Weil jedes Wort passt

Kultur / 15.08.2014 • 19:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Robert Seethaler, der mit „Der Trafikant“ auffiel, ist erneut ein herausragendes Werk gelungen.  Foto: Zintel  
Robert Seethaler, der mit „Der Trafikant“ auffiel, ist erneut ein herausragendes Werk gelungen. Foto: Zintel  

Seethaler erzählt in „Ein ganzes Leben“ die Geschichte eines Mannes, die einfach, aber zugleich außergewöhnlich ist.

roman. (VN-jal) Es ist die Erzählung einer Lebensgeschichte, die in einer solchen Form heute wohl kaum mehr vorkommen kann. Andreas Egger, der als Waisenkind bei einem österreichischen Bergbauern mit einem Bündel Geldscheinen um den Hals abgegeben wird, verlässt das Tal, bis auf wenige Ausnahmen, Zeit seines Lebens nicht mehr. Das Leben in diesem Bergdorf der 1930er-Jahre erscheint wie eine weit entfernte und fremde Welt. Der Alltag ist hart und unerbittlich. Der Tod scheint allgegenwärtig und die brutalen Schläge seines Ziehvaters lassen Egger mit einem hinkenden Bein durchs Leben gehen.
Es erscheint so, als hätte Seethaler seinen Schreibstil im Buch an die Persönlichkeit seiner Hauptfigur angepasst. „Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten.“ Mit einfachen Worten, aber schöner Sprache stellt er anschaulich und prägnant Figuren und Landschaft dar. Der Lesefluss wird stets gewahrt und auch die gelegentlichen nicht chronologischen Einschübe unterbrechen diesen nie. Die Zeitsprünge sind stets passend und eröffnen einen neuen Blick auf die Persönlichkeit der Hauptperson.

Unerschütterlich

Trotz aller Widrigkeiten und Schicksalsschläge im langen Leben des Andreas Egger beklagt er sich nie, er zweifelt nicht am Leben und er versucht nie, es zu verstehen. Er nimmt die Dinge so hin, wie sie sind und vergeudet keine Energie daran, sich vorzustellen, wie es sein hätte können. Nur am Ende seines Lebens fragt er sich, was denn aus ihm und seiner Frau Marie geworden wäre, hätte nicht eine Lawine ihm sein Haus und seine Frau weggerissen. Der Leser schließt die Hauptfigur sofort ob ihrer Unerschütterlichkeit und ihrer Kunst, stets mit ganz wenig zufrieden zu sein ins Herz. „Er hatte niemanden, doch er hatte alles, was er brauchte, und das war genug.“

Dem 1966 in Wien geborenen Seethaler, der mit seinem vorherigen Buch „Der Trafikant“ große Erfolge gefeiert hat, ist mit „Ein ganzes Leben“ erneut ein herausragendes Werk gelungen. Obwohl die Geschichte in einem fiktiven Tal spielt, verdeutlicht Seethaler am Leben seiner Hauptperson auch den Wandel, der sich in der österreichischen Gesellschaft ab den 1930er-Jahren und speziell nach dem Zweiten Weltkrieg vollzieht. Dieser Wandel wird an der Konstante des Andreas Egger besonders deutlich, der sich „als kleines, aber gar nicht mal so unwichtiges Rädchen einer gigantischen Maschine namens Fortschritt“ sieht.

Weil jedes Wort passt

Robert Seethaler: „Ein ganzes Leben“, Verlag Hanser, 154 Seiten

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