Nüchtern und zeitlos aktuell

Kultur / 21.11.2014 • 18:18 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
   
   

Roman. Auch Komasaufen hat eine eigene Dramaturgie und kann trotz des absehbaren Ausgangs spannender Lesestoff sein. Brillant, gnadenlos und stilistisch trocken führt das Charles Jackson (1903-1968) in seinem neu übersetzten Trinkerroman „Das verlorene Wochenende“ vor.

Jackson schickt seine autobiografisch gefärbte Hauptperson Don Birnam im Jahr 1936 auf eine fünftägige Trinktour durch Manhattan. Der junge, erfolglose Schriftsteller drückt sich vor einem Wochenende bei seinem Bruder und schließt sich lieber mit Whiskey in seiner Bude ein. Die Jagd auf den immer nötigen Nachschub treibt ihn in Bars, Geldmangel dabei zu kläglich scheiterndem Handtaschendiebstahl. Der Absturz geht, unterbrochen nur von kurzer, aber eben seliger Entspannung bei den Drinks, erbarmungslos weiter Richtung Sturz, Verletzung, Delirium, Ausnüchterungszelle. Selbsttäuschungen, Notlügen und Ausflüchte flicht Jackson kunstvoll zusammen mit nüchternen Reflexionen über die Gründe für den Hang zur Flasche.

Charles Jackson: „Das verlorene Wochenende“, Dörlemann Verlag, Zürich, 352 Seiten