„Aufrichtigkeit ist überlebenswichtig“

Kultur / 29.08.2014 • 18:06 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wagner: „Es kommt auf den Ruf des Mediums und vor allem auf die Kompetenz der Journalisten an.“ Privat
Wagner: „Es kommt auf den Ruf des Mediums und vor allem auf die Kompetenz der Journalisten an.“ Privat

Echtheit und die ehr­liche Absicht sind heute bei den Menschen gefragter denn je.

Schwarzach, Wien. Stefan Wagner ist Journalist, Psychologe und gründete 2000 das Trainingsinstitut Intomedia in Wien. Er versetzt sich in die Köpfe des Medien-Publikums und zeigt in seinem neuen Buch „Das Ende der Blender – Die medialen Muster der Ehrlichkeit“ (Goldegg) die drei großen Interview-Irrtümer, unmoralische Wahrheit, ehrenhafte Lüge und versteckte Motive auf. So wie es ist, kann es jedenfalls nicht bleiben, ist er überzeugt. Spätestens im Zuge der Wirtschaftskrise haben die Menschen in die Vertreter der Politik, Banken und Konzerne jegliches Vertrauen verloren, fühlen sich – auch vom Medien-Mainstream – belogen, betrogen und bedroht.

Herr Wagner, was raten Sie den verbliebenen gewissenhaften Journalisten und Herausgebern, die noch gewillt sind, Verantwortung wahrzunehmen, also Leuten, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen?

Wagner: Die Antwort ist schon in Ihrer Frage enthalten. In dem Moment, in dem Gewissenhaftigkeit ein Faktor der Berichterstattung ist, werden sich Medienmacher in der Recherche an den Fakten orientieren und vor allem die Quellen der Informationen überprüfen. Wenn die Quelle unsicher ist, wie so oft aus dem Social Media Bereich, in dem Wahrheit erst an zweiter Stelle steht und auf Platz Eins die Sensation, laufen Journalisten Gefahr, sich an Verschwörungstheorien zu beteiligen. Also die einfache Frage: „Woher haben die das?“ ist die Basis, sich nicht an Vorverurteilung und Skandalisierung zu beteiligen. Im Fall des Ex-Präsidenten Christian Wulff ist das passiert. Da haben sich viele Qualitätsmedien wie zum Beispiel „Der Spiegel“ oder auch „Die Zeit“ nachträglich besonnen und sich eingestanden, Informationen einfach übernommen und sich so am medialen Mobbing beteiligt zu haben. Es wurde wichtiger, den Präsidenten zum Rücktritt zu zwingen, als der Sache auf den Grund zu gehen. Mut und die ehrliche journalistische Absicht gehören in der Berichterstattung immer dazu, vor allem im investigativen Journalismus.

Wann und warum ist der kritische Journalismus verloren­gegangen und gesteuerter medialer Mainstream entstanden, der die Menschen zu passiven Konsumenten stempelt?

Wagner: Leider hat sich im Kampf um die Quote und die damit verbundenen Einnahmequellen, wie Werbeschaltungen und Anzeigen, ein Kampf um Aufmerksamkeit entwickelt. Die Balance zwischen Aufsehen auf der einen Seite und Ansehen auf der anderen hat sich zugunsten der Sensationsberichterstattung und damit der Boulevardisierung verlagert. Ein Hauptgrund dafür ist die hohe Dichte an Information, der wir jeden Tag ausgesetzt sind. Bis zu 8000 Infos erhält der urbane Mensch täglich: Vom Sonderangebot im Supermarkt über die täglichen News im Internet und im klassischen Medienbereich bis hin zum Banner-Terror im Internet. Folglich befindet man sich als Medienmacher in der Situation, sich in dieser Flut an Nachrichten Gehör verschaffen zu müssen. Das geht am einfachsten, in dem man die Menschen emotionalisiert, sprich in Aufregung versetzt. Und dort, wo die Emotion in den Vordergrund rückt, hat die Sache selbst Nachrang. Es gibt zum Glück nach wie vor hervorragenden Journalismus, und wie Sie schon gesagt haben, gewissenhafte Redakteurinnen und Redakteure. Das freut mich und ist die Chance für Qualitätsmedien, die sich vom oberflächlichen Sensationsjournalismus abheben.

Sehnen sich die Menschen ­nach ehrlicher Sachlichkeit in der unüberschaubaren Medienflut?

Wagner: Ja! Echtheit und die ehrliche Absicht sind gefragter denn je! 2008 hatte eine traumatisierende Wirkung. Das Vertrauen in Funktionen und Ämter wurde tief erschüttert. Nicht, dass man vorher uneingeschränktes Vertrauen in Politik und Konzerne gehabt hätte, nein. Doch mittlerweile sind die Folgen der Wirtschaftskrise in jedem einzelnen Haushalt angekommen. Also wurde die Lüge und damit die Blendung zu einer realen Bedrohung der eigenen Existenz. Und jeder ist davon betroffen. Umso mehr wächst die Sehnsucht der Konsumenten nach glaubwürdigen und vertrauenswürdigen Personen, aber auch nach vertrauenswürdigen Medien, nach Institutionen mit ehrlichen Absichten. Man spürt und hat die Erfahrung gemacht, dass Aufrichtigkeit zur überlebenswichtigen Eigenschaft geworden ist.

Wie wird Ehrlichkeit in den Medien sicht- und spürbar?

Wagner: Das hat einerseits mit dem Ruf zu tun, den ein Medium hat, und welche Kompetenz ich Redakteuren und Journalisten zuschreibe. Als Medienkonsument spürt man darüber hinaus sehr wohl, ob Meinungen und Vorurteile bloß bestätigt bzw. geschürt werden, oder ob man sich nach einem Artikel oder einer Berichterstattung ein besseres Bild machen kann. Also, einfach ausgedrückt: Ob ich klüger bin als zuvor, oder lediglich im eigenen Saft auf der Stelle trete. Nicht zuletzt geht es um Kongruenz in der Gestaltung, also um die gelungene Übereinstimmung des Images eines Mediums mit der Aufmachung. Im übertragenen Sinne soll die Kleidung zeigen, welche Leute, sprich Charaktere, dahinter stehen.

2008 wurden Lüge und Blendung zur realen Bedrohung der eigenen Existenz.

Stefan Wagner

„Das Ende der Blender – Die medialen Muster der Ehrlichkeit“ (Goldegg), Stefan Wagner, 302 Seiten, ISBN 978-3-902903-82-2

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