Ein treuherziger Müllerbursche

Kultur / 31.08.2014 • 22:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Hagen Quartett ist seit 1985 ein allseits verehrter Fixpunkt des Festivals. Foto: Schubertiade  
Das Hagen Quartett ist seit 1985 ein allseits verehrter Fixpunkt des Festivals. Foto: Schubertiade  

Tenor Bruns debütierte mit Schuberts Zyklus, das Hagen Quartett bot Top-Qualität.

SCHWARZENBERG. Es geschieht selten bei der Schubertiade, und ist schon ein Vertrauensvorschuss für einen Künstler, wenn er bei seinem Debüt gleich mit einem der großen Schubert-Zyklen betraut wird. Dieses Privileg wurde nun dem aus Hannover gebürtigen lyrischen Tenor Benjamin Bruns zuteil, der mit einer sehr feinsinnig ausgeloteten „Schönen Müllerin“ beeindruckte.

Er begann als Altsolist im Knabenchor, sang den Steuermann im „Holländer“ in Bayreuth und den Tamino in der „Zauberflöte“ in Wien, ist in Alter Musik und der Oratorienliteratur bewandert. Diesen Erfahrungen verdankt Bruns seine wunderbare Sangeskultur, die ihn stimmlich zum idealen Müllerburschen macht. Doch auch inhaltlich zeichnet er glaubhaft des Müllers Psychogramm nach, wie er aus naiver Treuherzigkeit nach enttäuschter Liebe im vertrauten Bächlein endet. Der Beginn ist noch etwas vorsichtig verhalten. Dazu passt auch ein Notenpult auf der Bühne, das nichts Gutes ahnen lässt. Doch Bruns klebt nicht an der Vorlage, die für ihn nur eine Art Sicherheitsnetz bildet. Er gestaltet die Lieder zunehmend freier und gegen Ende mit solcher Intensität, dass man sich in seiner Seelenpein mitleidend wiederfindet.

Einhellige Zustimmung

Mit dem großartig mitgestaltenden Gerold Huber am Klavier ist er eins, sich in ruhigen Tempi Zeit zu lassen, um Details auszukosten. Seine imponierend entwickelte, geschmeidige Stimme verfügt über einen großen Nuancenreichtum, vom zaghaften „Morgengruß“ über das kraftvoll aufbegehrende „Mein!“ bis zum resignierenden „Des Baches Wiegenlied“. Dass mittendrin Applaus einsetzt, weil das Lied „Pause“ mit einer solchen verwechselt wird, zeigt, dass das kompetente Schubertiade-Publikum diesmal mit genre-fremden Zuhörern durchsetzt ist. Am Schluss dann einhellige Zustimmung.

Wenn nächstes Jahr die 40. Schubertiade gefeiert wird, erinnert man sich bestimmt ihrer Anfänge. Hermann Prey wollte in Hohenems Schuberts Gesamtwerk in „gemischten Programmen“ chronologisch aufführen, was sich als undurchführbar erwies. Etwas von dieser Idee bietet am Samstag die Matinee mit dem Hagen Quartett, seit 1985 allseits verehrter Fixpunkt des Festivals, und dem seit 2011 hier tätigen russischen Pianisten Kirill Gerstein. Die Hagens eröffnen in ihrem berühmten silbrigen, gut geerdeten Klang und in natürlichen Fluss mit dem ersten von Mozarts späten Preußischen Quartetten. Eine schöne Aufgabe speziell für Clemens Hagen, der den exponierten Part des cellospielenden Preußenkönigs elegant ausziert.

Verrücktes Virtuosenfutter

Dann ein Klaviersolo, zwei Mal 14 Variationen von Johannes Brahms über das a-Moll-Thema aus Paganinis Capriccio – ein Stück verrücktes Virtuosenfutter, gespickt mit allen denkbaren pianistischen Finessen, in musikalischer Hinsicht freilich bloßes Geklingel ohne Tiefgang. Gerstein macht das Beste daraus, betont mit großer Treffsicherheit die äußerliche Brillanz des Stückes. Und dem Publikum gefällt’s. Dass dieser bei uns wenig bekannte junge Pianist außer seiner Technik auch noch anderes zu bieten hat, beweist er im gemeinsamen einzigen Klavierquintett von Brahms. In diesem opulenten, sinfonisch angelegten Werk, fast ein viersätziges Klavierkonzert, fügt sich Gerstein selbstbewusst, als spannender Kontrapunkt in den dicht gearbeiteten, schwelgerischen Streichersatz ein. Das hochkarätige kammermusikalische Ereignis wird lange beklatscht und diskutiert.

Hörfunkwiedergabe Liederabend Bruns: 15. September, 10.05 Uhr, Ö1

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