Gegen den inneren und äußeren Feind

Kultur / 22.08.2014 • 22:24 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Michael Köhlmeier: „Es gibt keine ernst zu nehmende Kämpfe, die einer allein bestehen kann.“ Foto: VN, AP
Michael Köhlmeier: „Es gibt keine ernst zu nehmende Kämpfe, die einer allein bestehen kann.“ Foto: VN, AP

Als Autor interessiere ihn das Individuum. Weltpolitik sei, so Köhlmeier, die Kulisse.

Hohenems. Die titelgebenden „Zwei Herren am Strand“ im neuen Roman des Vorarlberger Schriftstellers Michael Köhlmeier sind keine geringeren Persönlichkeiten als der Politiker Winston Churchill (1874–1965) und der Künstler Charlie Chaplin (1889–1977). Allein deswegen tun sich Fragen auf.

Wann und aus welchen Überlegungen heraus hat sich die Idee, diesen Roman zu schreiben, gefestigt?

Köhlmeier: Schon in meinem Roman „Abendland“ hatten Churchill und Chaplin einen Auftritt – sehr kurz allerdings. Ich glaubte damals, sie nähmen mehr Platz ein. Haben sie aber nicht. Wollten sie damals nicht. Ich hatte mich gut auf sie vorbereitet, habe viel gelesen – Churchills Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, Chaplins Autobiografie. Aber dann kamen sie zur Tür herein und waren gleich wieder draußen. Haben aber einen großen Eindruck bei mir hinterlassen.

Churchill und Chaplin sind einander begegnet. Inwieweit hat Sie die politische Komponente interessiert? Chaplin war sozusagen ein Linker, Churchill ein Konservativer, der zu den Liberalen übergetreten ist.

Köhlmeier: Bei Persönlichkeiten wie den beiden kann man von der Politik nicht absehen. Als Schriftsteller interessiert mich in erster Linie aber das Individuum. Die Weltpolitik ist die Kulisse. Aber es ist reizvoll, zu zeigen, wie Individuen in der Welt wirken.

Was ist das besonders Faszinierende an Churchill?

Köhlmeier: Seine Widersprüchlichkeit. Er lässt sich in keine Schublade zwängen. Seine Vielseitigkeit. Er war Historiker, Schriftsteller, Redner, Krieger, Maler, zärtlicher Vater, treuer Freund . . .

Und an Chaplin?

Köhlmeier: Chaplin hat eine Figur erfunden, den Tramp. Eine mythische Figur. Eine moderne Figur, zugleich eine zeitlose Figur. Der Tramp steht neben Don Quichote, Hamlet, Antigone . . . Er ist der Inbegriff des Künstlers.

Churchill hat über den Herzog von Marlborough, einen seiner Vorfahren, eine Biografie geschrieben, oder auch in Zügen erfunden. Wie inspirierend war diese Tatsache für Sie?

Köhlmeier: Churchill wusste sehr genau: Geschichte ist, was ein Individuum erzählt. Sie kann also nie objektiv sein. Aus jeder Zeile spricht sein Temperament. Als Schriftsteller lasse ich mich durch nichts einschränken.

Sie haben den beiden Personen so einiges angedichtet. Wie beurteilen Sie die Möglichkeit, die Sie diesbezüglich als Schriftsteller haben?

Köhlmeier: Vorne auf dem Buch steht „Roman“. Das muss genügen.

Es ist ein Roman, und ich glaube auch nicht, dass die Leser nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können. Allerdings könnte es passieren. Beschäftigt Sie das?

Köhlmeier: Ich kann mir beim Schreiben über die Befindlichkeit des Lesers keine Gedanken machen. Es wäre auch eine Art Bevormundung. Die allerdings nie funktioniert. Der Leser merkt, wenn ich etwas mit ihm vorhabe. Ich als Leser ärgere mich in so einem Fall und lege das Buch weg.

Wann haben Sie „The Great Dictator“ zum ersten Mal gesehen und mit welchen Empfindungen bzw. Gedanken?

Köhlmeier: Ich weiß es nicht mehr genau. Als Student habe ich mir anlässlich einer Retrospektive alle Filme von Chaplin angesehen. Ich war süchtig danach. „The Great Dictator“ ist ein Meisterwerk wie Dantes „Göttliche Komödie“. Chaplins Genie zeigt sich darin, dass es ihm gelingt, den Zuseher in ein und demselben Augenblick zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Chaplin ist ein Gottesbeweis.

Churchill und Chaplin wollten, wie Sie jüngst mir gegenüber ausführten, gemeinsam einen Film machen. Über Napoleon, oder? Was haben Ihre Recherchen diesbezüglich ergeben?

Köhlmeier: Churchills politische Karriere schien damals am Ende zu sein. Er hat darüber nicht gejammert, er hat sich etwas Neues überlegt. In Chaplin hat er jemanden gefunden, der ebenso schnell neue Ideen hervorbringen konnte wie er. Ich wäre gern dabei gewesen, wenn die
beiden Ideen-Pingpong spielten.

Apropos Recherchen – wie viel Zeit haben jene beansprucht, die Sie im Vorfeld beim Schreiben dieses Buches getätigt haben?

Köhlmeier: Ich recherchiere im Vorfeld zu einem Roman, ja, aber dann stellt sich oft heraus, dass diese Recherchen nicht so viel bringen. Hintergrundinformationen, aber mehr nicht. Die Recherche bei einem Roman zielt auf anderes als die Recherche bei einem historischen Werk. Wie war das mit Churchills Lispeln? Ab wann musste sich Chaplin für die Rolle des Tramps die Haare färben? Das sind die Fragen. Die Recherche ist schwierig, oft lustig, sie muss Umwege und Abwege gehen.

Welche Quellen waren für Sie die wichtigsten?

Köhlmeier: Autobiografische Werke, Briefe von Freunden, Biografien natürlich. Am ergiebigsten aber waren irgendwelche Stellen in Büchern, die weder mit Chaplin noch mit Churchill zu tun hatten, in denen die beiden aber erwähnt wurden. Zum Beispiel die Lebensgeschichte des Regisseurs Bunuel.

Sie sollten oder wollten einmal Historiker werden. Wie lange hat Sie die Möglichkeit beschäftigt?

Köhlmeier: Mein Vater hätte das gern gesehen. Er war Historiker. Ich sah im Historiker immer einen Konkurrenten zum Schriftsteller, einer, der dem Schriftsteller, dem Erzähler, nicht wohl gesonnen ist. In den Augen des Historikers ist der Erzähler ein Scharlatan. Ich habe nie ernsthaft überlegt, Historiker zu werden.

Im Grunde genommen geht es auch um eine Krankheit. Die haben Sie den beiden Figuren nicht angedichtet. Was interessiert Sie besonders daran?

Köhlmeier: Chaplin und Churchill, vor allem Churchill, waren gemütskrank. Im Zustand der Depression sieht man die Welt nicht oder nicht richtig, man verfügt über wenig oder gar keine Sensibilität. Aber davor und danach. Wer unter depressiven Schüben leidet, hat wenig Grundvertrauen. Er ist immer auf der Hut. Die Welt ist für ihn ein Dschungel. Der schwarze Hund kann überall lauern. Er muss genau beobachten. Auch sich selbst genau beobachten. So grausam es klingt: Depression kann eine Schule des Schriftstellers, des Künstlers sein.

Sind Depression und Suizid noch Tabuthemen?

Köhlmeier: Nein, das glaube ich nicht. Im Gegenteil. Depressive und Suizidgefährdete sind gern gesehene Gäste in Talkshows.

Schließlich haben es beide Personen geschafft, die schlimme Krankheit durchzustehen. Wie wichtig ist dieses Motiv?

Köhlmeier: Der Kampf gegen den inneren Feind, den „schwarzen Hund“, wie ihn Churchill nannte, ist das Hauptmotiv des Romans. Die größten Männer, die größten Genies sind vor dieser Krankheit ganz klein.

Und letztlich geht es um Freundschaft, um eine geistige Auseinandersetzung auf Augenhöhe, um Vertrauen – oder?

Köhlmeier: Es gibt keine ernst zu nehmende Kämpfe, die einer allein bestehen kann. Nur im Märchen gibt es solche Kämpfe. Im Märchen oder in der Propaganda. In der Wirklichkeit brauchen wir „a little help from my friend“.

Eine der berührendsten Stellen ist für mich, wenn es heißt: „Charlie braucht Winston. Winston kommt.“ Welche ist es für Sie?

Köhlmeier: Die Stellen, in denen wir Churchill als Vater sehen, die mag ich gern. Und die Stellen, die von der Liebe zwischen Chaplin und seinem Bruder Syd erzählen.

Politische Prophetie ist einmal angesprochen. Wie stehen Sie dazu? Inwieweit war Churchill weitsichtig?

Köhlmeier: Churchill hat oft genug eine gegenwärtige Situation falsch eingeschätzt. Aber er war vorausschauend. Dass Europa eines Tages zusammenwachsen wird zu einem in der Geschichte nie dagewesenen Friedensprojekt, das hat er vorausgesehen.

Generell geht es, wie Sie schon sagten, auch um eine Allianz gegen Hitler, gegen Faschismus, gegen Terror. Ich nehme an, auch das war für Sie ein entscheidendes Motiv für dieses Buch.

Köhlmeier: Zu sehen und nachzuerzählen, wie sich zwei Menschen finden, die kaum etwas verbindet, sich finden, um gegen einen inneren, aber auch gegen einen äußeren Feind zu kämpfen – das hat mich angespornt und inspiriert. Der innere und der äußere Feind, beide zerstören den Menschen. Bis heute sind für die politische Rechte sowohl Chaplin als auch Churchill Feindbilder.

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