Lasst es uns gleich nochmals hören

Kultur / 21.08.2014 • 23:10 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Szene aus „Trans-Maghreb“, der Musiktheateruraufführung im Rahmen der Bregenzer Festspiele. Fotos: VN/Steurer
Szene aus „Trans-Maghreb“, der Musiktheateruraufführung im Rahmen der Bregenzer Festspiele. Fotos: VN/Steurer

Auf musikalischer Seite ist „Trans-Maghreb“ ein uneingeschränktes Erlebnis.

Bregenz. Die Musik hätte ruhig noch andauern können, als ein Bewaffneter die Menschen nach knapp eineinhalb Stunden zum Verlassen des Ortes aufrief. So einigen wäre es wohl recht gewesen, wenn sich das wunderbare Orchester inklusive Solisten noch einmal auf den Plätzen postiert hätte. Nicht nur den Fans von Peter Herbert und Hans Platzgumer, sondern allen Kennern sollte es vergönnt sein, dass es die gestern Abend uraufgeführte Komposition „Trans-Maghreb“ einmal auf Tonträger gibt oder dass sie wieder einmal bzw. noch oft auf die Bühne kommt. Es muss nicht unbedingt diese szenische Variante sein, aber auch eine Inszenierung, wie sie Ran Arthur Braun im Rahmen der Bregenzer Festspiele realisierte, hat offensichtlich ihre – jubelnden – Anhänger.

Andere wiederum dürften sich wohl der Meinung anschließen, dass die Geschichte zwar stark genug für ein Musiktheater ist, dass es aber nicht unbedingt ein sogenanntes begehbares oder interaktives sein muss. 

Im Rudel mitgefangen

Sind wir stärker betroffen, wenn wir am Eingang einer Bühne unerbittlich nach unserem Ausweis gefragt werden oder wenn uns ein Schauspieler mit einem Maschinengewehr im Anschlag so nahe kommt, dass wir unter dem halb vermummten Gesicht ein Keuchen wahrnehmen? Spüren wir die existenzielle Not intensiver, wenn wir zwischen Jutesäcken und Plastikmüll zusammengerottet werden und somit unvermutet und ohne vorherige Einweisung das stumme Chorvolk in einer Musiktheaterproduktion bilden? Ein Chorvolk also, in dem der eine oder andere Mitgefangene in diesem Rudel mitunter damit beschäftigt war, bloß keinem im Wege zu stehen oder womöglich wesentliche Parts zu versäumen. Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Macher von „Trans-Maghreb“ diese Fragen nicht gestellt haben. Das Ergebnis muss für diese Realisierung ausgegangen sein, die in der Werkstattbühne beim Festspielhaus am Gate eines Flughafens beginnt, wo hinter einer Absperrung gebettelt wird, während man die Besetzungsliste mit dem Vermerk ausgehändigt bekommt, dass irgendwo auch Plätze für jene eingerichtet sind, die inaktiv und nicht interaktiv sein wollen.

Schon der Schriftzug „Wir haben keine Probleme, sondern Lösungen“ trieb uns gestern Abend trotz der berechtigten Befürchtung, unfreiwilliger Komik ausgesetzt zu sein, mitten ins Geschehen. Banale Motivationssprüche westlicher Unternehmer drangen also als Gekritzel auf Karton bis in die libyische Wüste. Dort waren vor einigen Jahren auch österreichische Bauingenieure und Arbeiter an der Errichtung einer Eisenbahn beteiligt. Vom Stopp des Unternehmens während des Aufstands  gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi berichtet der in Lochau lebende Tiroler Autor und Musiker Hans Platzgumer in seiner großartigen Novelle „Trans-Maghreb“, die vor rund zwei Jahren erschienen ist und auf einer wahren Begebenheit basiert. Ein Verwandter des Autors saß damals unter dramatischen Umständen in Libyen fest und schaffte gerade noch die Ausreise. Literarisch hervorragend löst Platzgumer die nachhaltige Thematisierung des grausamen Schicksals vieler Arbeiter, das im raschen Wechsel der kriegerischen Schauplätze, die uns die Medien ins Wohnzimmer liefern, nur eine kurze Sequenz einnimmt.

Nonverbale Highlights

In der Fassung für die Bühne, die er gemeinsam mit der Autorin und Journalistin Ingrid Bertel schrieb, ist die ursprüngliche Sprache erst wieder in leisen Anklängen im Epilog präsent, dann, wenn von angeschwemmten Wasserleichen die Rede ist, die über verwackelte Amateurvideos an die Öffentlichkeit gelangen. Das Beklemmende des Geschehens, der gescheiterte Versuch der Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, hier in der Wüste irgendwie miteinander auszukommen, ist nur über Einzelszenen zu entwickeln. Sie sind schwächer, wenn die Tatsache aufgezeigt wird, dass es in den zu Ende gehenden Lebensmittelvorräten gerade noch einmal ein Bier gibt, oder wenn ein Pizzahändler seine Geschäfte macht; sie sind wesentlich stärker, wenn das Nonverbale Raum bekommt, wenn die Stimme von Amal Murkus, der arabischen Traumfigur, erklingt oder wenn eine Tänzerin mit stummer, aber deutlicher Gebärde nicht nur das Geld des Ingenieurs aus dem Westen zurückweist, sondern ihn stolz beschämt, die Auffassungsunterschiede somit deutlich macht.

Nicht zur Show verkommen

Die Situation der Eingeschlossenheit bzw. des Ausgeliefertseins greifbar zu machen, ihr eine musiktheatralische Form zu geben, obliegt in einem großen Maß den in schwieriger Situation agierenden Sängern selbst. Man mag den einfachen Ausstattungsideen von Susanne Boehm zustimmen, die die Begegnungen von Gaddafi mit einer Reihe von Staatsmännern und damit die fragwürdigen Rituale unserer Welt an die Wand projiziert, man nimmt die wohltuend unaufdringlichen und nachvollziehbaren Kostümideen von Claudia Raab zur Kenntnis und bemerkt, dass alle Stunts und akrobatischen Effekte nicht einfach dem Spektakel dienen und damit zur Show verkommen, sondern nahtlos in den Ablauf eingewoben sind.

Die Dialogtexte sind passend, solide, aber nicht eindringlich gebaut, den eigentlichen Drive erhält „Trans-Maghreb“ vor allem durch die Musik.

Großartige Besetzung

Man hat sich wohl überhaupt nur an die Sache gewagt, weil der aus Bregenz stammende und inzwischen in Paris und Wien tätige Bassist und Komponist Peter Herbert ein ausgewiesener Fachmann für die Musik aus dem maghrebinischen Raum ist. Gemeinsam mit dem Aktionstheater unter Martin Gruber hat er vor Jahren nicht nur reichlich Bühnenerfahrung gesammelt, sondern auch eine entsprechende Meisterschaft bewiesen. Nicht nur Peter Herbert ist eine wesentliche Stütze des gesamten Unternehmens, er hat mit Benjamin Lack den zurzeit denkbar besten Dirigenten und Chorleiter im Team und mit dem Koehne Quartett, Hans Platzgumer selbst, Kenji Herbert, David Helbock, Claudio Spieler und anderen hervorragende Musiker.

Die Musik fasziniert mit rhythmischer Exaktheit und Farbigkeit im Zusammenspiel von opernhaften bzw. ariosen Passagen, Jazz-Elementen, eindeutiger Improvisation und Liedern aus dem arabischen Raum. Man wollte sich am liebsten immer dort postieren, wo diese Komposition gerade am besten wahrnehmbar ist, wo die feinen, kleinen Töne noch erfahrbar sind. Gerne in der Nähe von Platzgumer selbst oder dort, wo Spieler und Helbock mit perkussivem Einsatz auftraten und so manche Überraschung offerierten.

Bei der Sängerbesetzung waren die Bregenzer Festspiele, die diese Vorarlberger Produktion am Ende der bislang so ereignisreich und erfolgreich verlaufenen letzten Saison von David Pountney ansetzten, keineswegs kleinlich. Robert Maszl überzeugt als ungemein sicherer Tenor, Wilfried Staber als sehr beweglicher Bass. Stanislav Kuflyuk, Markus Raab, Sebastian Campione und Juliusz Kubiak blieben (neben der erwähnten Amal Murkus) über alle Hindernisse bestens mit dem Orchester und Mitgliedern des Prager Philharmonischen Chores in Verbindung.

Sie sollten es auch bleiben, und zwar für eine Fortsetzung dieser besonderen Produktion, mit der „Trans-Maghreb“ als phänomenale Komposition weiteren Hörern zugänglich gemacht wird.

Weitere Aufführung: 23. August, 18.30 Uhr, Werkstattbühne beim Festspielhaus. Gleichnamige Novelle von Hans Platzgumer, Verlag Limbus

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