Wie man spielt und spricht, lebt man

Kultur / 14.11.2014 • 18:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wer weiß um die unterschiedlichen Laute, Rhythmen, Wortbildungen des sich laufend verändernden, eben lebendigen Sprachmaterials?
Wer weiß um die unterschiedlichen Laute, Rhythmen, Wortbildungen des sich laufend verändernden, eben lebendigen Sprachmaterials?

Nicht nur die Museumsfachleute, auch die Bevölkerung bzw. Besucher halten fest, was zu dokumentieren ist.

Bregenz. (VN-cd) Gesellschaftliche Veränderungen seien in den Ausstellungen im Vorarlberg Museum durchaus sichtbar, erklärt Willibald Feinig aus Altach, einem wesentlichen Paradigmenwechsel werde aber noch zu wenig Beachtung geschenkt, nämlich jenem, den Schulprojekte ausgelöst hätten. Er bezieht sich dabei beispielsweise auf den Europatag am Gymnasium Dornbirn-Schoren. Schon vor Jahren führten Schüler der Unterstufe beispielsweise ein litauisches Märchen auf. Derlei Aktionen stellen nicht nur eine Besonderheit im Schulalltag dar, sie hätten die Schule und den Alltag auch verändert. Dokumente solcher Projekte gehören für ihn bewahrt, gesichtet und entsprechend präsentiert.

Keine Gräber, Lebendiges!

„Museen sind Gräber mit tausenderlei Grabbeigaben samt Toten“, erklärt der Künstler und Verleger Ulrich Gabriel. Wir  hätten zwar ein neues Museum, aber in den Köpfen seien überwiegend alte Zöpfe. Das Gewicht, das z.B. auf das tote Objekt-Rom gelegt werde, sei übertrieben: „Die Resterln der Macht der Cäsaren, der Weltreichpotentaten lösen bei mir keinen Kniefall vor dem Glaskasten mit Überwachungskamera aus.“ Er könne auch dem ausgestellten rostigen Spätzler einfach nichts abgewinnen, auch wenn noch so viele Museumspädagagogen um ihn herumkreisen und ein Hausmannskostvortrag den anderen ablöse.

Ulrich Gabriel weiter: „Was den ausgehauchten Dingen im Museum fehlt, ist das Lebendige, das lebend sich Verändernde, das lebend im Land Anzutreffende, das Atmende, sich im Wandel Befindende, das in direktem Erleben der Gegenwart zum Beschauer steht.“ Er schlägt als Thema eine lebendige Darstellung zur Geschichte eines der wichtigsten, weil noch immer unnachahmlichen Identitätsmerkmale Vorarlbergs vor: Sprachgeschichte. „Wie spricht Vorarlberg? Wie sprechen die 400.000 Einwohner in diesem kleinen geografischen Raum? Warum spricht Vorarlberg zwischen Standard- und A2-Deutsch noch immer und überwiegend in zehn verschiedenen Mundarten und schreibt im Standarddeutsch? Woher kommt der Ausdruck ,hochdeutsch‘? Wie ist das Schriftdeutsch entstanden, wie sind die Mundarten entstanden? In einer Darstellung der Geschichte unserer Sprache müsste Rudolf von Ems mit seiner Weltchronik hereinmarschieren und Notker Balbulus aus St. Gallen seine Sequenzen singen. Dem Gsi das lebendige Si entlocken könnte ein Ziel sein. Kaum jemand kennt etwa den Zusammenhang unserer Dialekte mit dem Mittelhochdeutschen, ja Althochdeutschen. Kaum jemand ist sich bewusst, dass die Mundarten in ihren Wurzeln bis nahezu ins 6. Jahrhundert reichen, das Schriftdeutsche (,Hochdeutsche!) hingegen im 16. Jahrhundert unter anderem aus dem Prager Kanzlei-Deutsch, aus machtpolitischen Gründen geschaffen wurde. Wer kennt die zahlreichen Sprachdenkmäler gerade in unserem Großraum mit den vielen Klöstern und wertvollen Bibliotheken? Wer weiß um die unterschiedlichen Laute, Rhythmen, Wortbildungen, um die im Unterschied zum ausgestellten toten römischen Scherben lebendigen Bestandteile des sich laufend verändernden, eben lebendigen Sprachmaterials? ,Die sprachliche Tätigkeit ist eine spezifische Form der geistigen Tätigkeit, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringt‘ (Wilhelm Schmidt). Sprachliche Unterschiede zeigen alte politische, geografische, wirtschaftliche Zusammenhänge auf, zum Beispiel jenen unserer indoeuropäischen Wurzel. Der Sprachstammbaum der ganzen Welt tut sich auf. Die Darstellung müsste freilich neuen lebendigen Ideen folgen. Nehmen wir uns Zit, Zeit ist da.“

Spezielle Schulprojekte haben den Alltag verändert. Fotos: VN
Spezielle Schulprojekte haben den Alltag verändert. Fotos: VN

Was hat im Museum Platz?

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» Einzusenden sind: Fotografien von Gegenständen sowie Fotografien oder Kopien von Dokumenten (Briefe, Plakate, Akten, Notizen, Verträge, Bilder etc.)

» Themen: Gefragt sind Gegenstände oder Dokumente zu allen Themen, die für Sie von Bedeutung sind und die einen Bezug zu Vorarlberg haben.

» Absender: Versehen Sie alle E-Mail-Sendungen mit Ihrem Namen und Ihrer Adresse.

» E-Mail: museumsstuecke@vorarlbergernachrichten.at

» Laufzeit: Die Einsendungen können ab sofort erfolgen und werden nach und nach behandelt. Die Aktion dauert bis Ende des Jahres 2014.

» Auswertung: Die Auswertung der Einsendungen erfolgt in der VN-Redaktion in Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern im Vorarlberg Museum.

» Weitere Informationen zum Projekt: Christa Dietrich (Kulturredaktion, Vorarlberger Nachrichten), Tel. +43/5572/501-225