Immer wie aus heiterem Himmel

Kultur / 28.11.2014 • 20:14 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Fünfzigerjahre

Weihnachten beginnt im Advent. Im Schein von ein, zwei, drei, vier Kerzen. Jeden Abend ein Türchen am Adventkalender öffnen. Für jedes Bravsein einen Strohhalm in die Krippe legen, dem Jesuskind ein weiches Bettchen bereiten. Engel bevölkern Muttis Gute-Nacht-Geschichten. Ein Nikolausgedicht lernen. Vor dem Krampus fürchten. Wunschzettel schreiben. Geschenke basteln. Die Vorfreude misst vier Wochen im Quadrat.

Endlich Weihnachten. Heiligabend ist der längste Tag des Jahres. Zeit zieht sich wie Kaugummi beim Warten auf das Christkind. In der Küche sitzen auf glühenden Kohlen, bis das Glöckchen zur Bescherung bimmelt. Stille Nacht singen unterm Weihnachtsbaum. Geschenke entgegennehmen, das Goldband aufknoten, die schaumig geprägte und zart bedruckte Hülle vorsichtig abwickeln, der Jubel über den Inhalt zählt nicht Länge mal Breite. Mutti streicht das Papier glatt, faltet es fein säuberlich zusammen, wickelt das Band auf, beides ist, gebügelt, zur Wiederverwendung gedacht. Übertriebene Sparsamkeit, im Rückblick hakt man es ab unter Kriegsgeneration.

Sechzigerjahre

Christmas in London im Kreis meiner Au-pair-Freundinnen. Christmas decoration aus Papiergirlanden. Christmas cards an Schnüren kreuz und quer durchs Zimmer, wer hat die meisten? Niemand spricht von Heiligabend, Christmas Eve ist Nebensache. In aller Stille das Paket von zu Hause öffnen, Geschenke auswickeln, herzliche Weihnachtsgrüße lesen, mit Mama und Papa telefonieren, ein paar Tränen nicht zulassen. Der internationale Familienersatz hilft über Heimweh hinweg.

Christmas Day im Kloster-College begehen, Spaß haben mit Christmas crackers und Goldpapierkronen, sogar die Nonnen. Christmas Dinner klassisch mit turkey, sprouts and roast potatoes, Christmas Pudding als Dessert.

Siebzigerjahre

Weihnachten im Buchhandel. Hauptsaison mit Stress pur. Bücher auspacken, auszeichnen, einordnen. Kunden beraten. Absichten ergründen. Bedarf erkennen. Unentschlossene überzeugen. Wünsche an den Augen ablesen. Bestellungen entgegennehmen. Antiautoritär ist in. Ich lese mich ein. Kinder ohne Grenzen, müssen sich frei entfalten, ohne vorgegebene Regeln und Normen. Weihnachten steht ihnen zu. Viele Geschenke erst recht. Sie gehören in farbenfrohes, hochglänzendes Geschenkpapier gewickelt, zahlreiche Klebstreifen halten die Hülle in Form. Antiautoritär entfaltete Kinder erkennt man daran, dass sie über die Päckchen herfallen, die Verpackung aufreißen, die Fetzen hinter sich werfen, das Wohnzimmer mit Papier fluten und Spielzeug sofort demolieren, wenn ihnen danach ist. Der Erfolg antiautoritärer Erziehung rechnet sich nach angerichtetem Weihnachts-Chaos.

Achtzigerjahre

Ab Oktober Weihnachtsgedudel im Supermarkt. Weihnachten kommt früh. Zeit genug für persönliche und originelle Geschenkideen: Vielleicht etwas für Mutters neues Hobby, für Vaters Heimwerkerarsenal, eine Fotocollage, für die Tante eine Essenseinladung, Kinogutscheine für die Kollegen.

Der erste Schnee und Maronibrater an jeder Straßenecke. Die Weihnachtsmarkt­eröffnung mit Kinderchor, Glühwein und Christkindl-Prolog. Auf die Weihnachtsfeier im Büro folgt das Weihnachtsbasteln im Verein und das Krippenspiel der Jung­schar. Höchste Zeit, Geschenke zu besorgen, was wünschen sich meine Lieben? Die Vorweihnachtszeit ist aufgewogen mit Betriebsamkeit.

Weihnachten kommt immer wie aus heiterem Himmel. Letzte Plätzchen backen. Den Weihnachtskarpfen bestellen. Pflicht-Weihnachtsgrüße verschicken. Fünf Minuten vor zwölf das Obligatorische besorgen, eine Krawatte für den Vater, ein Buch für die Mutter, eine Flasche Wein für den Bruder und ein Schal für die Tante. Zur Post damit, hoffentlich reicht die Zeit noch.

Dann der Anruf der Mutter. „Du kommst doch zu Weihnachten.“ Es ist fast ein Befehl, mindestens Nötigung. „Wär’ doch schön“, fährt sie fort, Hoffnung in der Stimme. Vielleicht sogar Bitte. Dagegen komm ich nicht an. Ich kapituliere und sage den Freunden ab.

Als ganz brave Tochter begrüße ich nach dreihundert Kilometern Vater, Mutter, Bruder, Schwägerin. Traute Familie um den Tisch. Fette Gans essen. Kerzen am Baum anzünden. Stille Nacht singen. Geschenke auspacken. Pflichtschuldige Freude zeigen. Pflichtschuldige Freude einkassieren. The same procedure as every year. Familiäre Idylle hat den Radius eines Abends.

Neunzigerjahre

Bilderbuchweihnacht mit eigenem Nachwuchs. Freudige Erwartung, strahlende Gesichter, glänzende Augen, Rührung im Herzen. Geschenke auspacken bleibt heiß geliebt. Angesichts des Waldsterbens wird Geschenkpapier zum Problem. Dafür Bäume abholzen und mit dem Abfall Müllberge vergrößern, geht gar nicht. Das Geschenkpapier mehrmals verwenden, womöglich glatt gebügelt, erinnert zu sehr an die Elterngeneration.

Den Kindern die Freude am Enthüllen zu nehmen, ist auch keine Lösung. Die Alternative: Geschenke in Zeitungspapier wickeln – das ist Auspackvergnügen, Recycling und ruhiges Ökogewissen in einem. Der Umwelt ein Wohlgefallen dauert eine gute Idee.

Millenium

Weihnachten ist vorbei. Ruhe im Karton. Die Verwandtschaft ist abgereist. Das gute Porzellan und das Sonntagsbesteck sind verräumt. Der übriggebliebene Gänsebraten wird eingefroren. Kuchen und Torten auch. Dann werden Geschenke sortiert. Brauchbare bekommen den Platz, der ihnen zusteht. Ärgerliche liegen aus Pietät noch eine Weile herum. Mit Umtauschbaren geht es am ersten Werktag in die Buchhandlung, in die Boutique, in den Baumarkt. Zusammen mit den anderen falsch Beschenkten.

Den sehr vielen anderen, die wie ich Ersatz suchen, die Büchertische durchstöbern, vor den Umkleidekabinen warten, nichts Passendes finden, an den Kassen anstehen und mit einem Gutschein nach Hause gehen. Das Weihnachtsfinale ist einen Briefumschlag groß.

Zur Person

Margit Heumann

Geboren: 1949 in Rankweil, aufgewachsen in Muntlix,

Familie: verheiratet, zwei Töchter

Wohnort: lebte mehrere Jahre in England und der Schweiz, lange in Deutschland, derzeit in Wien und Bayern.

Veröffentlichungen: schreibt regelmäßig für große deutsche Zeitschriftenverlage, für die Literaturzeitschrift „Asphaltspuren“ und für Anthologien.

Einzelpublikationen:
„Ein Hobby mit Konsequenzen“, „Lebenslänglich Islandpferde“, „Mein schräger Blick auf Wien“, „Wir sind die ISI-KIDS, Reitlehre“