Prinzessin, rette deine Helden

Kultur / 02.12.2014 • 19:53 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
„Angry Young Men“ zeigt den Kampf einer Generation auf verlorenem Posten.  Foto: Oliver Lerch
„Angry Young Men“ zeigt den Kampf einer Generation auf verlorenem Posten. Foto: Oliver Lerch

Die Wurzel allen Übels hat selten dichte Wurzeln geschlagen wie beim Aktionstheater.

Dornbirn. Und dann stehen alle da und fragen sich – deutlich hörbar oder auch lautlos-stumm –, wie das alles nur geschehen konnte. Wie ist es möglich, dass junge Männer Flugzeuge entführen und in Hochhäuser lenken? Wie ist es möglich, dass gerade jene Generation, die das Glück hatte, in friedliche Zeiten hineingeboren zu werden, freiwillig in den Krieg zieht? Oder man geht noch weiter zurück in der Geschichte, an den Punkt in den 1970er-Jahren, als zum Beispiel Deutschland RAF-Terrorgebiet war, und stellt sich die Frage nach dem „Warum nur“? Oder noch weiter zurück, und man stößt auf das „Warum“ des Nationalsozialismus. Die Frage ist immer dieselbe: Wie kann es sein, dass Menschen sich in dieser Radikalität für die Gewalt entscheiden?

Das neue Stück des Aktionstheater-Ensembles, das gestern Abend am Dornbirner Spielboden unter bedrücktem Jubel uraufgeführt wurde, trägt eine der möglichen Antworten bereits im Titel – „Angry Young Men“. Die Wut ist es also, die die jungen Männer antreibt, die sie hart werden lässt und die sich gleichzeitig doch nur vor ihre Verletzlichkeit schiebt.

Im vergangenen Frühling stand mit der Uraufführung von „Pension Europa“ ein Sechs-Frauen-Stück auf dem Spielplan des Aktionstheaters. Mit „Angry Young Men“ folgen den Damen fünf Männer. Und um etwaige Bedenken gleich auszuräumen, es geht dem Aktionstheater sicherlich nicht darum, den Mann an sich im Gegensatz zur Frau als gewalttätiges Monster darzustellen. Es geht viel mehr darum, zu zeigen, woraus Gewalt entstehen kann – und das gelingt eindrücklich.

Martin Gruber ist ein Meister der Reduktion. Das ist unbestritten. Er weiß, wie er es anstellen muss, dass seine Stücke den gesamten Raum einnehmen, ohne dabei überdimensionale Kostüm- und Kulissenschlachten zu veranstalten. Er weiß, wie er Bilder mit Tiefgang auf der Leinwand seiner Bühne zeichnet, und er weiß es auch im Falle der wütenden, jungen Männer. Der Text von Wolfgang Mörth und dem Aktionstheater-Ensemble entsteht im Tun und verdichtet sich immer mehr zu einer Collage aus Zitaten. Da kommen dann schon auch Männer wie der RAF-Terrorist Holger Meins, der 9/11-Attentäter Mohammed Atta oder der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, Hermann Göring, zu Wort, während sich der Zitatenstrang immer enger um die fünf wütenden, jungen Männer festzurrt. Sehr gelungen, wie sich die Worte aus losen Kindheitserinnerungen hin zu einem Bild des Terrors mit menschlichen Zügen verdichtet.

In Rage gespielt

Dabei spielt alles ineinander, greift wie ein Zahnrad ins nächste. Das Bühnenbild, das aus nichts anderem als sechs Pritschen besteht, über denen Szenen aus dem Computerspiel „Supermario“ projiziert werden. Die Regie, die die Zügel locker führt und sich so immer weiter in Rage spielt. Die Musik, für die Andreas Dauböck Schlagzeug und Gitarre aufheulen lässt und das Spiel der fünf Männer Wolfgang Fahrner, Alexander Meile, Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn und Philipp Stix. Alles schreit förmlich nach Wut, Zorn und Aggression. Und dabei beginnt alles so harmlos. Da erzählt Andreas Jähnert, wie er als Kind mit Matchboxautos gespielt hatte und so zum Star unter seinen Freunden wurde. Da berichtet Alexander Meile von der Sache mit der Liebe und den Frauen oder es philosophiert Fabian Schiffkorn über streichfähige und harte Butter. Ganz normale, namenlose Männer stellen sie dar, die ganz normale Jugendliche waren. Sie haben ihre Erfahrungen gemacht, sind sensibel, schüchtern, wünschen sich Liebe, sind auch mal egoistisch – zeigen eben einfach das ganze Farbspektrum der Emotionen und Charaktereigenschaften.

Bleibt die Frage nach dem „Warum“? Warum brüllt ein Philipp Stix ganz aufgehend in seiner Rolle zum Schluss nur noch RAF-Zitate in den Raum, warum verwandelt sich ein Wolfgang Fahrner im Laufe des Stücks vom zurückhaltenden jungen Mann zum beinah dämonischen Attentäter? Was ist nur schief- gelaufen? Was ist mit ihnen geschehen?

Auf der Suche

Die Antwort darauf gibt sich das Stück selbst. Die fünf sind Krieger. Im Kampfanzug ziehen sie durch die Welt. Sie wollen Helden sein, endlich einmal Helden sein und gesehen werden. Sie wollen dazugehören, zu einer Gesellschaft, die sie nicht will. Oder sie stehen auf der anderen Seite und passen auf, dass niemand zu viel Anerkennung bekommt, der hier überhaupt nicht sein soll. Sie sind auf der Suche, orientierungslos. Die großen Vorbilder haben sich selbst demontiert, die absolute Freiheit des Individuums war ein Trugbild. Niemand ist frei, aber jeder ist auf sich gestellt. Und so werden sie hart, erniedrigen sie die anderen, um selbst größer zu werden. Sie werden zu Supermario, der die Bösen bekämpft und die Prinzessin rettet – oder sie ihn. Die Prinzessin rettet ihren Helden? Vielleicht irgendwann, irgendwo. Jedenfalls lässt Martin Gruber sein Stück in dieser Hoffnung verklingen. Denn gerade an dem Punkt, an dem sich die Aggression zu überschlagen beginnt, gibt es ein Wiedersehen mit fünf Frauen aus der „Pension Europa“, und die Wut wird still und verebbt im großen Sehnen nach Liebe.

„Angry Young Men“ versteht sich sicher nicht als ein umfassendes Psychogramm einer verlorenen Generation. Aber es zeigt sehr wohl den Kampf einer Generation auf verlorenem Posten, die sich schließlich im Radikalen Luft macht. Was nach dem Erleben der „Angry Young Men“ bleibt, ist dann weniger die Frage nach dem „Wie konnte das geschehen“ als die nach den Türen, die den Suchenden vor der Nase zugeschlagen wurden.

Weitere Aufführungen, 4. und
5. Dezember, jeweils 20.30 Uhr, Spielboden Dornbirn. www.aktionstheater.at