Erneuerer, aber auch Tyrann

Kultur / 21.08.2014 • 19:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gemma Augustea, 9–12 n. Chr.; Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung.  Foto: KHM
Gemma Augustea, 9–12 n. Chr.; Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung. Foto: KHM

2000 Jahre nach seinem Tod ist Kaiser Augustus ein großes Thema, damals entstand auch Brigantium.

Rom, Wien. „Ich habe eine Stadt aus Backstein vorgefunden, und ich habe Euch eine Stadt aus Marmor hinterlassen.“ Diesen Satz soll der erste römische Kaiser über Rom gesagt haben, als er vor genau 2000 Jahren in der süditalienischen Hafenstadt Nola im Sterben lag. Der 75-jährige Augustus meinte damit aber nicht etwa die Architektur Roms, sondern die Wandlung eines von Bürgerkrieg und Machtgelüsten geteilten römischen Staatswesens in ein stabiles und befriedetes Reich.

Als der Herrscher im Jahr 14 nach Christus am 19. Tag des nach ihm benannten Monats August stirbt, hat er mehr als vier Jahrzehnte die Geschicke Roms gelenkt. Seine historische Leistung sei die Errichtung eines vollkommen neuen Herrschaftssystems, sagt der deutsche Althistoriker Martin Zimmermann. Unter ihm ist die alte Republik untergegangen, das Kaisertum hat sich manifestiert. Augustus – 63 vor Christus als Gaius Octavius in Rom geboren – ist noch keine 18 Jahre alt, als sich sein Großonkel Iulius Caesar nach jahrelangem Bürgerkrieg zum Diktator auf Lebenszeit ausrufen lässt. Teile des römischen Senats sehen die Republik damit endgültig vor dem Aus und lassen Caesar ermorden.

Expansionen

In seinem Testament adoptiert der Diktator seinen Großneffen postum. Diese Unterstützung ist das einzige Pfund, mit dem der junge Octavius anfangs aufwarten kann. Danach beginnt er seinen Aufstieg: Mit knapp 20 Jahren tritt Octavius sein erstes Konsulat an. In der Schlacht von Philippi besiegt er die Caesar-Mörder Cassius und Brutus, später kämpft er gegen Antonius um die Alleinherrschaft. Das Reich versinkt wieder im Bürgerkrieg. Durch den Sieg über seinen Widersacher in der entscheidenden Schlacht bei Actium erlangt Octavius endgültig die Vorherrschaft im Römischen Reich. „Blutsäufer“ habe man ihn einmal genannt, sagt Althistoriker Zimmermann – und meint damit die brutale Bürgerkriegszeit. „Er hat sehr viele Menschen hinrichten lassen.“ Mit Mitte 30 bekommt Octavius vom Senat die Alleinherrschaft verliehen: das sogenannte „Prinzipat“. Er wird mit dem Ehrentitel Augustus, „der Erhabene“, ausgestattet. Offiziell stellt er die öffentliche Rechtsordnung der Republik wieder her. De facto aber richtet er eine Monarchie ein, wie es sie die 500 Jahre davor in Rom nicht mehr gegeben hatte.

Als Oberbefehlshaber der römischen Legionen expandiert er in einem Maße wie kein anderer römischer Kaiser nach ihm. Jedoch muss sein Heer im Jahr 9 nach Christus gegen den Cheruskerfürsten Arminius eine Niederlage einstecken. Die Schuld am Desaster im Teutoburger Wald lädt Augustus auf seinen Kommandanten Varus. Die Befriedung des Reiches nach innen führt dazu, dass Literatur, Architektur und Kunst gedeihen. Wegen Männern wie Vergil, Ovid, Horaz oder Vitruv spricht man vom „Goldenen Zeitalter“ unter Augustus.

Aber der Herrscher will auch die römische Gesellschaft verändern: Er verordnet der Oberschicht mit seinen Sittengesetzen eine Ehepflicht. Wer nicht verheiratet ist, wird bestraft und bei der Vergabe von Ämtern und Posten benachteiligt. Das Vorhaben, Moralvorstellungen per Gesetz umzusetzen, scheitert jedoch grandios. Kontrollen sind schwierig. Historiker sagen, Augustus habe sein ganzes Leben inszeniert. Und so auch seinen Tod: Um sein Sterbebett in Nola versammelt er fast seine ganze Familie.

Augustus’ Leichnam wird in seinem – bereits im Alter von 34 Jahren erbauten – Mausoleum auf dem Marsfeld in Rom bestattet. Wenige Wochen später beschließt der römische Senat, dass der Herrscher als „Divus Augustus“ unter die Götter aufgenommen wird.

Augustus’ Nachfolger Tiberius hatte in seiner Regierungszeit aber kein so glückliches Händchen. Und anschließende Herrscher wie Caligula oder Nero bleiben nur als Tyrannen in Erinnerung. Die von Augustus begründete Dynastie geht 90 Jahre nach ihrer Gründung mit dem Tod Neros zu Ende, das von ihm errichtete Prinzipat bleibt mehr als zweieinhalb Jahrhunderte bestehen.

Seine historische Leistung war, ein Herrschaftssystem neu aufzubauen. Es war 200 Jahre stabil.

Historiker M. Zimmermann

„Väter Europas. Augustus und Karl der Große“, Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien bis 21. September: www.khm.at

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