Poesievoller Erkenntnisgewinn

Kultur / 25.11.2014 • 21:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„StrahlengriffelKindertragsattel“ von Edgar Leissing.

Wenn Edgar Leissing das Paradies sucht, konfrontiert er mit Tradition und Moderne.

Christa Dietrich

Feldkirch. Paul Gauguin (1848–1903) verzog sich in die Südsee. Warum der Deutsche Otto Mueller (1874–1930) so gern den Balkan bereiste, ist gerade im neuen Kunstmuseum in Ravensburg nachzuvollziehen. Die Stadtflucht namhafter Künstler hat, wie wir wissen, die Kunstgeschichte bereichert. Kunst, besonders Skulpturen, außereuropäischer Völker zu sammeln, erfreute sich vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert besonderer Beliebtheit. Picasso (1881–1973) hat es getan, aber auch Otto Dix (1891–1969) oder Rudolf Wacker (1893–1939).

Das Interesse für Ethnologie und Naturwissenschaften reicht beim Vorarlberger Edgar Leissing (geb. 1960) in die Kindheit zurück. Ausschlaggebend dafür waren auch die Dokumente von Hugo Bernatzik (1897–1953), der als Ethnologe und Fotojournalist 1925 und 1927 Safaritouren an die Quellflüsse des Nils bzw. in den Sudan unternahm und enorm aussagekräftige Aufnahmen vom Land und seinen Bewohnern hinterließ. Die damaligen Menschendarstellungen, die von einem romantischen Blick, aber mitunter auch von einer überheblichen Warte der Europäer geprägt waren, verlangen bei aller Bedeutung, die sie haben, heute nach einer Neubetrachtung, die Wissenschaftler auch geliefert haben.

In Symbiose

Auf Fotografien basierende Figuren- und Porträt-Zeichnungen mit graphischen Mustern und Blumen zu kombinieren oder gar symbiotische Systeme zu konstruieren, das kennen wir von Edgar Leissing. Über die Jahre sind Serien entstanden, die  inzwischen einen wesentlichen Aspekt

in seinem Schaffen ausmachen und sich zudem als Mittel erweisen, Bewegung im statischen Werk zu betonen und dem Betrachter Möglichkeiten zur gedanklichen Weiterführung des Motivs zu eröffnen. In seiner Ausstellung mit dem Titel „Paradies­phantasieEntfremdung“ in der Feldkircher Villa Claudia konfrontiert er die Besucher zudem mit einer besonderen Leidenschaft, mit seiner Auseinandersetzung mit der Blumenmalerei von Anne Marie Trechslin (1927–2007). Es mögen Geschichten sein, die er mit den Collagen erzählt, die Kombination von Zeichnungen und aufwendig sortierten Blüten lässt sich aber auch als Ausreizen formaler Möglichkeiten lesen. Leissings Paradiessuche ist jedenfalls einem echten Interesse und nicht der Esoterik geschuldet.

 Sammlung Riedmann

Betont wird dieses Anliegen auch durch die Kombination der neuen Arbeiten mit der Sammlung von Gernot Riedmann. Die Skulpturen aus Westafrika, die der Vorarlberger sorgfältig zusammengetragen hat, sind ein wahrer Schatz. Abgesehen von der Erkundung der eigentlichen Bedeutung der Objekte tut sich hier eine Themenvielfalt auf. Die Assoziationen reichen von der (unersprießlichen) Tatsache, dass es einen Replika-Boom gibt, den die Tourismuswirtschaft geschaffen hat, bis zum Beleg dafür, dass die europäische Kunst über Einflüsse aus Afrika eine entscheidende Weiterentwicklung erfuhr. Die Zusammenführung der poesievollen Kompositionen von Edgar Leissing mit den Originalen von Riedmann und den Blumenbildern, die wieder einer anderen Tradition entstammen, vermittelt paradiesische Stimmung ohne Verharmlosung der Realität.

Nagelfetisch aus dem Kongo.  Foto: GR
Nagelfetisch aus dem Kongo. Foto: GR
„FlammenblumenShilluk“.  

Geöffnet in der Villa Claudia in Feldkirch (Bahnhofstraße 6) bis 21. Dezember, Fr, 16 bis 18 Uhr, Sa, 15 bis 18 Uhr, So, 10 bis 12, 15 bis 18 Uhr.