In höchster Verzückung nah vor dem Abgrund

Kultur / 28.09.2014 • 20:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Laura Mitzkus als Titania und Stephan Bieker als Zettel.
Laura Mitzkus als Titania und Stephan Bieker als Zettel.

Landestheater spült Shakespeares Komödie bis zum Gefahrenbereich durch.

Christa Dietrich

Bregenz. Einen Spülgang mehr und wir hätten mehr Kitsch als Kunst. Aber das weiß Alexander Kubelka, Intendant des Vorarlberger Landestheaters, der bei der ersten großen Premiere der Saison nicht nur Regie führte, sondern auch ein himmelblau-weißes Bühnenbild entwarf, das das Fantastische und das erzählerisch Reale – die beiden Ebenen in „Ein Sommernachtstraum“ – exzellent ins Bild bzw. ins Kornmarkttheater holt.

Hatte er nicht einmal verlautbart, die berühmte, gut 400 Jahre alte Komödie gar im Freien spielen zu wollen? Dass ein Seeufer ein passables Podium für die zentralen psychologischen Vorgänge böte, die sich hier im nächtlichen Wald von Athen offenbaren, steht außer Frage. Wo kein Wasser ist, muss eines her und Kubelka störte sich auch nicht daran, dass die Idee keinesfalls neu ist, dass beispielsweise ein dem „Sommernachtstraum“ durchaus nahe stehendes Shakespeare-Stück, nämlich „Romeo und Julia“, bei der jüngsten Neuinszenierung im Wiener Burgtheater schon sehr nass daherkam.

Anziehungskraft

Junge Menschen ins Becken zu schicken, hat nicht nur einen läuternden, sondern auch einen erotischen Effekt. Um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, Plakatives geschaffen zu haben, verlangt er seinen Schauspielern akrobatische Leistungen in zweierlei Hinsicht ab. Das Plantschen sowie das Beklettern eines Baumes, der sich über dem die Bühne so gut wie umfassenden Wasserbecken hebt und senkt hat beinahe so rasch zu erfolgen wie der Wechsel der Gemütsstimmungen. Warum Hermia Lysander bei ihm am Ende gar nicht mehr so begehrenswert findet und wieso Helena dann doch nicht glücklich ist, obwohl Demetrius ihr dank Zauberkraft nachstellt, das erklärt uns Kubelka nicht, er lässt es uns aber erahnen und erzeugt damit Spannung. Dass erfüllte Begierden ihren Reiz verlieren, hätte er nicht so deutlich zeigen müssen, erfährt der dreistündige Abend dadurch doch einige Leerläufe, die auch nicht damit aufzufangen sind, dass sich die gegängelten Frauen inklusive Titania stärker zeigen, als das gemeinhin auch bei zeitgemäßen Interpretationen von Shakespeares Spiel um die Anziehungskraft zwischen Mann und Weib der Fall ist.

Ankerpunkt

Im Allgemeinen bietet Puck Gelegenheit, derlei Lücken aufzufüllen. Im biederen Hausmeister-Kittel verkommt der Kobold hier allerdings zum dienenden Nebendarsteller, dem es zudem an sprachlicher Durchschlagskraft fehlt, die das Schelmenhafte, das Michael Stange immerhin an den Tag legt, nicht wettmacht. Gut, dass es mit Adelheid Bräu einen Elf mit viel trockenem Humor gibt und mit Stephan Bieker einen Zettel, der mit sprühendem Witz und elegant dosierter Naivität den Fix- und Ankerpunkt ausmacht, den ein solcher Abend auf jeden Fall braucht.

Das Reich der Freiheit, dessen angeblich mögliche Erkundung im Programmheft beschworen wird, ist nämlich ein großer Raum, in dem sich eine Inszenierung rasch verlieren kann. Schwebende Luftballons mögen schön anzuschauen sein, sind in der Vielzahl aber kein probates Mittel zum Festhalten. Nach der Pause hatten sich die Reihen am Samstagabend etwas gelichtet. Schade, der Auftritt der Handwerker mit dem Stück „Pyramus und Thisbe“, der (ich gebe es zu) bei der x-ten Begegnung mit einer „Sommernachtstraum“-Realisierung mit Skepsis erwartet wird, zählte zum Besten. Gefolgt von vielen kräftigen, verzückenden Momenten, die Martin Brachvogel (Oberon), Laura Mitzkus (Titania),  Alexandra Maria Nutz (Hermia), Steffi Staltmeier (Helena) Sebastian Jacobi (Demetrius) und Nico Ehrenteit (Lysander) erzeugten, die auch die Musik von Viz Michael Kremietz vor dem Abgrund bewahrte.

Nico Ehrenteit und Alexandra Maria Nutz. Fotos: VN/Steurer
Nico Ehrenteit und Alexandra Maria Nutz. Fotos: VN/Steurer

Weitere Aufführungen im Großen Haus am Kornmarkt bis 22. November. Dauer: gut drei Stunden, eine Pause: www.landestheater.org