„Ich will nicht das abgelutschte Repertoire spielen“

20.11.2014 • 20:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Irakli Gogibedaschwili Foto: JU
Irakli Gogibedaschwili Foto: JU

Das Kammerorchester wurde längst zum beliebten Fixpunkt im Konzertleben.

HOHENEMS. Anfangs noch als „Russenorchester“ belächelt, heute längst zum festen Bestandteil der Vorarlberger Musikszene geworden, hat sich „Arpeggione“ ein treues Abo-Publikum, ein international beachtetes künstlerisches Profil und selbstbewusste Eigenständigkeit erarbeitet. Eine Erfolgsgeschichte, an der der Gründer und künstlerische Leiter Irakli Gogibedaschwili entscheidenden Anteil hat.

Wann sind Sie nach Vorarlberg gekommen?

GOGIBEDASCHWILI: Als Georgier gehörte ich zu jenen Musiklehrern aus dem Osten, die der Götzner Musikschul- und Fahrschulleiter Alfred Mayer damals ins Land geholt hat. Ich kam 1984 hierher und habe mich sofort wohlgefühlt.

1990 haben Sie „Arpeggione“ gegründet. Hatte das auch mit der damals beginnenden Abwanderung der Schubertiade aus Hohenems zu tun?

GOGIBEDASCHWILI: Ja, aber nur zum Teil. Wir wollten diese Lücke mit einem eigenen Kammerorchester füllen, wie ich es unter dem berühmten Dirigenten Rudolf Barshai schon in Moskau mit sensationellem Erfolg miterleben durfte. Ich habe mit befreundeten Musikern begonnen, zu denen auch Gari Petrenko gehörte – inzwischen hat uns sein berühmter Sohn Kirill schon mehrmals dirigiert.

Deutet nicht auch der Name auf ein bekanntes Werk Schuberts hin?

GOGIBEDASCHWILI: Ja, die „Arpeggione“-Sonate. Aber der Name entstand, weil das auf der Bratsche mein Lieblingsstück war. Nun ist es eine Marke geworden.

Welche Probleme waren beim Aufbau dieses Orchesters zu überwinden?

GOGIBEDASCHWILI: Es war vor allem das Geld. Die Musiker mussten natürlich bezahlt werden, und dieses Problem haben wir bis heute, es zieht sich wie ein roter Faden durch (lacht). Ich habe 1992 den kunstsinnigen Unternehmer Wilhelm Otten und den Hohenemser Bürgermeister Herbert Amann zu einem Konzert unseres Orchesters nach Moskau eingeladen, und die beiden waren so begeistert, dass sie uns von da an nach Kräften finanziell unterstützt haben. Das war unsere beste Zeit, leider ist es dann durch verschiedene Umstände bald weniger geworden. Heute bemühen wir uns, mit Hilfe von Land und Stadt und unseres Freundeskreises unter Gräfin Stéphanie Waldburg-Zeil als Präsidentin mit Sponsoren einigermaßen über die Runden zu kommen. Ich möchte aber nicht nur ein Stück Schokolade zum Jubiläum, sondern generell einen höheren Sockelbetrag haben, damit wir auch längerfristig planen können.

Sie sind als Gründer, künstlerischer Leiter und Organisator eine Art One-Man-Show – ohne Ermüdungserscheinungen.

GOGIBEDASCHWILI: Für mich ist das Höchste, was im Leben zählt, die Liebe – die Liebe zur Musik, zu den Menschen. Das bleibt, und das ist mein Lebensprinzip, auch im Orchester. Wir haben keine Beamten, die bei der Probe gleich auf die Uhr schauen. Sie musizieren alle mit unglaublicher Liebe zur Sache, und das spüren auch die Zuhörer. Sie müssen nicht alles verstehen, aber sie müssen die Emotion und die Kraft fühlen, die von dieser Musik ausgeht: Das ist unsere Kultur!

Am Beginn hat man oft gehört, das Orchester werde zwar vom Land unterstützt, bestünde aber vorwiegend aus auswärtigen Musikern.

GOGIBEDASCHWILI: Man hat damals sogar vom „Russenorchester“ gesprochen, weil viele Musiker aus dem Osten kamen. Inzwischen ist das längst ein europäisches Orchester geworden mit einer fixen Stammbesetzung. Wichtig ist die Qualität und nicht, woher die Musiker kommen. Andererseits haben auch sehr viele junge Vorarlberger schon in unseren Reihen gespielt, leider wandern sie dann ab.

Wie entstehen Ihre Programme, wie groß ist die Toleranz der Abonnenten bei weniger Bekanntem und bei Uraufführungen?

GOGIBEDASCHWILI: Ich will nicht immer das abgelutschte Repertoire spielen, will mich unterscheiden. Und so habe ich Musik von Komponisten, die zu Unrecht im Schatten standen, ausgegraben. Die Zuhörer sind das heute gewöhnt, auch wenn ich ihnen vorsichtig neue Musik in kleinen Portionen serviere. Für diese Werke muss man dann natürlich auch die entsprechenden Dirigenten und oft junge, besonders talentierte Solisten finden, die sind mir ein ganz besonderes Anliegen.

Mit den beiden Chefdirigenten der letzten Zeit hatten Sie auch großes Glück.

GOGIBEDASCHWILI: Der ruhige Alexander Rudin, gleichzeitig ein phänomenaler Cellist, war sehr lange Zeit unser spiritueller Mentor, er hat uns die innere Kraft gegeben. Seit drei Jahren ist es nun Robert Bokor, ein sehr positiver Mensch, der uns mit seinem Temperament stets neue Energie vermittelt.

Wie sieht Ihr Resümee dieser
25 Jahre aus?

GOGIBEDASCHWILI: Ganz spontan gesagt: Ich bin glücklich! 25 Jahre Arbeit mit so tollen Musikern, tollen Programmen, mit Weltstars wie zuletzt der bulgarischen Mezzosopranistin Vesselina Kasarova – was kann man sich da noch Besseres wünschen?

Zur Person

Irakli Gogibedaschwili

Künstlerischer Leiter „Arpeggione“, Bratschist, Pädagoge

Geboren: 16. Oktober 1947 in Tiflis/Georgien

Ausbildung: Hochschule und Konservatorium Moskau

Tätigkeit: Lehrer für Bratsche und Violine an der Tonart-Musikschule und in Hard

Ehrungen: Ehrengabe des Landes (2010), Berufstitel „Professor“ (2012)

Familie: verheiratet mit Cäcilia, fünf Töchter (Ketevan, Tamara, Anna, Elisso und Eteri)

23. November, 10.30 Uhr, Palast Hohenems: Programmpräsentation für die neue Saison des Arpeggione Kammerorchesters – Birgit Stefanie Meyle, Klavier, Eintritt frei!