Der Große Bruder ist an beiden Ufern des Bodensees wieder hörbar aktuell

Kultur / 11.11.2014 • 18:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ines Hollinger und Thomas Fritz Jung in den Fängen totalitärer Sicherheitsmaßnahmen. Foto: Theater/Ilja Mess  
Ines Hollinger und Thomas Fritz Jung in den Fängen totalitärer Sicherheitsmaßnahmen. Foto: Theater/Ilja Mess  

Auf dieser Seite wird Orwell neu interpretiert, auf jener wird anders  überwacht.

Christa Dietrich

Konstanz. Nach 9/11 war vieles nicht mehr so, wie es einmal war. Vor allem wurden Eingriffe in Bürgerrechte, gegen die man sich zuvor strikt zur Wehr gesetzt hätte, auch in der westlichen Welt wieder weitgehend akzeptiert. Die Gefahr, die man damit bannen wollte, kehrte somit zum Teil in anderer Form zurück. Der kanadische Autor und Journalist Tim Carlson hat diesen und anderen Mechanismen der Überwachung ein Stück gewidmet.

„Allwissen“, 2004 in Vancouver uraufgeführt, aktualisiert und überhöht die Bespitzelung, die wir im Grunde genommen auch von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts kennen, denn die vier handelnden Personen agieren allesamt für oder in einem Informationskonzern. Schon der Titel „Channel One“ lässt keinen Zweifel daran, dass es in einer Medienmonokultur nur diesen Gott geben darf. Wer ausschert, wird verfolgt bzw. vernichtet.

Widersprüchliches Amerika

Sich in der Sicherheit zu wiegen, dass das Theater Konstanz, wo „Allwissen“ nun im Rahmen einer Spielzeit, in der das Widersprüchliche in Amerika (und auch in Europa) im Mittelpunkt steht, nur einen Science-Fiction-Thriller bietet, erweist sich rasch als Trugschluss. Die Vorgesetzten wollen nur das Beste für Mitarbeiter und Staat und säuseln die Verheißungen im schönsten Werbedeutsch. Regisseurin Johanna Wehner überdreht diesen Effekt so weit, dass sich im Vergleich zur Veteranin, die nach einer Säuberungsaktion, in der sie Menschen getötet hatte, als psychisches Wrack zurückkehrt, ein etwas banaler Kontrast ergibt. Andererseits korrespondieren diese Bilder auf der nur aus Gerüsten bestehenden Bühne von Cedric Kraus bestens mit einer Sprache, die über Business und User auch in unseren Alltag schwappt und sich dort breiter macht, als es nicht nur den Verfechtern von ganzen Sätzen lieb ist. Vielleicht ist es gerade die Stärke dieses Stücks, uns mit derlei schleichender Veränderung zu konfrontieren, zeigen Carlson und seine Übersetzerin Barbara Christ derlei Deformierungen doch nicht kabarettistisch plakativ, sondern äußerst feingliedrig auf. Die junge Ines Hollinger (als Ex-Soldatin Anna) hat wenig Mühe damit und zeigt überhaupt begeisternde Präsenz, während Thomas Fritz Jung (als Cutter) durch den Abend strauchelt. Eine lohnende Begegnung ist „Allwissen“ allemal.

„1984“

Interessant ist auch, dass sich das Vorarlberger Landestheater in dieser Spielzeit sozusagen dem Urvater solcher Stücke widmet. Orwells „1984“ wird für die Premiere im März kommenden Jahres von Bernd Liepold-Mosser bearbeitet. Der Überwachungsstaat ist somit auch auf dieser Seite des Bodensees ein Thema. Im Westen bzw. in Konstanz sticht beispielsweise noch „Christoph Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas“ von Walter Hasenclever und Kurt Tucholsky als demnächst zu erwartender besonderer Beitrag zur politischen Lage ins Auge.

Weitere Aufführungen: Stadt­theater Konstanz ab 19. November bis 9. Dezember. www.theaterkonstanz.de, Dauer: ca. 90 Minuten