Vom Wangenknochen nach links . . .

Kultur / 14.11.2014 • 18:53 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
. . . dort hat Isabella Jonas einen Kuss gegeben.  Foto: dpa
. . . dort hat Isabella Jonas einen Kuss gegeben. Foto: dpa

Isabella sitzt in der Küche. Auf dem Esstisch liegt ein Kalender, die Donnerstage sind rot umrahmt. Isabella wippt mit dem Stuhl vor und zurück. Sie trinkt zu viel Wasser auf einmal, man hört ihre Schluckgeräusche; sie fährt mit den Lippen über den Wasserglasrand.

Jonas kommt aus seinem Zimmer, in der Hand hält er den kleinen, schwarzen Koffer, der groß genug für ihn ist. Jonas hat nicht viele Sachen.

„Wirst du mich anrufen, wenn du zurück bist?“, fragt Isabella. Jonas geht zu Isabella, sein Gang ist schlurfend, er macht zu große Schritte, zieht den Körper hinterher. Jonas legt Isabella eine Hand auf den Rücken, er spürt keinen Gegendruck. Im Fenster beißt sich Isabella auf die Lippen.

„Wirst du mich anrufen?“, fragt sie. „Wenn ich zurück komme, ja.“ Isabella schaut Jonas im Fenster an. Jonas schaut auf den Boden.

Sie stehen im Regen an der Haltestelle. Der Bus hat Verspätung. Jonas starrt auf sein Handgelenk, er trägt keine Armbanduhr. „Der Bus kommt immer zu spät“, sagt Isabella. Sie raucht eine Zigarette, bietet Jonas eine an. Jonas lächelt. Der Regen prasselt gegen die Bushaltestelle. „Ich komme zu spät zum Tanzen. Argentinischer Tango“, sagt Jonas, er macht eine Pause zwischen Argentinischer und Tango und breitet die Pause vor Isabella aus. „Morgen Abend habe ich eine Aufführung.“

Der Bus kommt. Die Scheinwerfer stechen den beiden in die Augen. Isabella legt den Kopf in den Nacken, die Gedanken rutschen zur Seite. Sie kann sie nicht ordnen, die Gedanken liegen quer übereinander, alle haben die gleiche Farbe – ein verwaschenes Rosarot. Manche sind mit Klebstoff aneinander gepresst. Isabella hustet. „Ich komme gern.“ Jonas lächelt. Beide schauen auf die Straße.

Es ist zwei Uhr nachts. Isabellas Wohnung liegt im dritten Stock. Im Wohnzimmer brennt Licht. Ansonsten ist der Hausblock schwarz. Isabellas Auto ist rot, sie macht das Radio an.

„Du musst nur dreimal umsteigen“, sagt sie. „Mhm.“

Es regnet. Die Regentropfen werden vom Gegenwind an den Scheiben entlang gedrückt. Jonas lehnt den Kopf gegen die kalte Scheibe. „Ich könnte einmal zu einer Vorstellung kommen.“ „Ja, könntest du.“ Isabella schaut auf die Straße. Jonas schaut auf seine Schuhe.

Die Sitze im Saal sind rot und weich. Das Licht auf der Bühne ist blau, der übersetzte Text erscheint auf einer großen Tafel. Isabella sitzt in der ersten Reihe. Sie schlägt die Beine übereinander, wechselt die Beine immer ab. Rechts, links, rechts. Bis Jonas auf die Bühne kommt, hat sie die Beine sieben Mal abgewechselt. Sie weiß nicht, ob er gut tanzt. Sie versteht nichts vom Tango. Jonas sieht sie kein einziges Mal an. Wahrscheinlich tanzt er gut. Isabella schläft kurz vor der zweiten Pause ein.

„Hat es dir gefallen“, fragt Jonas. Isabella zuckt die Schultern, sagt: „Ja“. Sie lächelt und das ist Jonas genug. Er lächelt zurück.

„Du könntest den späteren Zug nehmen, es hat doch keine Eile“, sagt Isabella. Die Straße ist nass. Es hat aufgehört zu regnen. Jonas trommelt mit den Fingern gegen die Scheibe. „Vielleicht.“ Isabella wiegt den Kopf hin und her. Isabella ist eine gute Hausfrau für Gedanken. Sie wäscht einmal die Woche die schmutzigen Gedanken, bügelt sie und legt sie in den Kleiderschrank zurück. Die Gedanken liegen gewaschen, gebügelt und gefaltet in ihrem Kopf. „Vielleicht wirst du in Argentinien eine Frau kennen lernen, eine, die tanzen kann. Sie wird ein rotes Kleid tragen.“

Isabella fallen die Gedanken beim Auffalten oft aus den Händen und beim Gebrauch sind sie zerknittert. Jonas schaut sie aus den Augenwinkeln an. Isabella spürt seinen Blick an ihrer Wange, sie schüttelt den Kopf. „Tut mir Leid, das war blöd.“ Isabella schaut auf die Straße. Jonas schaut aus dem Fenster. Isabella erwärmt Milch auf dem Herd. Sie schaltet die Temperatur höher. Jonas sitzt im Wohnzimmer. Im Fernseher läuft ein Zeichentrickfilm.

„Liebst du mich“, fragt er. „Sehr. Ich liebe dich sehr.“ Isabella trägt zwei Tassen mit heißer Milch auf einem Tablett ins Wohnzimmer. „Wie sehr?“

Isabella legt Jonas von hinten die Hände auf den Bauch. Sie drückt ihr Kinn an seine Schulter. „Wie sehr? So sehr, dass du für mich Tanzen lernen würdest?“ „So sehr.“ Jonas lächelt. Isabella lächelt zurück. „Neid“, sagt Isabella, „ist eine Nadel, die in die Haut sticht, die sie zersticht.“

Sie dreht das Radio leiser, sie kennt das Lied nicht, die Töne ziehen den nächsten hinterher. Es ist ein träges Lied.

„Wenigstens nur die Haut“, murmelt Jonas, „danach ist die Nadel ja zu stumpf“

Isabellas schwitzt an den Handflächen, am Lenkrad bleiben nasse Abdrücke zurück, wo sie die Hände hinlegt.

„Für alles darunter braucht es keine Nadel, schon gar keine spitze, da reicht Zugluft“, sagt sie, sie schaut auf die Straße. Jonas schaut auf seine Hände.

Am Mittwoch besucht Isabella einen Tanzkurs. Sie zieht ein Kleid an, das einzige im Schrank. Es ist gelb. Am Wochenende schaut Isabella Tanzfilme und Musicals an. Isabella versucht sich die Schritte zu merken. Am Montag kommt Jonas zum Tango tanzen vorbei. Isabella kommt durcheinander. „Die Arme müssen etwas anderes tun als die Füße“, sagt Jonas, „schau – so geht das!“

Isabella hat Telleraugen, sie kneift sie zusammen, sie sehen aus wie ovale Glasschälchen für Nachspeisen. Jonas mag nichts Süßes.

„Du brauchst keinen Tango tanzen, das Tanzen liegt dir nicht, lass es sein“, sagt er.

„Wirst du mich anrufen, wenn du zurück bist?“, fragt Isabella. Sie parkt das Auto vor dem Bahnhof. Auf dem Bahngleis 3 steht niemand. Jonas beißt sich auf die Unterlippe.

Am Bahnhof kauft Jonas eine Fahrkarte. Sie ist rosa, so wie Isabellas Gedanken. Jetzt hat er etwas von mir bei sich, denkt Isabella. Sie weiß nicht, dass Jonas die Fahrkarte beim ersten Umsteigen schon verliert.

„Ruf mich an“, sagt Isabella, als Jonas Zug aufgerufen wird. Sie beugt sich zu ihm, um ihn zu küssen. Der Kuss verrutscht ein wenig in die Nähe des Wangenknochens. Jonas streicht sich flüchtig mit dem Handgelenk über die Wange. „Wenn ich zurück komme, ja, dann rufe ich an.“ Er lächelt nicht.

Zur Person

Nadja Spiegel

Geboren: 1992 in Dornbirn

Ausbildung: Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Uni Wien.

Publikationen: „manchmal lüge ich und manchmal nicht“

Bühnenstücke: Uraufführung „Kilometerfressen macht auch nicht satt“ im Theater Kosmos in Bregenz

Preise: u. a. Literaturstipendium des Landes Vorarlberg