Vom Verlust der Ursprünglichkeit

Kultur / 15.12.2014 • 22:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Papageno und Pamina: Ruben Drole, Mari Eriksmoen.  Foto: Michel
Papageno und Pamina: Ruben Drole, Mari Eriksmoen. Foto: Michel

Die Argumente für Tatjanas Inszenierung der Mozart-Oper sind nicht neu, aber triftig.

Zürich. (VN-tb) Zuerst zeigt das Bühnenbild eine noch undomestizierte Natur. Und selbst hinter identischen Hausfassaden, die fleißig auf der Drehbühne kreisen, lauert das Chaos. Es ist die Welt der Königin der Nacht, die ihren Erstauftritt hat in einem spektakulären Kostüm mit weißen Federn, und deren drei Damen Bärte tragen. Später sieht die Bühne sauberer, auch kahler, aus. Zwar kann Ungeordnetes noch immer einbrechen in die Welt von Sarastro, aber hier sollen Reglements und Hierarchien das Leben überschaubar halten.

Und die unberechenbare Liebe? In das Regiekonzept für Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ von Tatjana Gürbaca am Opernhaus Zürich passt, dass die Figuren eine große Liebessehnsucht äußern und diese danach von Sarastros frauenfeindlicher Priesterkaste mit parareligiösem Prüfungsbrimborium belegt wird. Und überhaupt: Sklavenhalter Sarastro singt von Vergebung, aber verordnet seinem Aufseher zur Strafe (erst noch unverdiente) 77 Sohlenstreiche. Bei Christof Fischesser, der seine Basspartie mit wunderbar sonorer „Schwärze“ singt, bekommt der von freimaurerischem Gedankengut genährte Mann entsprechend etwas Kalt-Autokratisches.

Tamino kein wahrer Held

Die Argumente, die Gürbaca gegen eine einseitig märchenschlichte Lesart dieser vielgespielten Oper von 1791 vorbringt – wozu auch der berechtigte Zweifel gehört, ob Tamino wirklich ein Held sei -, sind an sich zwar nicht neu, aber triftig. Für die Regisseurin ist die leidgeprüfte Pamina die eigentliche Heldin des Stücks, dessen Libretto bekanntlich an unauflöslichen Widersprüchen und Richtungswechseln laboriert. Recht hat Gürbaca. Aber: Sie „macht“ entschieden zuviel. Für die Versuche, urtümlichen Zauber zu evozieren, wird abweisender Krempel bemüht. Der Erkenntniszuwachs durch die Drehbühnenbewegung ist bescheiden. Die Figuren erscheinen fast überdeutlich als Demonstrationsobjekte der Regie. Die für die Produktion erstellte Dialogfassung verstärkt solches manchmal noch, vergreift sich fallweise im Ton („kratzt ab“) oder behauptet erfolglos Humor. Gegen Ende müssen noch käferartige „wilde Tiere“ den Rückeroberungsversuch der (vermeintlich) „Bösen“ begleiten und dürfen sich Monostatos und die Königin der Nacht (provisorisch?) gerade noch retten.

Ruben Drole zelebriert die Papageno-Späße manchmal mit einer Ausführlichkeit, bis die Pointen flachzuliegen drohen, entschädigt aber mit seiner wunderbaren gesanglichen Leistung. Leuchtklar und empfindungstief klingt die Pamina von Mari Eriksmoen. Ohne Druck und timbreschön, mitunter mit etwas sparsam dosiertem Espressivo, singt Mauro Peter den Tamino. Sen Guo meistert untadelig die diabolischen Koloraturarien der Königin der Nacht. Das Originalklangensemble „Orchestra La Scintilla“ spielt unter Cornelius Meister vibratoarm entfettet, mit Akzentwürze, Schwelltönen und klangfarblich reizvoll.

Nächste Aufführungen am 18., 20., 23., 26. und 28. Dezember.
Dauer: dreieinviertel Stunden,
www.opernhaus.ch