Trotz allem schön, sagte dieses Licht

Kultur / 29.08.2014 • 18:09 Uhr / 15 Minuten Lesezeit
Ein kleines Stückchen Unabhängigkeit, ein Leben für die Wochenenden. Einen Ausflug, mehr brauchte es nicht.  Foto: AP
Ein kleines Stückchen Unabhängigkeit, ein Leben für die Wochenenden. Einen Ausflug, mehr brauchte es nicht. Foto: AP

„Erinnerst du dich an dieses Lied?“, fragte der Vater die Mutter, die nur verlegen lächelte. Er erinnerte sich gerne zurück an seine Jugend, sein junges Erwachsensein, an die zwei, drei Tanzlokale, mehr gab es damals ja nicht. In einem hatte er die Mutter kennengelernt, das war ganz einfach gewesen. Es folgten gemeinsame Kinobesuche, Ausflüge in die nähere und fernere Umgebung, auch nach Südtirol. Damals fuhren sie die alte Bundesstraße und ihre unzähligen Kurven zum Brenner hinauf, in einem kleinen Fiat 500, ihrem ersten Wagen. Der Motor war hinten und der Kofferraum vorn, an heißen Tagen mussten sie immer wieder stehen bleiben und Wasser nachfüllen. Ein Auto wie für Clowns, aber ein Auto. Ein kleines Stückchen Unabhängigkeit, ein Leben für die Wochenenden. Einen Ausflug, ein wenig wandern, vielleicht ein Kaffee oder ein Glas Wein, mehr brauchte es nicht. Das war schon mehr Luxus, als sie von ihrer Kindheit her gewohnt waren. Die Erinnerung an die bescheidenen Verhältnisse ihres Aufwachsens sollte sie ihr Leben lang begleiten. Auch später noch, als die Zeiten besser waren und man sich eigentlich alles leisten konnte. Die Kindheit blieb so etwas wie eine vage Erinnerung an Mangel, umweht aber von einem rosigen, hellen Licht. Es war trotz allem schön, sagte dieses Licht, schön. Warme Gefühle, ein wenig Wehmut.

Draußen blies starker Föhn, man sah es an den Windhosen auf der Europabrücke. Der Volkswagen zitterte ein wenig und der Vater legte nun beide Hände ans Lenkrad. Die Planen des Lkws, der vor ihnen fuhr, wurden heftig hin und her geschüttelt. Die Mutter schwieg nun eisern, sie fürchtete sich ein bisschen. Wenig später krochen sie den Schönberg hinauf, der Verkehr wurde dichter, je näher sie der Mautstelle kamen. Selbst an schwachen Tagen bildete sich rasch eine Schlange, langsam zuckelte der Volkswagen ein paar Meter vorwärts. Die Sonne schien stärker durch die Scheiben, es war stickig im Auto. Die Mutter legte die Summe für die Maut bereit, ein kurzes Gespräch mit dem Beamten, während er dem Vater das Wechselgeld in die Hand zählte, dann fuhren sie weiter.

Der Junge entspannte sich, ab Schönberg kam ihm die Fahrt meist angenehmer vor. Er zählte die Häuser, die an den Fensterscheiben vorbeizogen, dann wieder die Autos aus Deutschland und Holland, von denen sie überholt wurden. Der Vater war ein kontrollierter Autofahrer, er fuhr ruhig und gleichmäßig. Der Junge sah in die Täler hinein, an denen sie vorbeifuhren, und fragte nach ihren Namen. Die Mutter kannte nicht nur die Täler, sondern auch die dazugehörigen Berge und Gipfel. Wie ein Buch las sie die Landschaft und der Vater nickte dazu. Der Junge vergaß die Namen der Gipfel und Talschaften, sobald die Mutter sie ausgesprochen hatte, aber er bewunderte sie dafür, dass sie alle Namen kannte. Er überlegte, ob er später einmal, wenn er erwachsen wäre, die ganzen Namen ebenso selbstverständlich vor sich hinsagen könnte, wunderte sich, an was alles man sich erinnern konnte. Für ihn war das ein Merkmal der Erwachsenen, Dinge zu wissen, Bescheid geben zu können. Es war ihm ein Rätsel und er fragte sich, ob er dann – selbst erwachsen – dieses ganze Wissen überhaupt haben wollte. Er entschied sich im Stillen eher dagegen. Er war zufrieden damit, ein Kind zu sein, und wenn möglich wollte er das bis über das Erwachsenenalter hinaus auch bleiben.

„Vergiss nicht, wir müssen noch wechseln“, sagte die Mutter und sortierte bereits die Scheine in ihrer Geldtasche. Der Vater nickte und fuhr den Wagen kurze Zeit später auf die Raststätte kurz vor der Grenze, wo eine kleine Wechselstube war. Vater und Sohn warteten im Auto. Der Junge las in der Auslage der Wechselstube den aktuellen Kurs für Lire und Schilling, konnte sich aber darunter nichts vorstellen. In Italien zahlte man mit Lire, in Österreich mit Schillingen, so war das eben. Da gab es für den Jungen nicht viel zu verstehen.

Und doch bemerkte er, dass sich der Kurs veränderte. Vor einiger Zeit waren tausend Lire noch zehn Schilling, das war einfach zu rechnen gewesen. Jetzt stand der Kurs bei sieben Schillingen, was der Junge unangenehm fand. Das sagte er auch dem Vater, während sie auf die Mutter warteten, der lachte, als ob der Junge etwas Dummes gesagt hätte. Dann fuhren sie weiter.

Der Junge war nun hellwach, seine Erregung steigerte sich, je näher sie der Grenze kamen. Ein Ausflug auf den Brenner bedeutete immer auch, dass er eine besondere Süßigkeit bekam, etwas, das es nur in Italien gab. Es war wie ein Ritual, die Ausflüge waren immer auch verbunden mit Leckereien. Alle drei dachten an gewisse Dinge, die sie kaufen würden, die Erregung des Jungen gehörte zur Vorfreude dazu.

Der Junge dachte an Türkischen Honig und den Spielzeugladen in Sterzing, die Mutter an die italienische Mode, die hier um so vieles schicker und günstiger war als in Innsbruck; vielleicht dachte sie auch an die Äpfel, die sie kistchenweise kaufen würden. Der Vater dachte an den Wein und das Ölbrot, das es nur hier gab, den italienischen Käse, den Schinken, prosciutto crudo.

Der Wagen reihte sich wieder in eine Schlange ein, gleich nach dem Brennersee und den ersten Gebäuden kamen die Zollhäuschen, standen als flache Köpfe in der Landschaft, zwei Schlagbäume, Zöllner in Uniform. Die Österreicher winkten den Volkswagen durch, dann kam nach ein paar Metern die Grenze. Die Mutter legte die Pässe bereit und fuhr mit den Fingerkuppen über das Kunstleder der Schutzhüllen. Aber auch hier nur ein kurzer Blick in das Wageninnere, dann waren sie in Italien. Der Junge drückte seine Nase an die Fensterscheibe und sah neugierig hinaus. Auf einem Schild stand Alto Adige.

„Warum steht da ein anderer Name?“, fragte er nach vorn. „Das ist doch Südtirol.“

Die Mutter tat, als hätte sie die Frage überhört. Der Vater zuckte leicht mit den Schultern.

Lukas hüpfte die Straße entlang, immer abwechselnd auf einem Bein zwei Schritte, dann landete er wieder breit auf zwei Beinen, wie bei dem Steinchenspiel, das die Mädchen im Hof trieben. Er beobachtete sie auch manchmal, wie sie Reimlieder singend seilhüpften. Gerne wäre er so manches Mal mitgesprungen, doch seine Kameraden zogen ihn meistens am Ärmel fort. Diese Mädchenspiele waren nichts für echte Buben, die rennen und fluchen, Steine werfen und raufen mussten. Wenn es harmlos war, spielten sie Fußball. Keine soziale Durchlässigkeit, da waren die Hofhierarchien streng.

Sein Weg führte den Jungen die Straße seines Wohnblocks entlang, vorbei am Gasthaus an der Ecke, dem Blumenladen und dem Frisör und an ein paar anderen Geschäften, bis hin zur Trafik am Ende der Straße. Dem Jungen knisterte der grüne Schein in der Hand, er sollte für seine Mutter zwei Päckchen Zigaretten besorgen, als Geschenk für die Tante. Er ging die schlichten vierstöckigen Gebäude entlang, Sozialbauten aus den Fünfziger-, vielleicht Sechzi-gerjahren, die im Erdgeschoß Ladenlokale hatten, davor breite Gehsteige und kleine Wiesen. Schräg gegenüber lag die neue Pradler Kirche, ein schmuckloser Bau der Sechzigerjahre. Rund um die Kirche duckten sich die niedrigeren Wohnblöcke flach weg, zwei Ebenen – Parterre und ein Stockwerk – kleine Wohnungen, weder Gärten noch Balkone. Das waren die Umsiedlerhäuser der Südtirol-Optanten, die sich 1939 für Österreich entschieden hatten. Es waren Blöcke der Neuen Heimat, wie die Siedlungen hießen.

Komischer Name, dachte Lukas, was war denn eine alte Heimat? Und überhaupt, kann man eine Heimat einfach so bauen? Standardplanung nach Vorgabe, eine sozialistische Errungenschaft, Masterplan der Gleichmachung, um dem – wohnungsmäßigen – Elend der unteren Schichten endlich abzuhelfen. Wer gut wohnt, wird auch glücklich. Egal, ob er weiterhin zwölf Stunden am Tag arbeiten muss. Dabei waren diese kleinen Häuserreihen ja hübsch, einstöckig, wer konnte sich so etwas ausdenken? Vier Parteien in einem Haus, was für eine Platzverschwendung. Da können es so viele Aussiedler ja nicht gewesen sein, die da eine neue Heimat gesucht haben. Muss die alte Heimat dann doch gut genug gewesen sein. Ganz anders lagen da die großen Wohnblöcke der Reichenau, die Wohnsilos und Hochhäuser, in der Landschaft. Schwer wie Felsbrocken und unappetitlich in ihrer Betonpracht, Bausünden, sagten die Zeitungen, Wohnslums in Nachfolge des ehemaligen Barackenviertels, das die Reichenau nach dem Krieg war. Nach dem Arbeitslager der Nationalsozialisten, nach dem Kleinflughafen für Sportflugzeuge. Nach dem Sumpfgebiet? Die Geschichte der Reichenau las sich wie ein Austreiben des Teufels mithilfe des Beelzebubs, Pest anstelle der Cholera.

Dabei machte der soziale Wohnbau zu seiner Zeit durchaus Sinn. Lukas hatte den Satz seines Vaters im Ohr. Die Erzählungen aus seiner Kindheit, bescheidene Verhältnisse, kleine Wohnungen, Kälte im Winter, zugige Fenster, Enge. Meist waren es Erzählungen von der Kindheit der Großeltern gewesen. Als ob die Geschichte eine hierarchische Angelegenheit wäre. Von den Großeltern zu den Eltern zu den Kindern, es konnte immer nur besser werden. Und natürlich der Krieg, der lange Schatten im Hintergrund, den sich heute niemand mehr vorstellen konnte. Nicht einmal der Vater. Die Sozialbauten waren dann aber etwas Besonderes, modern, hell, warm. Endlich große Räume, keine Enge mehr, auch wenn man keine Möbel besaß, um den vielen Platz zu füllen. Die Tante war glücklich, als sie ihre Wohnung im Olympischen Dorf bekommen hat. Das muss man sich vorstellen, so der Vater, die hat bei ihren Eltern ihr halbes Leben auf dem Kanapee in der Küche schlafen müssen, weil die Eltern nur zwei Räume hatten in ihrer Wohnung. Sie war die Älteste, die kleineren Kinder schliefen bei den Eltern.

Das sind die zwei Dinge, die in den Erzählungen immer gleich bleiben, die Mär von der harten Kindheit und die Bedeutung der Olympischen Spiele. Die Tante bekam ihre Wohnung ja nicht in der Reichenau, sondern im Olympischen Dorf. Das war der Fortschritt. Innsbruck war für einen kurzen Moment der Nabel der Welt, geblieben sind der Stadt davon Schulden für ein halbes Jahrhundert und der soziale Wohnbau.

Hauptsache, die Tante war glücklich, und vielleicht überlegte sie damals tatsächlich, sich zur Einheitswohnung auch noch die Einheitsmöbel anzuschaffen, welche die Architekten der Regierung in Wien passgenau für die Einheitsformen des modernen Wohnbaus in den staatsnahen Betrieben fertigen ließen. Von der Idee her war das Ikea für das gemeine Volk, das in seinen maßgefertigten Küchen Schnitzel aus dem Konsum briet für den Hauptschulnachwuchs, der darauf wartete, bei den Verkehrsbetrieben für Bahn oder Bus in die Lehre gehen zu können. Das ist ein Sozialismus, den man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, so die Tante. So war die Sozialdemokratie, so der Vater. Wobei bei uns die Kinder nicht zu den Verkehrsbetrieben gegangen sind, sondern zur Krankenkassa.

Lukas wollte sich das auch gar nicht vorstellen, so weit reichte sein Vorstellungsvermögen nicht.

Eine Kindheit in dieser Zeit. Wer weiß heute noch, was das bedeutete? Man kann so eine Kindheit nur in Bilder fassen. Schlaglichter, mehr oder weniger schemenhaft, konturlos. Einzelne Farben, wie auf vergilbten Fotografien, die gezackten Ränder zerschlissen, sprödes Licht, die Zellophanierung löst sich an manchen Stellen. Nicht weil man die Fotos oft betrachtet hätte, das hat alles qualitative Gründe. Erinnerungen an eine Kindheit in Qualitäten.

Von den Fotos zum Film. Urlaubserinnerungen auf Super 8, eine Kindheit im Süden, ehemaliges Jugoslawien, irgendwo zwischen Rijeka und der Insel Krk, Italien, vor allem Italien. Bibione, Cervia, Punta Sabbioni, Jesolo, vor allem Jesolo. Flirrende Erregung vor dem Aufbruch. Das Auto ist bereits am Vorabend der Reise bis oben hin voll, die Tage davor sind ausgefüllt mit kindlicher Ungeduld.

Wann fahren wir in Urlaub, wann fahren wir in Urlaub, wann fahren wir in Urlaub? Auch eine dreimal gestellte Frage bringt den Augenblick der Abfahrt nicht eher.

Dann der Versuch, am Tag der Abreise nicht einzuschlafen. Wachbleiben um jeden Preis. Die Müdigkeit bezwingen. Die Angst, etwas zu verpassen. Dann doch der Schlaf und wieder nicht bemerkt, wie der Vater das schlafende Kind mitten in der Nacht ins Auto trägt. Die Nachtfahrten nach Italien, des Verkehrs, der Hitze wegen. Beim Aufwachen schon fast am Ziel. Die warme Luft, der Geruch von Süden, keine Berge mehr. Wann sind wir endlich da?

Eine Woche pauschal in einem beliebigen Hotel, davor der Strand. Dicht an dicht die Hotelburgen, dahinter die Einkaufsstraße mit verschiedenen Läden, Restaurants, Bars, eine Apotheke. Farmacia leuchtet die grüne Blinktafel. Schon wieder die Reiseapotheke vergessen.

Zur Person

Bernd Schuchter

Geboren: 1977 in Innsbruck

Ausbildung: Studium Germanistik, Geschichte und Philosophie

Laufbahn: Herausgeber, Autor, Literaturkritiker, Literaturvermittler, Publikationen: „Meretlein“, „Jene Dinger“, „Link und Lerke“

Familie: verheiratet, zwei Kinder

Wohnort: Innsbruck, zuvor Hohenems

Bernd Schuchter: „Föhntage“, Verlag Braumüller, 180 Seiten, erscheint am 4. September

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