chaplin eine schreckliche Zeit. Seine zweite Ehe war zerbrochen. Lita und ihre Anwälte hatten den schmutzigsten Rosenkrieg angezettelt, an den sich die amerikanische Presse erinnern konnte (die für diesen Krieg ausrechend Munition lieferte). Sie wollten Charlie Chaplin ruinieren, finanziell und gesellschaftlich, und sie hatten gute Aussichten. Sie verklagten nicht nur ihn, sondern auch sein Studio und seine Firma United Artists. Sie setzten Verfügungen gegen die National Bank of Los Angeles, die Bank von Italien und andere Geldinstitute durch, bei denen sie Teile von Chaplins Vermögen vermuteten, immerhin eines der größten der Filmbranche.

Gerüchte wurden verbreitet, Charlie habe vor der Ehe und während der Ehe immer wieder Sex mit Minderjährigen gehabt. In schreienden Lettern wurde von einer gewissen Lillita Louise MacMurray berichtet, die als Fünfzehnjährige in die Klauen des Unholds geraten sei. Bald stellte sich heraus, dass es sich bei der Genannten um keine andere als um Chaplins Frau handelte, die höchstpersönlich den Prozess gegen ihn führte, die sich als Künstlerin Lita Grey und in ihren alltäglichen Geschäften weiterhin stolz und frech Lita Grey Chaplin nannte. Die Zeitung kommentierte diese groteske Peinlichkeit mit keinem Wort, entschuldigte sich natürlich auch nicht, sondern deckte schon den nächsten Skandal auf: Als Lita zum ersten Mal schwanger gewesen war, sei sie von Chaplin kurzerhand aus der Besetzung für The Gold Rush geworfen worden; statt ihrer habe er eine gewisse Georgia Hale für die weibliche Hauptrolle besetzt, eine sechzehnjährige Schönheitskönigin aus Chicago. Außerdem habe er Lita gezwungen, die Geburt ihres gemeinsamen Sohnes geheimzuhalten, damit dieses Ereignis nicht einem „viel wichtigeren“, nämlich der Premiere des Films, in die Quere komme. Er habe einen Arzt bestochen, das Geburtsdatum von Charles jun. um ein paar Tage später anzugeben. Die jüngste von Chaplins Liebhaberinnen, konnte man bald lesen, sei noch nicht dreizehn gewesen, ein Mädchen aus gottesfürchtiger Familie, das von zu Hause weggelaufen sei, weil sie mit ihrem Vater Streit gehabt habe. Chaplin habe die Weinende am Straßenrand aufgelesen und mit nach Hause genommen und ihr den gütigen Onkel vorgespielt, wofür er zweifellos Talent habe. Das Mädchen, heute eine Frau, wurde in der Zeitung zitiert, er habe ihr vorgelogen, es sei alles in Ordnung, er sei mit ihrem Vater in Verbindung getreten, der habe ihn sogar ausdrücklich gebeten, „seine Hand über sie zu halten“; was er – in welcher Form, darüber wolle man aus Rücksicht auf die Sensibilität der weiblichen Leserschaft schweigen – auch getan habe. Chaplin klagte, und die Zeitung wurde gezwungen, eine Entgegnung zu drucken; was sie auch tat – winzigklein auf Seite 5 und ein Jahr später.

In ihrem Kreuzzug ließen Litas Anwälte und die Reporter bald keine Geschmacklosigkeit, keine Niederträchtigkeit aus. Die Anklageschrift – die der Presse zugespielt wurde – schilderte neben seelischen Grausamkeiten, die Chaplin seiner Frau angetan habe, dann doch detailreich und ohne Rücksicht auf die „Sensibilität der weiblichen Leserschaft“ gewisse Sexualpraktiken, die in den USA unter Strafe standen und die er von ihr Nacht für Nacht verlangt haben sollte. Noch war frisch im öffentlichen Gedächtnis der Skandal um Fatty Arbuckle – einen Freund von Chaplin aus frühen Tagen –, den das Gericht vom Vorwurf des Totschlags an einer Schauspielerin während einer Sexorgie zwar freigesprochen hatte, nichtsdestoweniger war die Karriere des Mannes beendet, er war ein Wrack. Es war offensichtlich, dass Lita und ihre Anwälte Chaplin in das gleiche Eck drängen wollten: nicht nur Kinderschänder, sondern auch pervers. Frauenverbände forderten landesweit einen Boykott von Chaplins Filmen, vor den Studios wurde demonstriert, die Gebäude wurden von den Zwangsverwaltern unter Bewachung gestellt, jeder Kleiderbügel, den ein Boy von A nach B trug, wurde registriert, zwei seiner Trampkostüme wurden konfisziert.

Chaplin erlitt einen Nervenzusammenbruch, tagelang war er nicht in der Lage zu sprechen. Er unterbrach die Arbeiten an The Circus für unbestimmte Zeit, was United Artists täglich ein Vermögen kostete. Er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, übersiedelte in ein Hotel, sein Haus am Summit Drive verwaiste, die einzigen, zu denen er Kontakt hielt, waren die Fairbanks. Dass Marion Davies Mr. Charles Chaplin zur Einweihung ihres Strandhauses einlud, war ein Statement. Douglas und Mary hatten gemeint, er dürfe diese Sympathieerklärung nicht zurückweisen.

epa000353371 (FILES) A file photograph dated 17 August 1954 of Sir Winston Churchill giving his familiar 'V' sign. When Sir Winston Churchill died 40 years ago, Monday 24 January 2005, more than a decade had gone into planning his State funeral. The great wartime leader, whose bulldog spirit inspired a nation in its darkest hour, was finally laid to rest on January 30 1965 in the Oxfordshire village of Bladon following a funeral service at St Paul's Cathedral. The papers detailing the years of planning for the event - affectionately codenamed Operation Hope Not - are still preserved at the National Archives in Kew, south west London. They show how the Queen herself took a close interest in the arrangements. EPA/PA UK AND IRELAND OUT
epa000353371 (FILES) A file photograph dated 17 August 1954 of Sir Winston Churchill giving his familiar ‘V’ sign. When Sir Winston Churchill died 40 years ago, Monday 24 January 2005, more than a decade had gone into planning his State funeral. The great wartime leader, whose bulldog spirit inspired a nation in its darkest hour, was finally laid to rest on January 30 1965 in the Oxfordshire village of Bladon following a funeral service at St Paul’s Cathedral. The papers detailing the years of planning for the event – affectionately codenamed Operation Hope Not – are still preserved at the National Archives in Kew, south west London. They show how the Queen herself took a close interest in the arrangements. EPA/PA UK AND IRELAND OUT

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