Die besten Kracher zum Schluss oder Wie ich lernte, absolute Stille zu lieben

Kultur / 02.01.2015 • 20:44 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Elisabeth Maria (Si.Si) Klocker ist auch als bildende Künstlerin tätig: Arbeit in Mischtechnik auf Pappendeckel. Foto: Klocker
Elisabeth Maria (Si.Si) Klocker ist auch als bildende Künstlerin tätig: Arbeit in Mischtechnik auf Pappendeckel. Foto: Klocker

Da ist sie wieder: Die Zeit der Jahresrück-, und -vorschau, der Knaller und Böller, der Kracher und Lacher. Zeit der Ausgelassenheit, der ausufernden Champagnerlaune und der unvernünftigen Verschwendung. Auch für wenig Geld sind schon Familiensortimente von Silvesterraketen zu erstehen. Klingende Namen wie „High Speed Bombs“ oder „Bombette“ üben auf alle Altersgruppen einen besonderen Reiz aus. Es ist ein bisschen wie Krieg spielen für große Kinder. 10 Millionen Euro geben die Österreicher jährlich für ihre Silvesterböller aus. Eine stolze Summe. Europa verdankt die Erfindung der Feuerwerkskörper wohl den Chinesen, die vor 1300 Jahren das Schwarzpulver zusammenmischten und mit den Knallern böse Geister vertrieben. Besonders im Barock frönten die europäischen Adeligen den Feuerwerkskünsten, wobei Geld keine Rolle zu spielen schien. Zu jedem Anlass wurden opulente Feuerwerke abgebrannt, denn diese zeigten sichtbar die Macht und den Einfluss des Adels. Schlachten wurden nachgestellt und der Feind am Ende prunkvoll und unter lautem Getöse in die Luft gejagt. So könnte man sich auch die Kriege des 21. Jahrhunderts vorstellen. Echte Massenvernichtungswaffen und Bomben werden einfach durch vergleichsweise harmlose Feuerwerkskörper ersetzt. Das würde mehr Spaß machen und viele Menschenleben schonen.

So schön und vielfältig die bunten Himmelslichter auch sind. Wer begeistert von Sprühkerzen und Raketen spricht, der sollte sich auch ihrer Schattenseiten bewusst sein. Viele Kinder wurden schon schwer verletzt, einige Männer sind beim Hantieren mit den Böllern sogar ums Leben gekommen. Wer mit dem Feuer spielt, darf sich eben nicht über die Konsequenzen wundern. Vielleicht ist es einmal an der Zeit, über Alternativen nachzudenken.

Was würde passieren, wenn es nur einmal, ein einziges Mal, keine Knaller, Böller, Raketen und Feuerwerke geben würde? O.k. Ich sehe und höre schon Ihren Unmut – zu sehr haben wir uns an das donnernde Silvesterbombardement gewöhnt – verstehe. Würden wir auf die Knallerei verzichten, hätten alle Tiere in der Silversternacht endlich mal ihre Ruhe. Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Vögel und sämtliche Wildtiere müssten sich nicht mit erschreckt geweiteten Augen verstecken. Na gut, von mir aus können Sie sich ja vor dem Fernseher die Feuerwerke der letzten Jahre ansehen. Eine weitaus harmlosere und gemütlichere Variante.

Würde man das ganze Geld, das zu Silvester auf der ganzen Welt verpulvert wird, einer sinnvollen Bestimmung zuführen, so hätte die gesamte Menschheit nachhaltig was davon. Wie viel Gutes da in die Wege geleitet, wie viele Menschenleben da gerettet werden könnten, wage ich nicht zu träumen. Wie viel Armut auf der ganzen Welt reduziert, wie vielen Kindern geholfen werden könnte. Was da zusammen käme. Vielleicht wäre es dann auch möglich, alle Bootsflüchtlinge aus Afrika vor dem sicheren Tod durch Ertrinken oder Verdursten zu retten? Die modernen Menschenopfer der Europäischen Union im Mittelmeer zeigen auf, wie die allerorts so gepriesene Menschenwürde an ihrer Umsetzung zu scheitern droht. Wo Menschenrecht draufsteht, ist oft nur praktiziertes Unrecht drin. Doch daran wollen wir zu Silvester wirklich nicht denken, wir wollen es ja so richtig krachen lassen. Was wurde eigentlich vor dieser sinnlosen Ballerei gemacht?

Bleigießen, Silvestersuppe, Hausmusik, Tanzen, lustige Lokalrunden, Schlittenfahrten mit Lampions, Winterwandern etc. Aber wir sind schon längst in die globalisierte Welt der Zwänge eingetaucht. Wir leben mit Verordnungen: Jeder muss mitknallen, mitlallen, mit-laufen, mitlachen, mitdabei- sein. Umso sinnloser, teurer, dümmer etc. das Ganze ist, desto mehr machen mit.

Darf ich Sie einmal gedanklich auf eine kleine Reise entführen?

Wenn vier Millionen Erwachsene zu Silvester pro Person 20 Euro für ihre Raketen ausgeben, käme da schon die stolze Summe von 80 Millionen Euro zusammen, die man einem guten Zweck zuführen könnte. Das wäre einmal ein Gedanke der Solidarität, der Liebe, der Fürsorge für andere und er wäre nur mit einem minimalen Verzicht verbunden. Wenn wir das Silvesterfeuerwerk also einmal ausfallen lassen, könnten wir stattdessen im Fernsehen auf vergangene Silvestersendungen zurückgreifen. Aber nein, das geht nicht, das ginge wirklich zu weit, das ist uns wirklich zu viel. Auch Spaß muss sein. Außerdem wer weiß, was mit den Spenden so alles passiert, wer da mitschneidet am guten Geld. Haben wir Menschen so viel Angst vor der Dunkelheit, vor der Stille, vor der Nacht, dass sie diese um jeden Preis erhellen müssen?

Doch es gibt ja Alternativen: Manche feiern heuer ein Mal anders, ruhiger, mit Kerzen, Bleigießen, mit Linsensuppe. Wir erzählen uns Geschichten, gehen früh zu Bett und sind am nächsten Tag ausgeruht, bereit für eine Neujahrswanderung. Wir schenken uns einmal eine Portion Rückzug, eine Prise Einkehr, eine Stunde Besinnung. Kurz: Wir machen einmal etwas anderes. Anstatt immer wieder das Gleiche zu wiederholen, wie Schauspieler auf der Bühne.

Manche gehen das Risiko ein und wandeln durch Silvesterpfade. Doch aufgepasst: Die Ohren sind sensibel, und können an solchen Nächten irreparabel geschädigt werden – also bitte Wachskugeln nehmen und den Gehörgang so gut es geht zustöpseln. Übrigens, die Feinstaubbelastung hätte ich beinahe vergessen. An Silvester steigt sie rapide an. Im Rauch der Böller finden sich allerlei gesundheitsschädliche Schwermetalle wie Strontium und Barium. Es empfiehlt sich daher auch eine Staubmaske aufzusetzen oder einen dicken Schal um Nase und Mund zu wickeln.

Übrigens für all diejenigen, die glauben, überall ihr Privatfeuerwerk abfackeln zu können: Das österreichische Pyrotechnikgesetz von 2010 verbietet – von Ausnahmen einmal abgesehen – in §38 Abs1 „die Verwendung pyrotechnischer Gegenstände (. . .) im Ortsgebiet“ auch an Silvester. Leider halten sich viele nicht daran.

Um dem Terror zum Jahreswechsel zu entfliehen – schließlich wird man ja auf nächtlichen Straßen von ohrenbetäubenden Knallkörpern aller Art, die einem noch vor die Füße geworfen werden, bedroht – flüchten viele in ihre gemütlichen Wohnungen. Sie ziehen es verständlicherweise vor, im Familien- und Freundeskreis ein feines Abendessen zu genießen, oder sich vor dem Fernseher z.B. mit der Kultsendung „Dinner for one“ zu amüsieren.

Aus all diesen Gründen reichen mir persönlich Videos auf Flachbildschirmen von den tollsten Knallern der Welt vollkommen. Es würde auch genügen, einen Film von einem Feuerwerk auf das Festspielhaus oder Landesmuseum zu projizieren. Das ist kostengünstiger, spart Nerven und die Lautstärke könnte man auch einstellen. Das wäre mal ein neuer Trend.

Studieren wir doch mal die Silvesterbräuche anderer Nationen. So finden wir diese oftmals kostengünstiger, aber mindestens genauso lustig. Auf meiner Recherche habe ich manch anregenden Silvesterbrauch zum Nachahmen aufgestöbert. So ist es im Südeuropa noch weit verbreitet, dass Frauen zu Silvester rote Unterwäsche tragen, um sich ein erfreuliches Liebesleben im kommenden Jahr zu sichern. Allerdings ist es strikt vorgeschrieben, die Dessous schon am Neujahrstag wegzuwerfen, sonst bleibt der Liebeszauber wirkungslos. Linsensuppe wird reichlich gegessen, um Bargeld anzuziehen. Auch wird Tombola zur allgemeinen Belustigung gespielt.

Das klingt ja schön und gut, aber in unseren Breiten läuft Silvester etwas anders ab.

Unsere Kinder sind ja schließlich schon darauf eingestellt, dass der Papa da wieder großzügig in die Taschen greift und allerhand aus dem Hut zaubert. Was würden unsere Männer wohl ohne diese lautmalerische Art des Jahreswechsels mit ihrem Leben anfangen? Sie meinen, besser ballern, als auf gefährlichere Ideen zu kommen? Eifersuchtsdramen an den Feiertagen, Einsamkeit und Silvesterdepressionen führten schon manches Mal zu Mord und Totschlag. Die einen feiern, die anderen versauern einsam in ihren Wohnungen. Manche haben schon das Gewerbe eines Taxifahrers übernommen, um an Silvester das Nützliche (Geldverdienen) mit dem Praktischen (nicht alleine daheim vor dem TV-Gerät zu versumpern) zu verbinden.

Wie fühlt es sich für Babys an, die gerade in der Silvesternacht geboren werden?

Sie werden durch das laute Krachen über dem Spital schon gebührend auf ihr Erdendasein vorbereitet, dass ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Hören und Sehen vergeht.

Fazit: Spät, aber doch, entdecken wir, dass wir zu den Weihnachtsfeiertagen und Silvesternächten wieder einmal dem Konsumwahn aufgesessen sind. Die Einzigen, die sich ins Fäustchen lachen, sind nicht wir mit unseren leergefegten Geldbörsen, sondern die Großkonzerne, die wieder an uns verdient haben. In der besinnlichsten Zeit des Jahres, wo wir uns am liebsten ausruhen und uns in dunklen Höhlen verkriechen würden wie behäbige Bären, genüsslich dem Winterschlaf hingegeben, rennen wir wie von Sinnen herum. Wir sind programmiert auf Shoppen und Konsumieren non stop.

Als neue Freiheit wird uns eingeredet, dass wir so viel kaufen und verschießen können, wie wir wollen. Es gibt ja noch die Banken, die für Kredit ohne Limit sorgen. Ob wir nach den Festtagen in einer Schuldenspirale sitzen, weil wir die Kreditkarte überstrapaziert haben, interessiert keinen. Freiheit vom Konsumzwang ist auch Freiheit. Es einmal anderes zu machen, etwas ruhiger und dennoch voll Freude, kann ein Abenteuer werden.

Manche nützen die Zeit und schreiben einen Jahresrückblick gepaart mit einer Neujahreswunschliste. Allerlei ernstgemeinte Vorsätze vom Rauchenaufgeben bis zur Ernährungsumstellung, die endlich zum Idealgewicht führen soll, werden in Sektlaune schnell gefasst. Doch das Aufgeben einer schlechten Angewohnheit fällt auch im neuen Jahr schwerer als gedacht. Daher: Ein paar harmlose Bestellungen ans Universum tun es auch. Wer wirklich etwas verändern will, dem soll folgender Coaching-Tipp ans Herz gelegt werden: Schreiben Sie 60 bis 100 Dinge auf, die Sie in ihrem Leben gerne anders haben wollen. Angefangen von kleinen Reparaturen in der Wohnung bis hin zu großen Themen, wie Beruf, Partnerschaft, Kinder, Reisen, Gesundheit und arbeiten sie diese Liste peu à peu ab.

Zur Person

Elisabeth Maria (Si.Si.) Klocker

Geboren: 1967 in Bregenz

Ausbildung: Studium Theater- und Filmwissenschaft in Wien

Tätigkeit: Performerin, Sängerin u. a. als Kunstfigur Kaiserin Si.Si., Malerin, Autorin,

Werke: Publikation zu Grete Gulbransson , Film „Mara Mattuschka Different Faces of an Anti-Diva“ (Einladungen zur Diagonale und zum Frauenfilmfestival Köln), Kurzfilme, Veröffentlichungen in Anthologien etc.

Ausstellungen: u. a. im Palais Thurn und
Taxis in Bregenz

Wohnort: Wien