Museum tritt Gurlitt-Erbe an

Kultur / 24.11.2014 • 20:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vertragsunterzeichnung: Kunstministerin Monika Grütters und der Präsident des Kunstmuseums Bern, Christoph Schäublin. Foto: AP
Vertragsunterzeichnung: Kunstministerin Monika Grütters und der Präsident des Kunstmuseums Bern, Christoph Schäublin. Foto: AP

Die Raubkunst wird vom Kunstmuseum Bern in Kooperation mit der Bundesrepublik aber restituiert.

Berlin, Bern. Der Stiftungsratspräsident des Kunstmuseums Bern, Christoph Schäublin, unterzeichnete gestern eine Vereinbarung mit Bayern und der Bundesrepublik Deutschland. Dieser zufolge werden die rund 500 Werke aus der Gurlitt-Sammlung, die unter Raubkunstverdacht stehen, zunächst in Deutschland bleiben. Zu jedem Werk soll im Laufe des kommenden Jahres ein Bericht vorgelegt werden. Auch die Schweiz will sich mit einer Expertengruppe an der Arbeit beteiligen. Deutschland sagte im Gegenzug zu, die Kosten für die Rückgabe und mögliche Streitfälle zu übernehmen. „Unserer besonderen deutschen Verantwortung gegenüber den Opfern der NS-Diktatur wollen wir mit der Vereinbarung nicht nur rechtlich, sondern auch moralisch gerecht werden“, erklärte Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Gut ein halbes Jahr nach dem Tod von Cornelius Gurlitt geht damit eine lange Hängepartie zu Ende. „Die Entscheidung ist dem Stiftungsrat nicht leicht gefallen, und Triumphgefühle löste sie schon gar nicht aus“, sagte Schäublin mit Hinweis auf die Verantwortung und das Leid der Opfer.

Sofortige Restitutionen

Die drei bereits als NS-Raubkunst identifizierten Arbeiten – „Sitzende Frau“ von Henri Matisse, „Zwei Reiter am Strand“ von Max Liebermann und „Das musizierende Paar“ von Carl Spitzweg – sollen laut Grütters nun schnellstmöglich an die Erben zurückgegeben werden. Von den rund 480 Werken, die von den Nazis einst als „entartet“ verfemt worden waren, sollen alle unverdächtigen Fälle zusammen mit dem unproblematischen Rest der Sammlung nach Bern gehen. Die Schweizer Seite sei aber bereit, Leihanfragen von deutschen Museen, denen die Kunst einst gehörte, mit Vorrang zu behandeln, sagte Grütters.

Rasches Handeln gefordert

Die Jewish Claims Conference, die viele jüdische Erben vertritt, begrüßte die Vereinbarung ebenfalls. „Das ist die Gelegenheit für die Schweizer, sich für das Richtige einzusetzen und ein Beispiel für andere Länder Europas zu geben“, sagte Greg Schneider. „Das ist die Gelegenheit zu sagen: Wir haben nicht immer alles richtig gemacht, aber wir wollen jetzt die moralische Führung übernehmen.“ Zugleich forderte der deutsche Repräsentant Rüdiger Mahlo von der Taskforce eine schnellere und intensivere Bearbeitung der Fälle.

Insgesamt umfasst Gurlitts Sammlung mehr als 1500 Bilder, darunter wertvolle Werke etwa von Matisse, Picasso, Renoir und Monet. Kurz vor seinem Tod hatte er im April 2014 einen Vertrag mit der Bundesregierung unterzeichnet, in dem er die weitere Erforschung seiner Sammlung auf Nazi-Raubkunst zusicherte. Die Vereinbarung zwischen Bern, Bund und Bayern fußt auf diesem Vertrag.

Zur Kunstsammlung gehören rund 20 Topwerke der klassischen Moderne, doch ob diese je nach Bern kommen, ist mehr als offen: Bei den meisten besteht nämlich Raubkunstverdacht. Dennoch erhält das Museum Werke weltbekannter deutscher Expressionisten wie Franz Marc, August Macke oder Ernst Ludwig Kirchner. In Platznot dürfte das Konvolut das Kunstmuseum allerdings nicht bringen.

Begriffserklärung zum Fall Gurlitt und zur Raubkunst

» VATER UND SOHN GURLITT: Cornelius Gurlitt (1932-2014) war der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956), einer zentralen Figur des Kunsthandels der Nationalsozialisten. Nach dessen Tod war Cornelius Gurlitt für die Sammlung von mehr als 1500 Werken, darunter Arbeiten von Matisse, Picasso und Monet, verantwortlich. Er hielt sie im Verborgenen. 2012 entdeckten Fahnder einen Großteil der Bilder in seiner Münchner Wohnung und seinem Haus in Salzburg. Die Werke wurden sichergestellt.

» RAUBKUNST: Die Nazis enteigneten u. a. jüdische Sammler oder zwangen sie, ihre Kunstschätze unter Wert zu verkaufen. Die den Opfern abgenommenen Werke werden Nazi-Raubkunst genannt. Teile der Sammlung Gurlitt stehen unter Raubkunst-Verdacht.

» „ENTARTETE“ KUNST: Der Begriff „entartet“ stammt aus der Nazi-Rassenlehre. Die Nationalsozialisten übertrugen ihn auf moderne Kunst, die nicht zu ihrem Kunstverständnis und Menschenbild passte. Als „entartet“ diffamierte das NS-Regime unter anderem Werke des Expressionismus, Surrealismus und Kubismus. Teile der Sammlung Gurlitts konnten der nationalsozialistischen „Aktion Entartete Kunst“ zugeordnet werden.

» PROVENIENZFORSCHUNG: Bei der Provenienzforschung versuchen Experten die Herkunft von Kunstwerken zu klären. Erst in den letzten Jahren wollen Museen ausschließen, dass sich Nazi-Raubkunst in ihren Beständen befindet. Dazu prüfen die Fachleute etwa die Eingangsdaten und die Preise, zu denen Werke gekauft wurden.