Mit dem probaten Gegenmittel

Kultur / 07.11.2014 • 22:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Premiere von „Angst“, aufgeführt vom Theaterclub 30+, fand gestern Abend in Bregenz statt.  Foto: LT/Köhler
Die Premiere von „Angst“, aufgeführt vom Theaterclub 30+, fand gestern Abend in Bregenz statt. Foto: LT/Köhler

Der neue Theaterclub 30+ tritt mit „Angst“, aber relativ furchtlos in den Ring.

Christa Dietrich

Bregenz. Angst ist bekanntermaßen ein sehr schlechter Ratgeber, ein gewisses Maß an Lampenfieber erhöht jedoch die Konzentration und Aufmerksamkeit. Dass es bei einem Quäntchen bleibt, dafür hat Marcus Harms gesorgt, der als Regisseur neben der Theaterpädagogin Nina Kogler jenes Grüppchen von Menschen betreut und schult, das als „Club 30+“ des Vorarlberger Landestheaters gestern Abend erstmals an die Öffentlichkeit trat. Architekten sind ebenso dabei wie Lehrer, man übt verschiedene Berufe aus, aber jedenfalls nicht den eines Schauspielers.

Man trifft sich seit gut einem Jahr, hat gerade erst das vorgegebene Alter erreicht oder steht knapp vor der Beendigung der Berufslaufbahn und hat sich offenbar furchtlos auf  „Angst“ des deutschen Autors Jürgen Neff geeinigt, der vor Jahren mit dem nicht weniger unter die Haut gehenden Werk „Schwitzkasten“ Furore machte. Es ist kein Text, der die Möglichkeit bietet, mit Action etwaig fehlende Sattelfestigkeit zu übertünchen. Nein, es ist ein echtes Abenteuer und als solches war es 90 Minuten lang auch niemals ungefährlich.

Definierbar oder nicht

Jedenfalls war die Gewissheit, den Rest des gestrigen Abends nicht allein verbringen zu müssen, für den einen oder anderen Besucher im Kleinen Haus am Bregenzer Kornmarkt doch einigermaßen beruhigend. Die stoische Furchtlosigkeit, die eine Figur von Jürgen Neff eitel vor sich herträgt, ist nicht jedem gegeben. Vieles, das uns hier vergegenwärtigt wird, macht uns tatsächlich Angst. Die Zukunft, das Undefinierbare, die Existenz selbst, kulturelle Phänomene, mit denen die Unterhaltungsindustrie Millionen verdient und auch jenes, das so erklärbar ist wie die wohl jedem bekannten Schmerzen, die eine Zahnbehandlung verursacht, und die allein schon vom Geräusch eines Bohrers ausgelöst werden. Und möge das Risiko inzwischen auch noch so gering sein, erschreckt uns die Vorstellung, aus einer Narkose nicht mehr aufzuwachen. Sadisten lassen sich damit auf den Plan rufen und die dürfen auch hier auftreten und mit hinterhältigem, aber höchst gekonntem Grinsen sich an der Zustimmung des Publikums laben.

Hoher Schwierigkeitsgrad

Andrea Schwabl, Andrea Streibl, Anja Schulze, Catherine Depuis, Christina Gasser, Christine Rinner, Dalibor Nikolic, Ernst Walser, Eva Diem, Maria Pereira-Carneiro, Mario Levstok und Sabrina Kargl haben es sich verdient, dass sich die Premierenbesucher einem absolut definierbaren Schmerz aussetzten, dem nämlich, der heftiges Applaudieren auslöst.

Warum? Man hätte es einfacher haben können. Im Landestheater, in dem Kinder ab zehn Jahren betreut werden und eigene Texte (etwa für einen Museumsrundgang) so gestalten und wiedergeben, dass man aus dem Staunen kaum noch herauskommt, wo sich Jugendliche schon als wahre Talente erwiesen und Partien übernommen haben, die den ganzen Abend tragen, scheuen auch die Erwachsenen keine Herausforderung. Und das, obwohl es sich bei den Teilnehmern offenbar nicht um Theaterbegeisterte handelt, die bereits bei den einschlägigen Amateurgruppen des Landes Erfahrungen gesammelt  haben. Der Schwierigkeitsgrad bei der Bewältigung dieser „Angst“ ist hoch. Das Stück besteht aus lauter Einzelszenen, die zackig durchgespielt werden wie die Operationsszene, die Auseinandersetzung mit einem Alien oder die Anleitungen zur Überwindung von Flugangst oder Klaustrophobie. Es besteht aber auch aus einer Reihe von Monologen, die auch Profi-Schauspielern einiges Kopfzerbrechen bereiten. Amateuren sind sie nur zuzumuten, wenn man sich ihrer Bühnenpräsenz sicher sein kann bzw. wenn man sie zu solcher motiviert.

Und so haben wir es dem „Club 30+“ des Landestheaters auch zu verdanken, dass sich ein breites Publikum mit jenen auch in aufgeklärten Zeiten auftauchenden irrationalen Ängsten auseinandersetzt, aus denen Populisten Kapital schlagen. Die Szene über die Fremdenangst mit der Pointe „Wir lieben das Fremde in der Fremde“ zählt zum Besten, was die  „profimäßig“ aufgestockte Amateurszene des Landes überhaupt zu bieten hat.

Weitere Aufführungen des Stücks finden am 8. und 12. November, jeweils 19.30 Uhr, im Kleinen Haus am Kornmarkt statt. Dauer: 90 Minuten